Halloween Haunt

(USA 2019; Regie: Scott Beck, Bryan Woods)

Modifizierte Körper und derangierte Geister

Im Original schlicht (wenngleich doppeldeutig das Heimsuchen und den Treffpunkt bezeichnend) „Haunt“ betitelt, wurde die jüngste Regiearbeit von Bryan Woods und Scott Beck hierzulande in „Halloween Haunt“ umbenannt. Überdeutlich wird diese vergleichsweise große Produktion, die den beiden Filmemachern und Genre-Enthusiasten erst nach dem Erfolg ihres Drehbuches für „A Quiet Place“ (USA 2018; R: John Krasinski) ermöglicht worden war, als Halloween-Kost empfohlen – durchaus passend zum Zeitraum der Handlung: Die Mittzwanzigerin Harper hat sich gerade ihr Veilchen überschminkt, das sie ihrem Noch-Freund verdankt, dem sie auf Anraten der Freundinnen endgültig den Laufpass geben soll, ehe man zur gemeinsamen Halloween-Feier aufbricht. Mit Bailey, Angela und Mallory trifft sie auf der eher lahmen Feier dann den sympathischen Nathan und dessen Kumpan Evan. Auf der Suche nach der perfekten Halloween-Attraktion verschlägt es die sechs jungen Leute in ein abgelegenes Haunted House, in welchem die maskierten Leiter der vermeintlichen Halloween-Attraktion ihren Opfern das Fürchten lehren wollen. Alsbald stellt sich heraus, dass man nicht bloß – aller Mobiltelefone entledigt – durch eine beunruhigende begehbare Geisterbahn wandelt, sondern in ernster Gefahr schwebt…

Der deutsche Titel rückt den Film unmissverständlich in die kleine Sparte des Halloween-Horrorfilms, wobei sich insbesondere „The Houses October Built“ (USA 2014; R: Bobby Roe) samt Sequel als ähnlich gelagert erweisen: beides ebenfalls grimmige Horror-Reißer, in denen den ProtagonistInnen der Besuch einer Halloween-Attraktion zum Verhängnis wird. Doch der Ursprung dieser Idee reicht viel weiter zurück: Es handelt sich um Tobe Hoopers „Das Kabinett des Schreckens“ (USA 1981), der die Entwicklung des modernen Slashers über „Psycho“ (USA 1960; R: Alfred Hitchcock) und „Halloween“ (USA 1978; R: John Carpenter) gegen den klassischen Horrorfilm à la Universal ausspielt – und bereits die Frage nach dem eigentümlichen Reiz der Angstlust aufwarf, von welcher der Horrorfilm insgesamt so sehr zehrt.

Diese Angstlust zelebriert „Halloween Haunt“ gerade in seiner ersten Hälfte mit Bravour: Auch ohne Kenntnis der Trailer oder der Altersfreigabe raunt einem der Film beständig zu, dass der Besuch im Haunted House ein unheilvoller sein wird. Jedes Durchqueren einer Schwelle, jeder Griff durch schmale Öffnungen, jedes Eindringen in klaustrophobisch enge Tunnel: Alles erzeugt eine fast permanente Anspannung. Und inmitten von Beklommenheit und Unwohlsein kann man nebenbei reflektieren, dass sich die Hauptfiguren in eine wesentlich radikalere Situation des Ausgeliefertseins begeben, um den Kick wohligen Schauderns zu genießen, ehe aus dem vermeintlichen Spiel tödlicher Ernst wird. Hier wird das Publikum auf seine im besten Sinne perverse Veranlagung verwiesen, die mit dem – je nach individueller Ausrichtung – masochistischen, sadomasochistischen oder sadistischen Genuss einhergeht, wobei der Film anhand der sich ausliefernden Hauptfiguren vor allem die masochistischen bis sadomasochistischen Impulse herausstellt, die interessanterweise gerade auch dort greifen, wo die Hauptfiguren ihrerseits nachgestellten (oder vielmehr: nicht nachgestellten) Folterszenarien beiwohnen.

Dieser unter anderem von „Hostel“-Regisseur Eli Roth produzierte Terrorfilm weist also den Vorwurf des Sadismus weit von sich, der in der Debatte zum sogenannten torture porn immer wieder aufkommt. Und noch in einer anderen Hinsicht erweist sich „Halloween Haunt“ als auf den ersten Blick recht progressiv: Es ist das final girl, das hier nicht als abstinente Babysitterin agiert oder explizit als Jungfrau ausgewiesen wird; Harper ist eine junge Frau, die zumindest eine erste Beziehung gerade hinter sich gebracht hat und an einer weiteren bereits Interesse bekundet. Als Tochter eines Mutter und Kind drangsalierenden Vaters ist sie allerdings zuletzt an einen ebenfalls gewalttätigen Typen geraten: Harper ist (noch) keine emanzipierte Frau und hat sich unbewusst, aber keinesfalls zufällig ein Outfit gewählt, das sie als Rotkäppchen ausweist – wobei sicherlich mit „Trick ‚r Treat – Die Nacht der Schrecken“ (USA 2007; R: Michael Dougherty) ein weiterer Halloweenfilm der jüngsten Zeit Pate gestanden hat.

Harpers Gewalterfahrungen seit frühester Kindheit werden insbesondere im Escape Room des Haunted House getriggert, derweil sie zu ultimativer Gegenwehr genötigt über sich hinauswächst, sich ihrem Trauma stellt und die Opferrolle gegen die Rolle einer Kontrahentin eintauscht. Mit ihrer Selbstermächtigung geht zugleich der Untergang ihres aggressiven Ex-Lovers einher, was den Emanzipationsgedanken der Films noch unterstreicht. Im Gegensatz zur durchweg beklemmenden Atmosphäre wirkt diese gut gemeinte Konstruktion weiblicher Selbstermächtigung allerdings arg aufgesetzt und plump küchenpsychologisch. Gleiches gilt für das recht beiläufige Spiel mit der Frage nach der Identität der Täter*innen.

Diese erweisen sich auch als ganz und gar nicht progressiver Einfall. Ähnlich wie in Tobe Hoopers „Kabinett des Schreckens“ stecken hinter den Halloween-Masken der Täter bloß noch entsetzlichere Antlitze – denn die Täter entstammen der Körpermodifikationsszene; ein Mord erst verschafft ihnen ausreichend Ruhm untereinander, um ein neues Gesicht zu erhalten. So hat sich der Sadist hinter der Clownsmaske zum Horrorclown tätowiert, derweil der Kumpan hinter der Teufelsmaske schwarze Kontaktlinsen und allerlei Dornenmasken trägt. Das sieht zumindest auf den ersten Blick nach einer Verunglimpfung einer randständigen Szene, eines Milieus gesellschaftlicher Außenseiter aus, zumal Körpermodifikation bereits in Filmen wie „Red Dragon“ (USA 2002; R: Brett Ratner), „The Cell“ (USA 2000; R: Tarsem Singh), „Dee Snider’s Strangeland“ (USA 1998; R: John Pieplow) oder „Blutmond“ (USA 1986; R: Michael Mann) mit ungesunden Geisteszuständen in einen Zusammenhang gebracht worden ist.

Allerdings kann dieser letztgenannte Aspekt auch positiver betrachten werden. Körpermodifikation würde dann nicht einfach als fremdartig oder entmenschlicht wahrgenommen werden (wie es mitunter auch intendiert ist) und infolgedessen als das Fremde behandelt werden, welches gerade in weniger progressiven Horrorfilmen seit jeher Quell des Bösen ist. Sie könnte stattdessen als Form besonders intensiver Körperwahrnehmung verstanden werden, die der Physis in einer zunehmend virtuell werdenden Welt zu ihrem Recht verhilft: neue Körperformen, aber auch der Schmerz wären Versicherungen des Leibes und die arglosen Haunted-House-Opfer die Bauernopfer eines künstlerischen Projekts. Dieses Projekt selbst wäre freilich eindeutig zu verurteilen, aber zugleich würde damit der Terrorfilm, der Körperhorror und der vermeintliche torture porn als Kunstform ausgewiesen werden, welche radikale Körpererfahrungen generiert und wie die Körpermodifikation selbst ein größeres Bewusstsein für Leiblichkeit ermöglicht. Nach dieser Lesart wären die vermeintliche Verunglimpfung der Körpermodifikation und die nach wie vor streitbare Identifizierung des Fremden mit dem Gefährlichen/Bösen bloß eine bewusst polarisierende Entscheidung.

Indem der Film seine Figuren sadistische Spielchen erleiden lässt, wie sich sich von „Saw“ (USA 2003; R: James Wan) bis „Escape Room“ (USA 2019; R: Adam Robitel) ziehen, indem er sadistische Täterfiguren selbst Hand anlegen und einige Figuren um des Quälens willen quälen lässt, verortet sich der in seinen Gewaltakten reichlich grafische Horrorfilm in dem als torture porn gelabelten Feld. Doch indem er zum einen die Inszenierung von Gewalt innerhalb der Filmhandlung als Faszinosum für die Hauptfiguren erscheinen lässt und indem er zum anderen die durchaus nicht ganz schmerzfreie Körperkunst der Körpermodifikation ins Spiel bringt, reflektiert er sich selbst und diese ganze Sparte des Horror-/Terrorfilms.

Somit nutzen Beck und Woods die selbstreflexiven Ansätze von Hoopers „Das Kabinett des Schreckens“, um den besonders körperbetonten, harten Horror-/Terrorfilm der jüngsten Zeit zu verhandeln, welcher nicht bloß gegen den vorschnellen Vorwurf des Sadismus in Schutz genommen wird, sondern als Medium ausgewiesen wird, das eine (Rück)besinnung auf die Physis ermöglicht, deren (im besten Sinne) perverse, sadomasochistische Modifikation das Gespür für die eigene Identität ebenso schärfen kann wie es die Angstlust in psychischen Gefilden zu tun in der Lage ist.

Dass „Halloween Haunt“ die Angstlust und den Körperhorror – in Stigleggers Band „Terrorkino“ (2010, Bertz + Fischer) als essentielle Bestandteile der Terrorfilms thematisiert – nicht bloß ziemlich passabel zelebriert, sondern beides auch reflektiert und vor dem Hintergrund der Inszeniertheit behandelt, zählt zur großen Stärke des Films. Dagegen erscheint die übermäßig moralisierende (und zugleich in ihrer unnachgiebigen Rachsucht wenig moralisch erscheinende) Emanzipationsgeschichte des final girls wenig originell, modisch und standardisiert zugleich. Und da die Furcht vor dem Fremden trotz alternativer Auslegungsmöglichkeit und trotz einer milderen Verortung des Furchteinflößenden auch in eigenen Familien- und Beziehungsgefügen letztlich eben doch auch sehr willfährig befeuert wird, bleibt insgesamt ein durchaus etwas getrübter, wenngleich tendenziell starker Gesamteindruck übrig.

Halloween Haunt
(Haunt)
USA 2019 - 92 min.
Regie: Scott Beck, Bryan Woods - Drehbuch: Scott Beck, Bryan Wood - Produktion: Eli Roth, Jon D. Wagner, Vishal Rungta, Mark Fasano, Todd Garner, Arthur Rungta - Kamera: Ryan Samul - Schnitt: Terel Gibson - Musik: tomandandy - Verleih: Splendid - FSK: ab 18 Jahren - Besetzung: Katie Stevens, Will Brittain, Lauryn Alisa McClain, Andrew Caldwell, Shazi Raja, Schuyler Helford
Kinostart (D): 31.10.2019

IMDB-Link: https://www.imdb.com/title/tt6535880/
Foto: © Splendid