The Dissident

(USA 2020; Regie: Bryan Fogel)

Chronik einer Ermordung

In seinem Film „The Dissident“ geht Bryan Fogel den Hintergründen zum Mord am saudischen Journalisten und Medienberater Jamal Khashoggi am 2. Oktober 2018 nach. Der 60-jährige besuchte an diesem Tag die saudische Ländervertretung in Istanbul, um Scheidungsunterlagen abzuholen. Ein eigens eingeflogenes Team brachte ihn an Ort und Stelle um, kaum dass er das Gebäude betreten hatte. Saudische Stellen gaben zwei Wochen später die Tat auch zu, es habe sich um „ein Versehen“ gehandelt – ein Beweis dafür, dass man sich recht sicher fühlte in dem, was man tat. Und sich nicht mal eine gute Ausrede ausdachte.

Saudi-Arabien ist ein wichtiger Handelspartner auf internationaler Ebene. Im Austausch gegen Öllieferungen kauft die Staatsführung gern die Arsenale westlicher Waffenfabriken leer. Mit allzu viel Konsequenzen hat die Regierung wohl nicht gerechnet, als der vom regierungsnahen zum regierungskritischen gewandelte Medienprofi ermordet wurde. Ein Prozess mit elf Angeklagten fand zwar statt, aber die Urteile wurden später abgeschwächt oder ganz aufgehoben. Angehörige und Journalistenorganisationen und selbst der US-Geheimdienst CIA wollen in der Sache dennoch keine Ruhe geben.

Jetzt legt Oscar-Preisträger Regisseur Bryan Fogel („Ikarus“) mit einem Dokumentarfilm nach. Er konnte sehr viel Beweismaterial türkischer Ermittler verwenden, führt zahlreiche Interviews mit Khashoggis Mitstreitern, staatlichen Stellen in der Türkei, den USA und Saudi-Arabien. Daraus entsteht das Bild eines in den sozialen Medien geführten Kampfes um die Medienfreiheit in arabischen Staaten und autoritäre Eliten. Der saudische Kronprinz und Regierungschef Mohammed bin Salman, einst als liberaler Reformer angetreten, streitet jede Verantwortung für den Mord ab. Aber Ruhe wird es für ihn in der Sache erst mal nicht geben. So hat die Journalisten-Organisation „Reporter ohne Grenzen“ erst im März 2021 eine Klage gegen bin Salman beim Bundesgerichtshof eingereicht.

Fogel präsentiert eine umfangreiche Recherche, sein Film ist spannend erzählt und enthält auch Dinge der übelsten Art. So wurde am Tag der Tat im Botschaftsgebäude quasi alles mitgeschnitten, was gesprochen wurde. Im Film sind Tonprotokolle der Täter zu hören, die sich darüber unterhalten, wie man die Leiche zerteilt, plus die entsprechenden Geräusche. Einer der eingeflogenen Spezialisten ist Pathologe.

Nicht zuletzt Fogels Film wird dazu führen, dass der Fall Khashoggi auf Wiedervorlage bleibt. Der Regisseur selbst sagt: „Ich hoffe, die Menschen fühlen sich beim Zuschauen in der Verantwortung, selbst aktiv zu werden. Auf der ganz persönlichen Ebene kann sich jeder auf dem Weg zur Tankstelle überlegen: ‚Mein Kraftstoffverbrauch unterstützt ein unterdrückerisches Regime, das bereit ist, Menschen zu töten, nur weil sie Meinungsfreiheit wollen‘.“

Diese Kritik erschien zuerst am 23.04.2021 auf: links-bewegt.de

Zu sehen auf „Kino on Demand“: https://www.kino-on-demand.com/movies/the-dissident Wir empfehlen diese Plattform, weil hier ein Teil der Einnahmen direkt an die Programmkinos geht. Ebenfalls auf Amazon, Apple TV, Sky: 16. April 2021.

The Dissident
USA 2020 - 112 min.
Regie: Bryan Fogel - Drehbuch: Bryan Fogel, Mark Monroe - Produktion: Bryan Fogel, Mark Monroe, Jake Swantko, Thor Halvorssen - Bildgestaltung: Jake Swantko - Montage: James Leche, Wyatt Rogowski, Avner Shiloah, Scott D. Hanson - Musik: Adam Peters - Verleih: DCM - FSK: ab 12 - Besetzung:
IMDB-Link: https://www.imdb.com/title/tt11382384/
Foto: © DCM