Zama

(ARG/BR/ES/FR/NL/MEX/PT/USA 2017; Regie: Lucrecia Martel)

Ferne fremde Welt

Ist Don Diego de Zama wie einer jener tapferen Fische, von denen es in der gleichnishaften Rede eines sterbenden Gefangenen einmal heißt, dass sie vom Wasser abgestoßen werden? Weil sie aber in ihrem natürlichen Element bleiben wollen, halten sie sich bevorzugt in Ufernähe auf. Oder ähnelt er eher einem Gott, der alt geboren wurde und nicht sterben kann? In Lucrecia Martels neuem, magisch-realistischem Film „Zama“, einer Adaption des gleichnamigen, existentialistischen Romans von Antonio di Benedetto aus dem Jahre 1956, leidet der melancholische Titelheld jedenfalls unter einer „schrecklichen Einsamkeit“. Gleich zu Beginn des Films steht er am Ufer eines namenlosen Sees und blickt über das Wasser in die Ferne. Spielende Kinder in sommerlicher Hitze, im Schlamm badende Frauen und eine ausgeprägt exotische Geräuschkulisse evozieren die brüchige Idylle einer fernen fremden Welt.

In einer nicht näher bezeichneten südamerikanischen Kolonie des Jahres 1790 steht Diego de Zama (Daniel Giménez Cacho) als Offizier und Justizbeamter im Dienst der spanischen Krone. Er sehnt sich nach seiner Familie und blickt lüstern auf die Frauen in seiner Umgebung. Er versieht missmutig, träge und gelangweilt seinen Dienst und wartet zunehmend frustrierter auf eine Versetzung, die sein Vorgesetzter noch nicht einmal beantragt hat. Sowohl von der Frau, die er begehrt, als auch vom zwielichtigen Gouverneur wird er hingehalten, was der Staatsdiener geduldig erträgt. Dabei vollzieht sich fast unmerklich sein Abstieg, eine Art fortgesetztes Scheitern, das darin kulminiert, dass sich Diego de Zama auf die Spur des gefährlichen Banditen Vicuña Porto (Matheus Nachtergaele) begibt. In der Hoffnungslosigkeit des Urwalds, der seine Gefangenschaft noch verschärft, begegnet er schließlich sich selbst und seinem Schicksal. Während er vorgeblich darauf wartet, dass seine Hoffnung zerstört werde, hofft er doch immer weiter auf ein Leben im Ungefähren, das sich für ihn aber nicht erfüllt.

Lucrecia Martels undramatische, elliptische Erzählweise verweigert sich bewusst dem Überblick und jenen gängigen Klischees der historischen Darstellung, die ein Wissen behaupten, das vom Kino selbst erfunden wurde. Stattdessen erzählt sie in Andeutungen und Ausschnitten von einer fremden Welt, deren Unschärfe zwar alles durchdringt, die in Details aber sehr präzise wiedergegeben wird. Ständig gibt es eine Dialektik zwischen dem, was im Bild sehr genau erfasst ist und dem, was außerhalb seines Rahmens über den Ton vermittelt wird. Martels ästhetisch ausgefeilte Darstellung einer individuellen Desorientierung, die einer unsicheren, mithin schwindenden Identität auf der Spur ist, integriert deshalb konsequent den Wahn in eine Wirklichkeit, die sich im Ungefähren von Illusionen verliert, in Visionen augenblickshaft Gestalt gewinnt und doch gegen allen Anschein immer wieder auf dem Greifbaren beharrt.

Zama
Argentinien, Brasilien, Spanien, Frankreich, Niederlande, Mexiko, Portugal, USA 2017 - 115 min.
Regie: Lucrecia Martel - Drehbuch: Lucrecia Martel, Antonio Di Benedetto (Roman) - Produktion: Vânia Catani, Santiago Gallelli, Matias Roveda - Kamera: Rui Poças - Schnitt: Karen Harley, Miguel Schverdfinger - Verleih: Grandfilm - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Daniel Giménez Cacho, Lola Dueñas, Matheus Nachtergaele
Kinostart (D): 12.07.2018

DVD-Starttermin (D): 11.01.2019

IMDB-Link: https://www.imdb.com/title/tt3409848
Foto: © Grandfilm