Leto

(RU/FR 2018; Regie: Kirill Serebrennikow)

Kreative Befreiungsschläge

Etwas beginnt und erzeugt Spannung. Schon mit den ersten Klängen eines Soundchecks irgendwo im Off steigt die Erwartung. Diese entspricht gewissermaßen einer räumlichen Bewegung, wenn eine Gruppe junger Frauen, begleitet von einer enorm dynamischen Kamera, über Hinterhoftreppen und nur halb geschlossene Fenster sich illegalen Zutritt zu einem Konzert der Leningrader Band Zoopark verschafft. Ihr Eintreffen im Saal, verbunden mit einem Anschwellen der wuchtigen, energiegeladenen Rockmusik wirkt wie ein fulminanter Befreiungsschlag. Zugleich ist die Begeisterung durch einen merkwürdigen Kontrast zwischen Aktion und Reaktion gekennzeichnet. Während nämlich Mike Naumenko (Rom Zver), der charismatische Gitarrist und Sänger der beliebten Band, „Du bist ein Miststück“ herausschreit, sind die Fans gezwungen, unter den wachsamen Augen der Offiziellen auf ihren Stühlen zu verharren. Selbst ein Plakat mit aufgemaltem Herzen gilt da schon als subversive Gefühlsbekundung.

Diese unterdrückte Spannung und ihr Ausbrechen in die pure Freude eines jugendlich unbefangenen Übermuts grundiert und befeuert Kirill Serebrennikows mitreißenden Film „Leto“ (russ. für „Sommer“), der tief eintaucht in die konspirativen, vor allem aber kreativen Aufbrüche der sowjetischen Undergroundszene zu Beginn der 1980er Jahre. Beeinflusst von Punk und New Wave proben die jungen Musiker und ihre Fans voller Leidenschaft eine unmögliche Rebellion. Die Selbstermächtigung dazu liefert die Phantasie nachträglich in der Möglichkeitsform. In den schönsten und verspieltesten Szenen des Films verwandelt sich dieser in ein poppiges Musical. Dann bricht sich zu den Songs der Talking Heads („Psycho Killer“), zu Iggy Pop („The Passenger“) und Lou Reed („Perfect Day“) die Lust am anarchischen Aufstand machtvoll Bahn; oder aber die stille Freude über das geheime Glück eines gestohlenen Augenblicks. Bevor die schöne Illusion durch die direkte Anrede des Zuschauers wiederholt durchbrochen wird: „Das alles ist leider nie passiert.“

Kirill Serebrennikows befreiender Film hat trotzdem einen historischen Kern. Im Zentrum dieser Szenen eines parallelen Lebens steht nämlich die Freundschaft zwischen Mike Naumenko, seiner Frau Natascha (Irina Starsehnbaum), auf deren Erinnerungen das Drehbuch basiert, und dem aufstrebenden jungen Wiktor Zoi (Tee Yoo), der später mit seiner Band Kino zum bewunderten Rockidol der russischen Jugend werden wird. Dessen Suche nach seiner musikalischen Identität wird von Mike entscheidend unterstützt und gefördert, obwohl er weiß, dass Natascha zärtliche Gefühle für den talentierten Wiktor und seine ungewöhnlich frische, widerständig lebensnahe Poesie („Ich bin ein Nichtsnutz“) entwickelt. Im Gegenlicht eines hellen Sommers und in den vielen, von Alkohol, Zigarettenrauch und wilder Musik geschwängerten Nächten, im Diskutieren über Texte und dem Musizieren bei klandestinen „Wohnzimmerkonzerten“ heben die beiden mit Kreativität die Realität aus den Angeln. Eine solche Befreiung wünscht man auch dem Regisseur, über den noch vor Fertigstellung des Films Hausarrest verhängt wurde.

Leto
Russland, Frankreich 2018 - 128 min.
Regie: Kirill Serebrennikow - Drehbuch: Mikhail Idov, Lily Idova, Kirill Serebrennikov - Produktion: Pavel Burya, Georgy Chumburidze, Mikhail Finogenov, Murad Osmann - Kamera: Vladislav Opelyants - Schnitt: Yury Karikh - Musik: Roman Bilyk - Verleih: Weltkino - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Roma Zver, Irina Starshenbaum, Teo Yoo, Anton Adasinsky, Liya Akhedzhakova
Kinostart (D): 08.11.2018

DVD-Starttermin (D): 12.04.2019

IMDB-Link: https://www.imdb.com/title/tt7342838/
Foto: © Weltkino