Midsommar

(USA 2019; Regie: Ari Aster)

Morden von Nerds im Norden, Leiden im Herz bei Heiden

„Ich weiß schon längst, was kommt!“ Wer das sagt, hat a) viel Lob verdient, aber nicht allzuviel Sinn für Film, b) vielleicht vorlaute Blogs und Kritiken zu Ari Asters seit Juli gehypeten Folk-Horrorfilm „Midsommar“ gelesen, c) das Ende von Asters vorigem Sozialhorrorfilm „Hereditary – Das Vermächtnis“ noch im Kopf. In „Hereditary“ eruptierten groteske Rituale von Götzenverehrung kurz, aber mit perfider Konsequenz aus den Windungen bürgerlicher Neurotik heraus (um das gestelzt, aber spoileristisch minimalinvasiv auszudrücken). Etwas Ähnliches verläuft nun in „Midsommar“ als schleichender Prozess unter Schwedens Endlossonne. Was hier kommt, das kommt unvermeidlich.

Nämlich: Eine von einem extremen Familientrauma geplagte amerikanische Studentin (heftig: Florence Pugh) schließt sich der Doktoranden-Nerd-Partie ihres Kaum-noch-Boyfriends an, der nur noch aus Verpflichtungsgefühl bei ihr ist – auf eine Reise ins Herkunftsdorf eines der Stoner-Bro’s, die diesen Trip zunächst als reines Männerprojekt geplant haben. In der grasgrünen schwedischen Provinz tragen alle weiße Roben mit Blümchenapplikationen, grinsen und singen. Naturkult regiert und eskaliert nach strengen mythischen Regeln. Manche Szene ist der Hammer; der kommt auch zum Einsatz. Ein Springritual gibt dem Wort Steinbruch neue Bedeutung. Das Ende brennt. Das ist „Wicker Man“ unter Wikingern – mit einem Holocaust-Subtext (vom „Vergasen“ über eine von der SS als „Fallschirmspringen“ titulierte Ermordungspraxis im KZ Mauthausen bis zum Zusammenhaltspathos einer nordischen Sonnenanbeter-Sekte, das tödlich wird).

Das Bild wabert, die Atmo brodelt, der Score kreischt, immer mehr. Das saugt dich ein. Ebenso die Community, die lange Zeit gerade so selbstreflexiv und alltagsnormalitätsbewusst kommuniziert, dass sich die Plot-Fiktion, jemand würde da nicht sofort das Weite suchen, aufrecht erhalten lässt.

© Weltkino

Letztlich geht es aber gar nicht so sehr darum, uns oder die Filmfiguren irgendwie oberclever an der Nase herumzuführen und uns am Ende eine große Überraschung zu kredenzen. Dass es gewalttätig zugehen wird, ist immer schon klar. Und zwar nicht wegen der Zeichnungen, die vom Vorspann an groß im Bild prangen und einzelne blutige Plotdetails vorwegnehmen, und die in manchen wohlmeinenden Rezensionen groß als Easter Eggs apostrophiert werden. (Dann ist aber der grafisch stilisierte Schuss in eine mit Blut vollaufende Ziel-Optik am Beginn jedes James-Bond-Films auch ein Easter Egg, das die Oberschlauen dahingehend entziffern können, dass im nun kommenden Film vermutlich auf Menschen geschossen werden wird.)

Die Abruptheit, mit der sich am Ende von „Hereditary“ die Nackerbatzi versammelten, war clever nicht im Sinn von Mausefallen-Plotmechanik, sondern gerade in ihrer Abruptheit (ein wenig wie die Spießer*innen-Versammlung am tollen Ende von „Rosemary’s Baby“), die umso mehr festhält, dass es so und nur so kommen muss, ohne dass das im Plot raffiniert eingefädelt worden wäre. Und ebenso funktioniert „Midsommar“ nicht so, dass sich da etwas subtil ominös ankündigen würde – so eine Art von Film sieht anders aus, und es kann super aussehen –, als vielmehr so, dass etwas in aller Eindeutigkeit seinen Lauf nimmt. Ein Unheil, sicher. Das Irritierende daran ist, wie sehr es zum Teil als Heil(ung) fungiert.

Im Vordergrund steht jedenfalls nicht, dass wir schwedische Runen entziffern, sondern dass wir mit Kiffern durch Ruinen schwelgen – durch eine sorgfältig, in gemessenem Tempo gestaltete Textur aus Stückwerken von Middle-Class-Leben und dessen (hallo Doppelsinn!) Verarbeitung im Horrormetier. Sprich: Da ist allerlei am Start, das wir aus Slasher- und Survival Horror-Filmen kennen, vom Erlebnistrip in ein Idyll ganz ohne Netz über übliche Cliquen-Typen (der Schwache, der Streber, der Dillo) bis zu „Wo ist eigentlich Josh?“-Momenten, in denen es schon, immer schon, zu spät ist. Und erst das initiale Trauma! Eine spätestens seit „The Descent“ im Genre kultivierte Erzählfigur, der zufolge die tiefe Verwundung, die ein*e Protagonist*in zu Anfang erleidet, durch die Schreckenserfahrung, von der der Film handelt, gleichsam geheilt, zumindest psychisch durchgearbeitet wird.

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Bei so etwas setzt Ari Asters Sinn für Schmerz und Therapiekultur erst einmal an, und was dann kommt, geht über alle Hipness, die Sektenhorrorfilme derzeit offenbar genießen, ebenso hinaus wie über das Thema einer Beziehungs-Trennungs-Geschichte, als die Aster seinen Film „Midsommar“ kokett bezeichnet hat. Wie in „Hereditary“ sind die Beziehungen, um die es sich dreht, gesellschaftliche und keine von studentischen Pärchen oder kunstsinnig gebildeten Familien. Es geht darum, wie das aussehen kann, wenn das Bürgertum nicht mehr atomisiert, sondern traditional gewachsene Gemeinschaft sein will. Scheusslich sieht das aus. Geborgenheitssehnsucht geht über Leichen – und zwar erstaunlich geradlinig und unbeirrbar, wenn sie sich einmal organisiert hat, um freche Führer oder Netzwerke oder beides. Komm, pack an, wir werden pagan!

(Siehe das Abwerfen dessen, was am Christentum humanitärer, erbarmensethischer Ballast ist, durch „konservative“ Parteien in Europa. Und: Dass „Midsommar“ immer einen Tick zu lang und herzeigefreudig an seinen Ausstattungen hängt, zumal an seinen kultischen Arrangements und Skulpturen, das wirkt nicht nur wie eine Überkompensation für die Kürze am herzeigefreudigen Ende von „Hereditary“, sondern hat auch Teil an dem aufkommenden Eindruck, dass du all die dionysisch brauchtumspassionierte Schönheit, die sich dir da anbiedert, irgendwann nicht mehr sehen kannst. Gut so.)

Der King of Pain des denkenden Horrorkinos zeigt hier, wie ein Lifestyle aus Empfindungskultivierung und Leidenschaftstechnik sein High und sein Heil im heidnischen Modellheim sucht: Erst regiert die Mikrophysik des Schuldgefühls, am Ende die Geborgenheit in Blond, gemeinsam weinend mit Flechtzopffrisur straight outta BdM. Das ist bei allen Blumenkränzen so unverblümt, entgrenzt und arg wie in echt: Auch Religion ist nur eine panvitalistische Genussregion, und unsere Werte sind die Härte. The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore.

Midsommar
USA 2019 - 140 min.
Regie: Ari Aster - Drehbuch: Ari Aster - Produktion: Patrik Andersson, Lars Knudsen - Kamera: Pawel Pogorzelski - Schnitt: Lucian Johnston - Musik: Bobby Krlic - Verleih: Weltkino - FSK: ab 16 Jahren - Besetzung: Florence Pugh, Jack Reynor, William Jackson Harper, Will Poulter
Kinostart (D): 26.09.2019

IMDB-Link: https://www.imdb.com/title/tt8772262/
Foto: © Weltkino