Skin

(USA 2019; Regie: Guy Nattiv)

Nazi-Wieder-Mensch-Werdung

Bryon Widner ist ein besonders schönes Exemplar eines modernen SA-Schlägers: Nicht nur, dass er jedem ungefragt in die Fresse haut, er hat sich seine Meinung auch gleich massenweise in die eigene tätowieren lassen. Aber jetzt hat er sich in Julie verliebt, und die steht der rechtsextremen Szene kritisch gegenüber, nachdem sie die verlassen hat: Sie hat schließlich schon drei Kinder und der Nazi-Kram ist nicht gerade karrierefördernd. Und ihr zuliebe will Bryon nun auch aussteigen.

Die Familie ist alles andere als happy über die Entwicklung ihres Sprösslings. Familie Widner liebt Waffen und Adolf Hitler und schüchtert die ganze Stadt ein. Bald geht sie auch auf Bryon los, und zwar aus gutem Grund: Er könnte mit seinem Insiderwissen den Aktivitäten des Klans gefährlich werden. Und tatsächlich arbeitet er mit Menschenrechtsaktivisten und der Polizei zusammen. Die schlägt eine radikale Maßnahme vor: optische Detox, der Tattoo-Nightmare muss runter. Das geht, aber nur mit Laser und ist sehr schmerzhaft.

Die Wieder-Mensch-Werdung tut sehr weh und ist real: Der echte Bryon Widner entkam der Szene, heute hilft er anderen. Der Spielfilm-Newcomer Guy Nattiv hat den Fall des Bryon Widner in „Skin“ als rasanten Action-Thriller verfilmt. Die Schauspieler geben ihr Allerbestes, irre und nah dran. Vor allem die Figur der Julie macht – wie der ganze Film abseits aller gängigen Schönheitsideale – richtig was her: Streckenweise denkt man, hier kloppen sich die Orks aus „Herr der Ringe“.

Widners Ent-Zeichnung zog sich über ein Jahr hin, in wiederkehrenden Szenen sehen wir ihn im OP. Eine Erzählung wie ein umgedrehter Kafka: Dessen Verurteilter in der Erzählung „In der Strafkolonie“ wird getötet, indem ihm eine Hinrichtungsmaschine das Urteil in den Körper einschreibt. Und hier? Bryon findet zum Leben, indem ihm die Zeichen wieder aus dem Körper extrahiert werden. Sehr philosophisch das.

Wo der Film auf leicht wackligen Füßen steht: Der Nazismus tritt in einer für das US-Kino affinen typischen Weise hier als Familienfilm auf. Mit Folgen: Zwar scheuen die buckligen Verwandten nicht davor zurück, auch ihren missratenen Sprössling töten zu wollen. Aber dann entscheidet sie sich für etwas, was im amerikanischen Familienkino richtig weh tut: Sie killen den Hund.

Diese Kritik erschien zuerst in: KONKRET 10/2019

Benotung des Films :

Jürgen Kiontke
Skin
USA 2019 - 117 min.
Regie: Guy Nattiv - Drehbuch: Guy Nattiv - Produktion: Jaime Ray Newman, Guy Nattiv, Oren Moverman, Celine Rattray, Trudie Styler, Dillon D Jordan - Kamera: Arnaud Potier - Schnitt: Lee Percy, Michael Taylor - Musik: Dan Romer - Verleih: 24 Bilder - FSK: ab 16 Jahren - Besetzung: Jamie Bell, Danielle Macdonald, Vera Farmiga, Mike Colter, Bill Camp, Daniel Henshall, Louisa Krause, Zoe Colletti, Kylie Rogers, Colbi Gannett
Kinostart (D): 03.10.2019

IMDB-Link: https://www.imdb.com/title/tt6043142/
Foto: © 24 Bilder