Intrige

(FR/IT 2019; Regie: Roman Polanski)

Unter unelastischen Männern

Wir befinden uns im Jahr 1895. Und wir sehen: Männer. Militärs in Uniformen und Gehröcken, mit Zigarre und Cognacglas, mit gestärktem Hemdkragen, am Schreibtisch sitzend, strammstehend, mit schneidender Stimme redend, Befehle erteilend, Urteile fällend. Sie tragen allesamt ebenso alberne wie nach Spielzeugland aussehende Uniformjacken mit allerlei possierlichen Kordeln und Tressen und Rangabzeichen. Das Frankreich an der Wende zum 20. Jahrhundert scheint eine ebenso stumpfsinnige wie ganz nach den Prinzipien der Hierarchie strukturierte patriarchale Soldatengesellschaft zu sein. Selbstverständlich viel militärisches Brimborium auch. Dem vorgeschriebenen Ritual, sei dieses auch noch so leer oder redundant, muss Genüge getan werden. Die steifen, extrem unelastisch wirkenden Männer, allesamt chauvinistische und sich der jeweils übergeordneten Autorität bereitwillig andienende Apparatschiks, staksen in diesem Film fortwährend durch muffige Bureaus und Salons, die vollgestellt sind mit schweren Sekretären und Teppichen und in denen Gemälde und Drucke an den Wänden hängen. Räume, in die nie genug Tageslicht dringt und in denen das Fenster oft klemmt.

Die Männer spielen Machtspiele und üben Macht aus. Es geht ums Festhalten an dieser Macht – und um Einfluss, Wohlstand, Ehre, die Nation und deren Platz an der Sonne. Und um die Juden, denen man nicht trauen kann, weil sie Juden sind.

Am Anfang des neuen Films von Roman Polanski, dem Historiendrama „Intrige“, das vergangene Woche für 12 Césars nominiert wurde, sehen wir einen tristen, regennassen Appellplatz und in dessen Mitte einen öffentlich zur Schau gestellten Offizier, Alfred Dreyfus. Ihm werden die militärischen Ehrenabzeichen abgenommen und mit grober Geste die goldfarbenen Tressen von der Uniformjacke gerissen. „Man degradiert einen Unschuldigen“, ruft er noch. Doch keiner der Umstehenden will davon etwas wissen. Alle sollen sehen, dass dieser Offizier, sagen wir besser: dieser Jude, degradiert und entehrt wird. Um das Geschehen herum ist das Militär versammelt, darunter zahlreiche Offiziere. „Na, wie sieht er aus?“, fragt einer von ihnen, der den Vorgang nicht genau erkennen kann, seinen Nebenmann. Woraufhin dieser feixend antwortet: „Wie ein jüdischer Schneider, der den Preis der Goldtressen abschätzt.“ Schnitt auf einen anderen Offizier in der Zuschauermenge, der die öffentliche Degradierung des verurteilten und in die Verbannung zu schickenden Dreyfus so kommentiert: „So wird endlich die Pestilenz aus einem gesunden Volkskörper getrieben.“

Im Mittelpunkt von Polanskis Film steht der Antisemitismus. Die historische Vorlage bildet einer der größten Justizskandale des 19. Jahrhunderts, die sogenannte Dreyfus-Affäre, die den omnipräsenten Judenhass jener Zeit veranschaulicht. Um einen der ihren zu schützen, der fürs Deutsche Kaiserreich spioniert, manipuliert und fälscht eine bis in die höchste Befehlsebene des französischen Militärs reichende Gruppe von Verschwörern Schriftstücke und andere Beweise. Statt des tatsächlichen Spions wird schließlich der völlig unbeteiligte Hauptmann Alfred Dreyfus wegen Landesverrats vom Militärgericht verurteilt, dem man, weil er Jude ist, seine Unschuld nicht glaubt.

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Dass tatsächlich ein Unschuldiger verurteilt und verbannt wurde, stellt schließlich erst der überraschend und unverhofft zum neuen Leiter des Auslandsgeheimdienstes berufene Oberstleutnant Marie-Georges Picquart fest, nachdem er – als er die weitgehend achtlose, schlampige und von Günstlingswirtschaft und Willkür (der vor ihm Verantwortlichen) geprägte Arbeitsweise der Behörde bemerkt – umfangreichere eigene Recherchen angestrengt hat.

Polanski zeigt in dem Film, mit welcher Selbstverständlichkeit der Antisemitismus zeittypisches Phänomen war und mit welcher Selbstverständlichkeit er zur ganz normalen geistigen Ausstattung einer Bevölkerung gehörte, in diesem Fall der französischen: Das Ressentiment gegen die Juden ist so normal und alltäglich wie das Atmen, der Durst oder die zwischenmenschlichen Umgangsformen. Selbst der dem Zuschauer vom Regisseur als eine Art Filmheld angebotene Oberstleutnant Picquart ist da keine Ausnahme. „Falls Sie wissen wollen, ob ich Juden mag: Nein“, sagt er in einem kurzen Gespräch mit dem angeklagten Offizier Dreyfus, „aber wenn Sie mich fragen, ob ich Sie deswegen diskriminiere: Niemals!“

Und als eben genau dieser Picquart später alles daran setzt, das Versagen und die Korrumpierbarkeit der Justiz und die Fälschungen und Lügen des Militärs ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen, und sich für eine Rehabilitierung des zu Unrecht verurteilten Dreyfus engagiert, erheben Justiz und Militär den folgenden Vorwurf gegen den Gerechtigkeit anstrebenden Oberstleutnant, der wiederholt auf der Einhaltung rechtsstaatlicher Verfahrensweisen beharrt: „Sie werden von einem jüdischen Syndikat bezahlt.“

Natürlich, wie könnte es auch anders sein!

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Ein zentraler Konflikt ist in „Intrige“ auch der zwischen dem Militär alten Schlages, dem der Befehl von oben als das unumstößliche, nicht infrage zu stellende archaische Gesetz gilt, und dem sogenannten Staatsbürger in Uniform, der ebenso ein „Patriot“ wie ein freier und bestenfalls selbstständig denkender, nach moralischen Prinzipien urteilender Mensch sein soll. „Wenn ich einen erschießen soll, dann tue ich es. Und wenn sich später herausstellt, das war falsch, ist es hinterher nicht meine Schuld“, sagt der eher grobschlächtige Auslandsgeheimdienstchef Henry, der den Typus des blinden Befehlsempfängers repräsentiert, woraufhin ihm der smarte Picquart, der die Gegenfigur zu ihm bildet, antwortet: „So ist vielleicht Ihre Armee, aber nicht meine.“

Die Umgebung, die Polanski uns zeigt, ist dabei eine der permanenten Korruption, des fortwährenden Einander-Hintergehens, der Erpressung und Heuchelei bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung der bürgerlich-militärischen Fassade um jeden Preis: Spitzelei und Überwachung gehören zum Alltag. Briefe werden in den mit Aktenordnern und Sekretären vollgestellten Räumen des Auslandsgeheimdiensts heimlich geöffnet und wieder verschlossen; von Ausspionierten zerrissene und in den Abfall geworfene schriftliche Mitteilungen und Dokumente werden fein säuberlich an den Schreibtischen der Geheimdienstarbeitsdrohnen wieder zusammengefügt; Personen, die man loszuwerden wünscht, werden erpresst oder sonst wie zum Schweigen gebracht. Keine Ahnung, warum man da beim Zuschauen auch an unsere Gegenwart denkt, an den Verfassungsschützer Maaßen etwa und den NSU-„Skandal“.

Polanskis nach außen so poliert und adrett aussehende Militär- und Geheimdienstwelt des ausgehenden 19. Jahrhunderts, in der angeblich die Vorschrift und die Ordnung regieren, ist ein undurchsichtiges, durch und durch mafiöses System.

Diese Kritik erschien zuerst am 07.02.2020 in: Neues Deutschland

Intrige
(J'accuse)
Frankreich, Italien 2019 - 132 min.
Regie: Roman Polanski - Drehbuch: Robert Harris, Roman Polanski - Produktion: Alain Goldman - Kamera: Pawel Edelman - Schnitt: Hervé de Luze - Musik: Alexandre Desplat - Verleih: Weltkino - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Jean Dujardin, Louis Garrel, Emmanuelle Seigner, Grégory Gadebois
Kinostart (D): 06.02.2020

DVD-Starttermin (D): 03.07.2020

IMDB-Link: https://www.imdb.com/title/tt2398149/
Foto: © Weltkino