Aretha Franklin: Amazing Grace

(USA 2018; Regie: Allan Elliott, Sydney Pollack)

Wie die Entstehung eines Albums

„Der nächste Song bedarf keiner Einleitung“, sagt Reverend James Cleveland im Januar 1972 in der New Temple Missionary Baptist Church in Los ­Angeles dem Publikum, bevor er die ersten Töne von „Amazing Grace“ auf dem Piano anstimmt. „Letztens, während der Proben, hat Aretha ihn gesungen. Als sie zu der Stelle kam, an der es ›durch viele Gefahren‹ heißt, sah ich, wie ihr die Tränen in den Augen standen. Denn vor 20 Jahren hätten wir doch nie gedacht, dass Gott große Dinge für uns tun würde.“ Und auch bei der Live-Premiere vor Publikum bestimmt die Macht der Musik die Emotionen: Mitten im Song bricht zuerst der Pianist Cleveland in Tränen aus und muss sein Spiel unterbrechen, kurz darauf ist es die Sängerin Aretha Franklin selbst, die sich sichtbar aufgewühlt auf einer Kirchenbank niederlässt. Beide fangen sich nach kurzem Innehalten wieder und beenden den elfminütigen Song schließlich weinend und schwitzend Hand in Hand.

Auf dem gleichnamigen Album, das aus diesen Aufnahmen an zwei Abenden in Los Angeles entstand, ist die emotionale Herausforderung für die Beteiligten zwar zu erahnen, nicht aber in der Intensität, die der Dokumentarfilm „Amazing Grace“ einfängt, der kürzlich mit einigen Jahrzehnten Verspätung fertiggestellt wurde. Warner Brothers hatte den damaligen Regiestar Sydney Pollack beauftragt, die Aufzeichnung des ersten Gospel-Albums von Aretha Franklin zu dokumentieren, die 1972 dank Hits wie „Respect“ oder „(You Make Me Feel Like) A Natural Woman“ schon als „Queen of Soul“ galt. Pollack war 1970 mit seinem Tanzdrama „They Shoot Horses, Don’t They“ für den Regie-Oscar nominiert worden und sollte mit seinem Namen für den geplanten ersten Kinomusikfilm über eine afroamerikanische Künstlerin Aufmerksamkeit generieren.

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Leider war Pollack offenbar zu sehr in anderen Projekten eingespannt, oder es fehlte ihm schlicht an Motivation, der Film scheiterte jedenfalls an einem Anfängerfehler: Pollack hatte es versäumt, Klappen einzu­setzen, sodass die Synchronisation von Ton und Bild später nicht möglich war, was bei einem Musikfilm umso dramatischer ist. „Ich hatte keine Erfahrung mit Dokumentarfilmen, aber ich war aufgeregt, Ihre Aufnahmen zu begleiten“, schrieb er 1998 in einem Brief an Franklin. ­Obwohl mit Alexander Hamilton der Dirigent des Southern California Community Choir, des Gospelchors, der Franklin bei den Aufnahmen ­begleitet hatte, hinzugezogen wurde, um durch das Lesen der Lippen die Bilder in Einklang mit den Tonaufnahmen zu bringen, musste das ­Unternehmen nach kurzer Zeit abgebrochen werden und das Filmmaterial landete im Archiv von Warner.

Der erwähnte Brief von Pollack an Franklin war der Versuch, das Material viele Jahre später doch noch zu einem Film zusammenzufügen: „Dafür hatte ich einen jungen Mann, der versuchte, die Spuren zu synchronisieren, was ein enormer Job war, da alle fünf Kameras wahllos filmten. Es gibt wunderbare Aufnahmen von Ihnen, dem Chor, Ihrem Vater und dem Publikum. Manche von den Songs selbst, manche dazwischen.“ Der erwähnte junge Mann ist der Produzent Alan Elliott, der irgendwann in die Rolle des Co-Regisseurs von „Amazing Grace“ wechselte und in einem zehnjährigen Arbeitsprozess mithilfe digitaler Technik die Synchronisation von Ton und Bild ­bewerkstelligt hat.

Glücklicherweise hat sich Elliott dafür entscheiden, den Film als historisches Dokument zu inszenieren und nicht durch talking heads, die sich an die Aufnahmen oder die 2018 verstorbene Sängerin erinnern, ins standardisierte Dokumentarfilmformat zu überführen. Das Ergebnis hat eher den Charakter eines Making-of als eines durchkonzipierten Films, was den Prozess der Entstehung eines Albums – des meistverkauften Gospel-Live-Albums alles Zeiten – in interessanter Weise spiegelt. Man sieht in „Amazing Grace“ das Filmteam und Kabel, Mikros und Pannen, von Schweiß glänzende Gesichter, Bilder von körniger Qualität, ungewöhnliche Kamerafahrten und Perspektiven; den Kameraleuten war offenbar der Auftrag gegeben worden, einfach draufzuhalten. So erinnert das Ergebnis an Filme des Cinéma vérité, das insbesondere den französischen Dokumentarfilm der Sechziger prägte und versuchte, die Wirklichkeit ohne die vermittelnde Funktion eines Drehbuchs einzufangen.

Und so sieht man die damals 29jährige Aretha Franklin mal cool und professionell, mal überwältigt von ihren Emotionen, eine Reise in ihre eigene Vergangenheit antreten. Gospel war für sie die musikalische Heimat, von der aus sie ihre Karriere gestartet hatte, ihr erstes Album war 1956 ein Gospelalbum gewesen, inspiriert von ihrem Vater Clarence LaVaughn Franklin, einem Baptistenprediger und Bürgerrechtler, dessen Gospel-Messen auch auf Platte ­erschienen sind. Clarence LaVaughn Franklin war auch bei den Aufnahmen in Los Angeles anwesend und hielt eine Rede über das Glück, Aretha zur Tochter zu haben.

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1969 war mit „Oh Happy Day“ von Edwin Hawkins ein erster Gospel-Song in die Charts eingestiegen und hatte sich vor allem in Europa zu ­einem Tophit entwickelt; und so hatte Franklin gemeinsam mit ihrem Produzenten Jerry Wexler das Plattenlabel Atlantic Records von einem Live-Gospelalbum überzeugen können, das von ihrer Soul-Rhythmusgruppe mit Pop­elementen angereichert werden sollte. Zwei Wochen, bevor ihr Album „Young, Gifted and Black“ erschien, für das sie einen Grammy erhielt, wurde „Amazing Grace“ am 13. und 14. Januar 1972 in Los Angeles gemeinsam mit dem Southern California Community Choir unter Leitung von Alexander Hamilton aufgenommen. Die Mitglieder des Chors sind im Film immer wieder überwältigt von Franklins ­Gesang und den Arrangements von James Cleveland, noch einem adeligen Afroamerikaner, trug er doch den inoffiziellen Titel „King of Gospel music“.

Dennoch klingt „Amazing Grace“ wegen der Pop-Rhythmusgruppe nicht wie ein klassisches Gospelalbum, es blickt nicht nur zurück in die Geschichte der Unterdrückung der Schwarzen, sondern auch optimistisch und selbstbewusst nach vorne. Für diesen Optimismus braucht Franklin nicht viele Worte; im Film spricht sie kaum, sondern ist vor ­allem mit ihrem Gesang präsent, weswegen Bassist Chuck Rainey sagte: „Der Film ist über James Cleveland, ihren Vater, Clara Ward (zeitgenössischer Gospel-Star; Anm. d. Red.). Es war, als sei sie eine Tapete.“ Von der Präsenz des Gesangs jedoch lassen sich die Chormitglieder und das Publikum in Ekst­ase versetzen, selbst Mick Jagger und Charlie Watts, die im Publikum sitzen, scheinen vom ­Heiligen Geist ergriffen zu werden und tragen ein seliges Lächeln im Gesicht.

Die New Temple Missionary Baptist Church liegt im südlichen Los Angeles, im damals zu 99 Prozent von Schwarzen bewohnten Stadtteil Watts, wo 1965 bei Unruhen nach einer rassistischen Polizeikontrolle 34 Menschen starben und 600 Häuser beschädigt wurden. Bereits die Wahl des Orts war also eine politische Botschaft der Sängerin, die ihre ­Bekanntheit immer wieder im Sinne der schwarzen Bürgerrechtsbewegung einsetzte; schon ihr Vater war ein enger Freund des 1968 ermordeten Matin Luther King gewesen. Gospel, die wohl bekannteste religiöse Begleitmusik afroamerikanischer Geschichte, war immer auch eine stolze und befreiende Musik für schwarze Menschen. Der Song „Amazing Grace“ etwa, geschrieben vom Sklavenhalter John Newton im späten 18. Jahrhundert, um Gott zu huldigen, wurde in der Mitte des 20. Jahrhunderts vom schwarzen Gospel zu einer Hymne der Bürgerrechtsbewegung umgedeutet; die Sängerin ­Mahalia Jackson sang den Song etwa auf Protestmärschen, um ihnen „magischen Schutz“ zu geben. Und auch Franklin betont in ihrer Ver­sion die gewonnenen Kämpfe wie auch den Weg, der bis zum Ende der Diskriminierung noch vor den schwarzen Menschen liege.

Gospel war zu dieser Zeit zwar einerseits ­bereits kommerziell erfolgreich, andererseits aber immer noch Ausdruck afroamerikanischer Kultur: Spirituelle Lieder zu singen, galt als Aufbegehren gegen die Unterdrückung und Ruf nach der Freiheit, die den Sklaven genommen worden war. Doch war diese Widerstandstradition nicht rein historisch: William Herbert Brewster, Komponist des von Franklin eingesungenen Songs „Old Landmark“, hatte klargestellt, dass seine Gospel-Songs Metaphern für den Kampf der Bürgerrechtsbewegung beinhalten. Und auch in Marvin Gayes Song „Wholy Holy“ betont Franklin die Zeile „People we’ve got to come together“ und damit den Aspekt der Einigkeit der schwarzen Bürgerrechtsbewegung, fünf Jahre nach der Ermordung von Martin Luther King. Und die Vorstellung von Einigkeit reichte für Franklin über die afroamerikanische Bürgerrechts­bewegung hinaus. „It’s not cool to be Jewish, or Negro, or Italian. It’s just cool to be alive, to be around“, sagte Franklin einmal. Damit verwies sie auf den gemeinsamen Kampf marginalisierter Gruppen in den USA, die zwar unterschiedliche Formen von Diskriminierung betrafen, aber auch gemeinsame Erfahrungen teilten. Und so ist der Film „Amazing Grace“ auch ein historisches Dokument ­einer Einheit zwischen Juden und Schwarzen, die sich im Pop ganz selbstverständlich zeigte. Mit Blick auf ihren jüdischen Produzenten ­Jerry Wexler bemerkte Franklin einmal: „You don’t have to be black to have soul.“

Diese Kritik erschien zuerst in: Jungle World 48/2019

Aretha Franklin: Amazing Grace
(Amazing Grace)
USA 2018 - 89 min.
Regie: Allan Elliott, Sydney Pollack - Produktion: Joe Boyd, Alan Elliott, Rob Johnson, Chiemi Karasawa, Spike Lee, Sabrina V. Owens, Angie Seegers, Tirrell D. Whittley, Joseph Woolf - Schnitt: Jeff Buchanan - Verleih: Weltkino - FSK: ohne Altersbeschränkung - Besetzung: Aretha Franklin, James Cleveland, C.L. Franklin, Mick Jagger, Alexander Hamilton, Southern California Community Choir
Kinostart (D): 28.11.2019

DVD-Starttermin (D): 03.04.2020

IMDB-Link: https://www.imdb.com/title/tt4935462/
Foto: © Weltkino