Wintermärchen

(D 2018; Regie: Jan Bonny)

Banalarama

„Wo is denn der deutsch, Mann?!“ Becky rastet aus, weil ihr feiger Kumpan einen womöglich „ausländischen“ Passanten nicht einfach aus dem Auto raus abknallen will. Das trostlose Dasein aus Schießübungen, Abhängen und Pflichtsex in der beengten Wohnung frustet das sich permanent ankackende Faschopaar, das doch zu Höherem respektive Niederem berufen sein will. Erst als der unberechenbare Berserker Maik dazustößt, ist die Terrorzelle startklar zum Morden.

Der NSU-Prozess hat Jan Bonny nicht nur zu einem „Polizeiruf“, sondern auch zu dieser radikaleren, nicht mehr TV-Primetime-kompatiblen Antwort auf die Mär vom deutschen „Sommermärchen“ inspiriert. Schon der Begriff NSU suggeriere eine „Festigkeit dieser Ideologie, aber das Erschütternde ist doch eben auch das Private, das Einfache an diesen drei Menschen aus dem deutschen Untergrund, der grenzenlose Narzissmus, die Selbstversicherung und Selbstaufwertung durch die Allmachtsphantasie der Gewaltausübung“.

Nie sah man so abstoßend echt wirkende Bilder von Nazi-Saufgelagen mit permanentem Gebrüll, Triebabfuhr und Türkenwitzen, es ist in der Tat „eine Zumutung …, ein Rausch, ein Blick in den Abgrund, den wir uns immer versuchen zu ersparen“ (Bonny). Doch nicht nur die lockeren Parallelen zum NSU machen dieses „Wintermärchen“ problematisch. Beate Zschäpe und ihre Uwes waren eben keine Dumpfbacken ohne jede Impulskontrolle, sie wussten sich über Jahre zu tarnen, während die Vollspackos im Film sogar dümmer, als die Polizei erlaubt, agieren und den Ruhm nicht abwarten können: „Will endlich was lesen über uns!“, blafft Becky den Kontaktmann an.

Außerdem führt die Kleingruppendynamik dazu, dass sich unwillkürlich leises Mitgefühl für den jeweils gedemütigten ausgeschlossenen Dritten einschleicht – statt für die Mordopfer, die nahezu gesichtslos bleiben. Und will Bonny die Schwulenhasser dadurch lächerlich machen, dass die beiden Herrenmenschen erst brutal, dann lustvoll übereinander herfallen, Becky aus der Wohlstandsverwahrlosung ihres reichen, nicht zu ihrer Vulgärdiktion passenden Elternhauses befreien und am Ende die Utopie eines flotten Dreiers leben? Ganz so banal ist das Böse dann doch nicht.

Dieser Text erschien zuerst in: KONKRET 3/2019

Hier findet sich eine weitere Kritik zu „Wintermärchen“.

Wintermärchen
Deutschland 2018 - 125 min.
Regie: Jan Bonny - Drehbuch: Jan Bonny, Jan Eichberg - Produktion: Bettina Brokember - Kamera: Benjamin Loeb - Schnitt: Stefan Stabenow - Verleih: W-Film - Besetzung: Thomas Schubert, Ricarda Seifried, Lean-Luc Bubert, Lars Eidinger
Kinostart (D): 21.03.2019

IMDB-Link: https://www.imdb.com/title/tt8435932/
Foto: © W-Film