Palo Alto

(USA 2013; Regie: Gia Coppola)

Stilvolle Identitätskrisen

Coming-of-Age in der amerikanischen Kleinstadt. Falls man diesem Stoff jemals überdrüssig werden sollte, ist man damit hoffentlich allein, genauso wie die Teenies in Palo Alto auf ihrem Pfad des Erwachsenwerdens. Von den Erwachsenen können sie dabei keine Hilfe erwarten, die ja selbst keine Ahnung davon haben, denen der verzweifelte Versuch, wieder naiv und unschuldig zu sein, aber deutlich weniger gut steht.

Gia Coppola bedient sich für ihren Debütfilm „Palo Alto“ beim gleichnamigen Erzählband von James Franco, der im Film seine Rolle als verführerischer Sportlehrer auf gewohnt charmant-schleimige Weise ausfüllt. Von Anfang an ist klar, worum es geht: um das gute alte jugendliche Kleinstadtleben, wunderschön in Szene gesetzt vom spätherbstlichen Licht Südkaliforniens.

Man begleitet die üblichen Charaktere, wie sie mit ihren Unsicherheiten und ihrer neu entdeckten Einsamkeit kämpfen, vordergründig April (Emma Roberts) und Teddy (Jack Kilmer), die eindeutig etwas füreinander übrig haben, von verschiedenen Faktoren aber erst mal daran gehindert werden, das dem anderen klar zu übermitteln. Emily (Zoe Levin) ist einer dieser Faktoren, in deren nymphomanische Fänge man leicht geraten kann, im Vollrausch auf der Hausparty sowieso. Ein anderer ist Teddys bester Freund Fred (Nat Wolff), der die expressive Variante zur Bewältigung seiner jugendlichen Daseinskrise gewählt hat. Und was April insbesondere davon abhält, sich mit Teddy zu beschäftigen, sind die Annäherungsversuche ihres lässigen Fußballtrainers Mr. B (James Franco), die sie durchaus nicht kalt lassen.

Diese Figuren sind zwar typische Vertreter ihres Genres, werden aber jede für sich ernst genommen und nicht nur auf ihre Rolle im Teenie-Kosmos beschränkt. So schwelgend wie der Film inszeniert ist, hat man es leicht, die Melancholie des Aufwachsens in Palo Alto nachzuempfinden, Aprils Sehnsucht nach etwas Unbestimmtem, das irgendwo anders sein muss, oder Teddys Scheitern am System, das ihm bei seiner Suche nach einem Weg aus der bekifften Gleichgültigkeit keine große Hilfe ist.

Außer April, die sich meistens zu gut dafür ist, sind Teenies natürlich Arschlöcher. Emily versucht, ihre Ohnmacht und Einsamkeit mit sexuellen Gefälligkeiten zu ersticken, wofür sie außer emotionaler Abweisung nichts zurückbekommt, schon gar nicht von Fred, dem sein Umfeld mindestens so sehr auf den Sack geht wie andersherum. Für ihn geht es nur gegen den Strom, wie am Ende des Films deutlich zu sehen sein wird.

Prägend ist die Beziehung zwischen Teddy und Fred, die sich gegenseitig brauchen aber auch ausnutzen, den jeweils anderen an seiner Selbstfindung hindern. Als Zuschauer steht man dabei wohl eher auf Teddys Seite, auf der des fehlgeleiteten sensiblen Jungen, der unter dem aufbrausenden Einfluss seines durchgeknallten Freundes leidet. Aber letztlich ist Freds ausdrucksstarker Umgang mit seinen Problemen vielleicht die ehrlichere Variante von beiden und wird von Teddy als Weckruf aus seiner Lethargie auch dankbar angenommen. Wie bei jeder derartigen Beziehung stellt sich die Frage: leidet der Passive unter dem Aktiven oder ist es nicht umgekehrt genauso.

„Palo Alto“ ist schließlich ein leiser Film, der nicht urteilt, schlussfolgert oder versucht, seine kleine Welt zu verlassen, nichts Neues, sondern eine Hommage an das jugendliche Dasein in der Kleinstadt. Die Entwicklung der Geschichte oder der Charaktere liegt dabei nicht im Fokus, sondern der atmosphärische Sog, die poetischen Bilder, der weiche traurig-schöne Filter, der über allem liegt. Dass hier auch unbequeme Inhalte im Dienste der Ästhetik stehen und ohne Stellungnahme so stehen gelassen werden, kann man natürlich als mutlos oder gar verharmlosend empfinden. Aber trotz den ästhetizistischen Tendenzen fühlt es sich gleichzeitig immer authentisch an, wozu die Schauspieler eine Menge beitragen und vor allem die glaubhaft unbedarften Dialoge. Irgendwo tief drinnen gibt es womöglich so etwas wie Werte und Überzeugungen, aber man ist noch lange nicht so weit, sie artikulieren zu können.

Auch mit zunehmendem Alter nehmen die Identitäts- und Beziehungskrisen kein Ende, die Eltern sind mindestens genauso high und der Fußballcoach kann mit Frauen in seinem Alter nur wenig anfangen. Ursprünglich und ungetrübt präsentieren sich diese Kämpfe aber vor allem in der Jugend, weshalb der Stoff wohl immer kraftvoll bleiben wird, und erst recht, wenn er mit „Palo Alto“ in einem so schönen Gewand auftritt. Vielleicht ist die Sehnsucht nach unschuldigen Filmen ja aber ab einem gewissen Alter ähnlich unangemessen wie die von Mr. B nach seinen Schülerinnen.

Palo Alto
USA 2013 - 98 min.
Regie: Gia Coppola - Drehbuch: Gia Coppola, James Franco - Produktion: Vince Jolivette, Miles Levy, Sebastian Pardo - Kamera: Autumn Durald - Schnitt: Leo Scott - Verleih: Capelight Pictures - FSK: ab 16 Jahren - Besetzung: James Franco, Emma Roberts, Val Kilmer, Keegan Allen, Nat Wolff, Colleen Camp, Christian Madsen, Zoe Levin, Olivia Crocicchia, Don Novello, Bo Mitchell, Sandra Seacat, Nathalie Love, Sam Dillon, Janet Song
DVD-Starttermin (D): 10.07.2015

IMDB-Link: https://www.imdb.com/title/tt2479800/
Foto: © Capelight Pictures