Beale Street

(USA 2018; Regie: Barry Jenkins)

Family Business

Der Mensch konstruiert gerne Normen – für Papiergrößen, Sechskantschrauben und Menschen. Passt was nicht rein, gibt’s Probleme. Wer von der Norm abweicht, gilt nicht als Mensch. Die Folge: Rassismus, Sexismus, Antisemitismus etc. Und selbst, wenn man versucht, einen dieser Ismen aufzuarbeiten, heißt das nicht, dass man auch die anderen als pathische Projektionen wahrnimmt.

Barry Jenkins’ Verfilmung von James Baldwins Roman „If Beale Street Could Talk“ ist ein gutes Beispiel dafür. Roman und Film prangern die rassistischen Strukturen in den USA der Siebziger an. Der Film tut es mit formaler Finesse und technischer Grandezza: Die Schauspieler sind toll, die Bilder wohlkomponiert, das Licht ist ein Gedicht. Doch lässt sich all das nicht genießen, weil die Hauptfigur Tish ein Frauenbild repräsentiert, das – auf deutsche Verhältnisse übertragen – dem einer Couleurdame aus dem 19. Jahrhundert entspricht: jungfräulich (die Sexszene ist reiner und seifiger als jeder „Sissi“-Film), körperlich zurechtgestutzt (Tish steht herum, als hätte sie in die Hose gepieselt), passiv (immer muss ihr Fonny sie retten, verwöhnen, bevatern) und dem Manne zu Diensten (sie macht das Essen, während die Jungs fachsimpeln). Zwar soll sie den unschuldig verurteilten Fonny aus dem Knast holen, doch lockt sie das kaum aus der Mausiecke.

Wer genau hinschaut, erkennt weitere misogyne Muster, die ein aufgeklärter Filmemacher heute niemals unreflektiert und unkritisch seinem Publikum vorgesetzt hätte – von der bösen Schwiegermutter (deren Mann sie ungestraft vor allen Leuten schlagen darf) bis zur Überbetonung der Mutterrolle. Als Tish vor Sorge um Fonny Alpträume hat, sagt ihre Mama nur: „Du trägst jetzt ein Kind unter deinem Herzen, wir glauben an dich.“ Ohne Kind etwa nicht? Ein Ungeborenes hat noch keinen aus dem Knast befreit.

„Wenn die Gesellschaft im kollektiven Sinn zerfällt, wird die kleinere menschliche Einheit immer wichtiger“, urteilte Autorin Joyce Carol Oates über den Roman. Sie meinte es positiv. Man kann es auch negativ deuten: Machen Kapitalismus und fiese Systeme die Menschen platt, herrschen Clans und Familien. Und die sind qua definitionem patriarchal.

Dieser Text erschien zuerst in: KONKRET 03/2019

Beale Street
(If Beale Street Could Talk)
USA 2018 - 119 min.
Regie: Barry Jenkins - Drehbuch: Barry Jenkins - Produktion: Megan Ellison, Dede Gardner, Barry Jenkins, Jeremy Kleiner - Kamera: James Laxton - Schnitt: Joi McMillon, Nat Sanders - Musik: Nicholas Britell - Verleih: DCM - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Kiki Layne, Stephan James, Regina King, Teyonah Parris, Colman Domingo, Michael Beach, Dave Franco
Kinostart (D): 07.03.2019

IMDB-Link: https://www.imdb.com/title/tt7125860/
Foto: © DCM