Gegen den Strom

(ISL/FR/UKR 2018; Regie: Benedikt Erlingsson)

Kinderkriegen, Ökokrisen

Wie weit kann man gehen – im Bewusstsein, das Richtige zu tun? In seinem Spielfilm „Gegen den Strom“ widmet sich Regisseur Benedikt Erlingsson ähnlichen – Industrie gegen Natur – Konflikten, wie sie sich im Hambacher Forst abspielen, wenn auch ohne Bäume. Seine Heldin Halla (Halldóra Geirharðsdóttir) sägt Strommasten in Islands Vulkanlandschaften um, weil ihr das umweltschädigende Wirken eines riesigen Aluminiumwerks in internationalen Konzernhänden gegen den Strich geht. Im bürgerlichen Leben eine freundliche, warmherzige Chorleiterin, macht sich Halla als Ein-Frau-Ökoarmee, topfit in allen Überlebenstechniken, daran, der Alu-Hütte den Saft abzudrehen.

Dies wäre aber keiner jener „kleinen“ skandinavischen Filme mit Reflexionspotenzial, wenn nicht mehrere Diskurse zusammenkämen: Halle ist 50 und erlebt eine Midlife-Crisis, die die ausgewiesene Moralistin schon vor Jahren bewältigen wollte, indem sie einen Adoptionsantrag stellte. Nun kommt der positive Bescheid: Sie kann ein vierjähriges Waisenkind in der Ukraine abholen; eine Nachricht, die sie aus der Bahn zu werfen droht. Sie hatte den Antrag längst vergessen. Und jetzt? Ihre Ratlosigkeit kompensiert sie mit antiimperialistischem Furor. Kann sein, dass das Aluminiumwerk für – manche – Arbeitsplätze sorgt. Aber das Werk versaut eben auch krass die Umwelt. Ohne Echo in der Öffentlichkeit bleibt ihre Arbeit spätestens nach der ersten gekappten Oberleitung nicht. Sollen wir wieder Fischkadaver einsammeln, fragt der Mann auf der Straße. Die Frau sagt: „Jetzt werden die Babysachen teurer.“

Aber nicht jede profitiert vom Metall, ebenso wie andernorts auch die Braunkohle eben nicht jederfrau Ding ist. Sympathien findet sie durchaus auch, etwa bei jenem Bauern, der ihr bereitwillig Auto und Material zur Verfügung stellt; aber – dieser Film lebt davon, dass nichts ist, wie es scheint – nicht nur, weil er einer grünen Meinung mit ihr ist, sondern auch eine Verwandtschaft vermutet, da seine männlichen Vorfahren recht promiskuitive Lebensweisen pflegten.

Zuweilen sogar Hochachtung genießt sie auch deshalb, weil sie professionell arbeitet und sich sehr gut in den landschaftlichen Gegebenheiten zurechtfindet. Setzt den Präzisionsportbogen gekonnt ein, weiß, wie und wo man Sprengstoff beschafft und sich in Tierkadavern vor Wärmebildkameras der Polizei schützt. Dem Premierminister reicht es jedenfalls. Er beginnt mit dem Konzern Nachverhandlungen übers Ökologische.

Wenn er auch noch Erfolg hat, fragt dieser Debattenfilm: Wann ist wie viel Widerstand legitim? Halla sieht sich als Wiedergeburt der „Bergfrau“, der mythischen Verteidigerin Islands, setzt sich übers Recht hinweg. „Man muss dann die Demokratie stoppen. Die Zukunft, die Gesundheit kommender Generationen lässt sich nicht per Gesetz bestimmen.“
Man ahnt, der Klimawandel wird nicht im Rechtsstaat verhandelt. Der Film überlässt es letztendlich dem Publikum zu entscheiden, ob dieser Kampf Berechtigung hat. Geführt wird er aber auf jeden Fall.

Ernsthafte Komödie möchte man dieses Genre nennen, in dessen Rahmen Erlingsson von seiner Hauptfigur zu erzählen hat. Dem Zuschauer bietet dieser Film Verfremdungseffekte an, um das Gesehene sacken zu lassen. Die Filmmusik steht grundsätzlich als Band in der Landschaft.

Erlingsons Sympathie gehört seiner Hauptfigur, sicher. Aber er lässt sie nicht zuschlagen, ohne in komischen Momenten von ihren inneren Widersprüchen zu erzählen, Skurrilitäten aneinanderreihend. Da sieht man Halla in ihrem Wohnzimmer mit säuberlichst abgezogenen Dielen, entrückt-konzentriert vor den Porträts der Götter des zivilen Widerstands Gandhi und Mandela, in Yoga-Heldenstellung. Oder war’s wer anders – war da nicht noch eine Buddha-erleuchtete Zwillingsschwester, die sich so gern mit Halla verwechseln lässt? Bitte nachprüfen! „Gegen den Strom“ ist ein topaktuelles, sehenswertes weil hochartifizielles Verwirrspiel angesichts bestehender und zukünftiger ökologischer Krisen.

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Futurzwei 12/18.

Gegen den Strom
(Kona fer í stríð)
Island, Frankreich, Ukraine 2018 - 101 min.
Regie: Benedikt Erlingsson - Drehbuch: Benedikt Erlingsson, Ólafur Egill Egilsson - Produktion: Marianne Slot, Benedikt Erlingsson, Carine Leblanc - Kamera: Bergsteinn Björgúlfsson - Schnitt: Davíð Alexander Corno - Musik: Davíð Þór Jónsson - Verleih: Pandora - FSK: ab 6 Jahren - Besetzung: Halldóra Geirharðsdóttir, Jóhann Sigurðarson, Davíð Þór Jónsson, Magnús Trygvason Eliassen, Ómar Guðjónsson
Kinostart (D): 13.12.2018

IMDB-Link: https://www.imdb.com/title/tt7279188/
Foto: © Pandora