Hereditary – Das Vermächtnis

(USA 2018; Regie: Ari Aster)

Vom Schmerz zum Schrecken

Jubelblurbs von Edelfedern der US-Kinokritik umfloren den Start des Konzept-Horrorfilms „Hereditary – Das Vermächtnis“. Der Jubel erfolgt ja nicht zu Unrecht. Allerdings wird die Art, wie solcher Kritik-Hype uns in Schnappatmung versetzen will, den Stärken dieses Langfilmdebüts des jungen New Yorkers Ari Aster (Regie & Drehbuch) kaum gerecht. Diesen Film prägt weniger das grell Gellende als vielmehr ein Gestus des Gravitätischen in Sachen grief und relief: Aus lastenden Verlusten, Aufarbeitungsanläufen und Schuldzuweisungen innerhalb einer White Upper Middle Class-Familie entfaltet sich hier Ominöses und entsteht schubweise nackter Schrecken. Nach dem Begräbnis der Oma wird die Enkeltochter immer seltsamer, deren Mutter packt es nicht, ihr Vater ist der Typ aus „In Treatment“, aber hilfos, und dann rückt der wuschelköpfige Sohn immer mehr ins Zentrum…

„Hereditary“ wirft ein intergenerationales Schmerzensnetzwerk mit markanten Raumknoten aus (emblematisch: das Baumhaus vor dem Heim; die Puppenhaus-Szenarien, in denen die Mutter, von Beruf Objektkünstlerin – was sonst? –, Traumata pittoresk vergegenständlicht). Es wirkt ein bisserl gar gut ausgedacht – aber es wirkt. Das ist ähnlich wie bei dem bizarr verdrehten Missbrauchsdrama in einer schwarzen Bürgersfamilie in Asters Kurzfilm vom „Strange Thing About the Johnsons“. Dass schmerzliche Geheimnisse sich in einer Familie lange halten und wirken, das scheint bei Aster – betrachtet man sein „Gesamtwerk“ – kein Milieu-Monopol des weißen Amerika zu sein. Wie sein kurzer Vorgängerfilm hat auch „Hereditary“ einen Showdown am offenen Kamin. Bewahren wir ansonsten über die Story und ihre Auflösungen konspiratives Schweigen.

Beachtlich ist, wie „Hereditary“ Plots und Topoi des modernen Horrorkinos arrangiert, ohne dabei zitathaft oder beliebig zu werden: Zeichnungen von einem weirden Kind, die Neudeutung diverser gut verpackter Familienmemorabilia, abrupt endende Alpträume, Versuche, ein böses Buch zu verbrennen, Fliegenschwärme, Dachbodenmysterien, Klassenzimmervisionen, Leichenfunde, Flackerlicht, Séancen und ein Signature Sound (Zungenschnalzen) zu flirrenden Geigen und dronenden Bläsern.

Rahmend, tragend für diese motivische Vielfalt ist die Verbindung einzelner Over the Top-Momente mit Zusicherungen, die an Figuren im Film wie auch an uns ergehen – nämlich nach Art des hier öfter gesprochenen Eingeständnis-Satzes „Ich weiß, das ist jetzt total unglaubwürdig, aber…“. Eine regelrechte Doppel-Anmutung – du glaubst es nicht, aber es packt dich –, und Toni Collette gibt dem einen labilen Ausdruckskörper; flankiert von Alex Wolff und Gabriel Byrne spielt sie groß auf, ein wenig auch so, als würde sie an ihre Rolle (ebenfalls eine Mutterrolle) vor zwanzig Jahren in „The Sixth Sense“ anknüpfen. Ja, und die Art, wie hier Gesichter, Gesten und schlichte Hausansichten lange starrend verharren, auch mal in jähstem Lichtwechsel und in hellstem Halbdunkel (Morgendämmerung ist das neue Mitternacht), das schafft eine starke Atmosphäre und ist diabolisch creepy. Das kriecht dich. Hundert pro.

Hereditary – Das Vermächtnis
(Hereditary)
USA 2018 - 123 min.
Regie: Ari Aster - Drehbuch: Ari Aster - Produktion: Kevin Frakes, Lars Knudsen - Kamera: Pawel Pogorzelski - Schnitt: Jennifer Lame - Musik: Colin Stetson - Verleih: Splendid - FSK: ab 16 Jahren - Besetzung: Toni Collette, Gabriel Byrne, Alex Wolff, Ann Dowd, Milly Shapiro
Kinostart (D): 14.06.2018

IMDB-Link: https://www.imdb.com/title/tt7784604/
Foto: © Splendid