12 Tage

(F 2017; Regie: Raymond Depardon)

Der Wille zum Wahn

„Der Weg vom Menschen zum wahren Menschen führt über den Wahnsinnigen“.

Dieses Foucault-Zitat stellt der französische Regisseur Raymond Depardon seinem Dokumentarfilm „12 Tage“ voran. Es ist ein dialektischer, marxistisch geprägter Gedanke, aufbauend auf Marx‘ Prämisse: „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“. Demnach muss der normale, also genormte, durch die Arbeits- und Lebensbedingungen geformte Geisteszustand im Kapitalismus ein deformierter, ein kranker sein, die Bewusstwerdung aber dieser Deformation bedeutet den Bruch mit der Norm, das Aufbrechen der Konvention. Der Wahnsinn wäre nach Marx/Foucault also der Schritt zur Erkenntnis des Gefängnisses, in welchem alle leben, zur Erkenntnis des Widerspruchs zwischen konventioneller Lüge namens Ideologie und dem „wahren“ selbstbestimmten Sein, zum nicht ausgebeuteten deformierten, sondern zum ganzen und heilen Menschen.

In Frankreich entscheidet ein Gesetz darüber, dass innerhalb von 12 Tagen über den Verbleib von in die geschlossene Psychiatrie eingewiesenen Patienten ein Richter zu entscheiden hat. Depardon nun ließ die Kamera bei zehn dieser richterlichen Anhörungen laufen und ermöglichte den tragischen Zuständen, in denen sich einige dieser Patienten befinden, unvoreingenommene Aufmerksamkeit. Auf den ersten Blick wirken viele der PatientInnen, als würden sie sich ungerechtfertigter Weise in der Zwangseinweisung befinden. Bei genauerem Hinsehen aber ist zu erkennen, dass ihre Argumentation darauf abzielt, gesund zu wirken, um bald wieder der offenbar tristen Krankenhausatmosphäre zu entkommen. In keinem Fall ist erkennbar, dass sich der Patient wünscht, in der geschlossenen Psychiatrie zu verbleiben, bis sich sein psychischer Zustand stabilisiert hat.

Dieser Umstand sagt einerseits einiges über den Zustand der modernen Psychiatrie aus, die sich sehr auf die Behandlung mit chemischen Wirkstoffen verlässt, in welcher aber andere therapeutische Zugänge zu Psychosen eher unterentwickelt zu sein scheinen. Andererseits gehört es zur Charakteristik psychotischer Zustände, dass die Wahrnehmung dessen, was gut oder schlecht für einen sei, für die Patienten oft nicht klar erkennbar ist. Und so wissen wahrscheinlich viele Patienten, die sich hier dem Richter oder der Richterin versuchen als „normal“ zu präsentieren, um baldmöglichst nach Hause zu kommen, oft nicht, wie wichtig es für sie und (ihre Umwelt) ist, dass sie nicht frei herumlaufen können. Ein krasses Beispiel dafür ist ein Mann mittleren Alters, der eloquent begründet, dass er sich weniger Sorgen um sich als um seinen alten Vater macht, welcher ohne ihn hilflos sei, weshalb er unbedingt nach Hause müsse. Als der Richter nach dieser relativ kurzen aber geduldigen Anhörung die Entscheidung fällt, dass der Patient weiter in der Geschlossenen zu bleiben habe, fragt ihn danach ein Beisitzer, wieso er so klar urteilen konnte. Des Richters Antwort ist überzeugend: „Sie wissen wahrscheinlich noch nicht, dass dieser Patient vor zwei Jahren seinen Vater ermordet hat?“

Um noch einmal auf Foucaults Aussage zurückzukommen. Ganz sicher haben Marx und Foucault recht, wenn sie sagen, dass ein „entfremdetes Leben“ auch die Psyche „verfremden“ und also auf irgendeine Weise krank machen muss. Die Erweiterung der ökonomischen Ursachen auf andere komplexere (historische, edukative Traditionen) Zusammenhänge hatte Foucault vielleicht auch schon mitgedacht, und natürlich zeigt sich an der Häufung psychischer Erkrankungen tendenziell ein gesellschaftliches Leiden, so sind in Deutschland Depressionen und Angststörungen mit 5,1 % Anteil an der Gesamtbevölkerung auf dem Vormarsch, die Stiftung Deutsche Depressionshilfe nennt die Krankheit eine Volkskrankheit, und gerade der anscheinend harmlosere Name „Burnout“ deutet darauf hin, dass die Menschen in der Gegenwart in vielerlei Hinsicht massivem Druck ausgesetzt sind, Leistungsdruck in der Schule, im Studium und bei der Arbeit, Optimierungsdruck bis ins Private hinein, ständige Erreichbarkeit in sozialen Netzwerken, ständige Selbstkontrolle durch Workouts etc. (ans Handy angeschlossene Pulsmessgeräte etc)

Die Angleichung der Menschen an Maschinen schreitet voran, und da selbst Schlagersänger manchmal recht haben, dürfen sie gerne proklamieren: „Ich bin doch keine Maschine“ – Die New Economy aber antwortet ihnen: „Du solltest es aber werden, sonst fällst du aus unserem Leistungswettbewerb hinaus.“ Dieses Herausfallen aus dem Kampf um maximale Effizienz, Selbstausbeutung und Anpassung an das System ist es, was Angst macht, das Gefühl der Wertlosigkeit vermittelt, es ist das Ergebnis, wenn man für seinen Job so lange „gebrannt“ hat, bis man „ausgebrannt“ ist. Natürlich ist ein Mensch etwas ganz anderes, als sein Erfolg in einem ihm im Kern fremden Wettrennen. Deshalb ist der Zusammenbruch, ein Fall in die (gesellschaftliche definierte) Krankheit hinein in Wahrheit ein erster gesunder Schritt. Das Empfinden der Leere ist gesünder als deren Nichtempfinden. Die Depression stellt die Initialfrage nach dem Ich, nach dem genuinen Menschsein. Hier geht der Kritiker mit Foucault und Marx konform. Schwierigkeiten hat er damit, analog dazu auch die Realitätswahrnehmung von Schizophrenen als unmittelbare und wie bei Foucault idealisierte und quasi seherische Vorstufe einer „richtigeren Welt“ oder eines „freieren Ich“ einzuschätzen. Diesen einfachen Schluss sollte man jedenfalls vermeiden, auch wenn ihn der Film mit seinem Motto und seinen stillen Kamerafahrten durch trostlose Anstaltsarchitektur etwas zu sehr nahelegt. Wenn schwere Psychosen oft auch durch äußere Anlässe und soziale Verhältnisse getriggert werden können, so ist doch bis heute noch nicht wirklich erforscht, wie große Anteile davon rein genetisch bedingt sind.

In diesem Zusammenhang wäre übrigens interessant, wie es sich mit Massenpsychosen rechtspopulistischer Art verhält. Verschwörungstheorien wie die, dass es der größte Wunschtraum von Angela Merkel sei, dass wir Blutsdeutschen gegen Massen islamistischer Vergewaltiger ausgetauscht werden sollen, können nur bei Menschen greifen, deren inneres Gleichgewicht stark gestört ist und deren Wahrnehmung der Außenwelt getrübt. Im Sinne von Foucault und Marx könnte man diesem Eskapismus-Phänomen zu Grunde legen, dass die Menschen durch einen neoliberalen Wertekanon und eine gleichzeitige Auflösung demokratischer Strukturen, angesichts der Komplexität einer unüberschaubaren Welt und bei gleichzeitiger Informationsflut, eine Sehnsucht nach einfachen und klaren Antworten ergriffen hat. Leider kann diese Art von psychotischem Irrweg aber kaum zum „wahren Menschen“, eher zum „wahren Unmenschen“ führen. Und leider wird die andere, viel ältere und viel plausiblere, Verschwörungstheorie, die schlichter und vor allem besser belegbar ist, als die Sache mit den blutrünstigen Asylbewerbern, heute kaum mehr wahrgenommen: Die Welt ist in der Hand von wenigen Leuten, denen es egal ist, ob Kriege stattfinden, ob wir eine Klimakatastrophe erleben oder ob Millionen Menschen verhungern: Hauptsache, sie behalten ihre Macht und sie verdienen das ganze Geld.

Hier findet sich eine weitere Kritik zu „12 Tage“.

12 Tage
(12 jours)
Frankreich 2017 - 86 min.
Regie: Raymond Depardon - Drehbuch: Raymond Depardon - Produktion: Claudine Nougarte - Kamera: Raymond Depardon - Schnitt: Simon Jacquet - Musik: Alexandre Desplat - Verleih: Grandfilm - Besetzung:
Kinostart (D): 14.06.2018

DVD-Starttermin (D): 16.11.2018

IMDB-Link: https://www.imdb.com/title/tt6777114/
Foto: © Grandfilm