Predator

(USA 1987; Regie: John McTiernan)

Die alten Leiden des imperialistischen Subjekts

Es ist sicherlich nicht das kleinste Verdienst dieses großen Meisterwerks, dass es ein Film ist, der gleichermaßen gehört wie gesehen werden muss. Der Perfektion der visuellen Gestaltung, die die auf ein bloßes Gerüst reduzierte Narration vorantreibt – hier stimmt einfach alles; von der Präzision der Komposition jeder Einstellung und der Setzung jedes Schnittes bis zum Einsatz der berühmten und bizarren One-Liner: „Stick around“, „I ain‘t got time to bleed.“ „You‘re one ugly motherfucker.“, et al. – entspricht die der Tonspur, die man nicht zuletzt deshalb als soundscape bezeichnen sollte, weil sie auf so schier unglaubliche Art mit dem Schauplatz des Urwalds eines nicht genau bezeichneten mittelamerikanischen Landes korrespondiert. Wer jemals selbst in einem Dschungel war, weiß, dass zu dessen Erlebnis sicherlich nicht zuletzt das Knistern der Blätter, das Zierpen der Insekten und das Zwitschern der Vögel gehört – nicht nur der „Zementdschungel“ New York, sondern auch der, der für jenen als Metapher herhält, ist ein Ort, der niemals schläft. In „Predator“ nun, in dem eine US-amerikanische Militäreinheit auf eine Rettungsmission vorher hier verschollener Soldaten geschickt wird und sich dabei schließlich mit einem außerirdischen Jäger konfrontiert sieht, der das Platoon Mann für Mann dezimiert, ergänzt sich diese Geräuschkulisse nicht nur mit dem großartigen Score von Alan Silvestri, sondern sie bilden letztlich eine Dichotomie, deren beide Teile dann aber in einer dialektischen Beziehung zueinander stehen.

Wenn das Pathos der Musik mit ihren Marschanklängen immer wieder recht dezidiert ein militärisches ist, unterstreicht es zugleich das Eindringen der Soldaten in eine Welt, die – eben schon auditiv – einer anderen Ordnung folgt als der ihren. Das gleiche gilt übrigens für alle menschgemachten Geräusche hier, von den Rotoren der US-Armee-Hubschrauber bis zu den Motorengeräuschen des Generators ihrer menschlichen Feinde in einem Guerilla-Stützpunkt. Ja, sogar der Rassismus des Films – der freilich ein derart sonderbarer ist, dass er später noch ausführlich beleuchtet werden muss – scheint sich bis in die Tonspur hineinzufressen: Die Gespräche auf Spanisch der Guerilleros, deren Stützpunkt im Urwald die US-Soldaten nach ihrer Ankunft gnadenlos plattmachen, scheinen hier – im Gegensatz zu allen Maschinengeräuschen, wie gesagt – integraler Bestandteil der Geräuschkulisse des Urwalds zu sein, was dann auch auf die „Naturalisierung“ des kulturellen Anderen in kolonialistischen/imperialistischen Kontexten und Diskursen verweist.

Damit zum Platoon, das derart heterogen ist, dass es auch heute, über dreißig Jahre später, fast jeglichen Ansprüchen an Diversität mühelos entspricht: Angeführt wird es von Dutch (Arnold Schwarzenegger, dessen breiter Akzent hier nicht nur eine Gegebenheit ist, die hingenommen werden muss, sondern auch als Verweis auf seine Immigrantenbiographie gesehen werden darf). Neben den Afroamerikanern Mac (Bill Duke) und Dillon (Carl Weathers) – deren Hautfarben übrigens, ich behaupte einfach mal: absichtlich, erheblich voneinander abweichen – gibt es mit dem Spurensucher Billy (Sonny Landham) auch noch einen Mann, der sichtlich von der indigenen Bevölkerung Nordamerikas abstammt, und schließlich mit Blain (Jesse Ventura) und Poncho (Richard Chaves) noch zwei hellhäutige Männer, von denen der Name des Letzteren wohl auf eine hispanische Abstammung verweist. Der Film erzählt auch darin über den Klang, dass die Sprache der jeweiligen Figuren von verschiedenen sozialen Backgrounds kündet, die hier nichts mit ihrer Hautfarbe bzw. Abstammung zu tun haben. Zu guter Letzt darf sich zu der Truppe mit Anna (Elpidia Carillo) noch eine Mittaleamerikanerin anschließen und ihre Frau stehen, die allerdings – das ist entscheidend hier – auch Englisch spricht.

Ich liebe „Predator“, den ich bereits in früher Jugend von in jeder Hinsicht defizitären VHS-Kassetten rauf und runter geguckt habe, immer noch viel zu sehr, um aus meiner heutigen Sicht ideologiekritisch an ihm herummäkeln zu wollen; dennoch ist entscheidend, was er mit seinen diversen Figuren anstellt. Künden sie doch letztlich von einer Art kulturellem Imperialismus, der sich alle einverleiben und für seine Zwecke gebrauchen kann. Gleichzeitig reflektiert er aber natürlich auch kritisch darüber, dass die Gleichheit der Figuren bei all ihren unterschiedlichen Merkmalen letztlich darin besteht, sich alle auf einer Mission mit fragwürdigen politischen Zielen verheizen lassen zu dürfen. Wenn hier jede/r AmerikanerIn sein oder werden kann, dann bieten die Guerilleros, die zu Beginn vollkommen emotionslos niedergemetzelt werden in einem Film, in dem später das Ableben jedes Soldaten eine Tragödie für seine MitstreiterInnen ist, schon deshalb ein gutes Feindbild, weil sie eine Monokultur aus – übrigens relativ hellhäutigen – Latinos sind.

Wer heute eine Quote für Diversität in Filmen fordert – die ich nicht kategorisch ablehne, aber für ein sehr schwieriges Unternehmen halte, das sehr genauer Differenzierungen bedarf –, dem oder der sollte man wohl ans Herz legen, sich „Predator“ anzuschauen. Denn hier wird zum einen gezeigt, dass ein Einwanderungsland wie Amerika sich zwar verschiedene Menschen für seine Zwecke einverleiben kann, dabei aber doch weiterhin Feindbilder braucht, die sich, provokativ ausgedrückt, nicht einverleiben lassen wollen, nicht bereit sind AmerikanerInnen zu sein oder zu werden. Wobei auch berücksichtigt werden sollte, dass dieser Film und die Perfektion, mit der er als atemberaubendes Adrenalin-Kino auf der emotionalen Klaviatur der Zuschauenden spielt, in aller ideologischen Gebrochenheit – die sich sicherlich nicht zuletzt dadurch artikuliert, dass die Soldaten hier auch proletarische Helden sind, denen der Klassenfeind in den oberen Reihen des Militärapparates böse mitspielt – doch auch ein Stück weit Kalte-Kriegs-Propaganda ist. Zum anderen – und viel wichtiger – ist die hier suggerierte Chancengleichheit – so sinister die konkrete „Chance“, die hier allen Figuren gleichermaßen offensteht, auch letztlich sein mag – nicht einfach nur ein Märchen, sondern eine denkbar dreiste neoliberale Lüge.

Wesentlich interessanter als das Guerillero-Feindbild ist übrigens das titelgebende Monster. Denn es ist nicht nur für die Soldaten im Film schwerer zu besiegen, sondern auch für seine RezipientInnen schwieriger zu deuten. Der Predator, der sich quasi unsichtbar machen kann, indem er sich seiner Umgebung farblich anpasst, ist zunächst einmal damit ein Stück feindlicher Natur. Als Anna, die der Ermordung von Poncho, der als erster sein Leben lässt, beiwohnt, später befragt wird, was passierte, antwortet sie: „Der Dschungel hat ihn mitgenommen.“ Dann ist er aber auch eine hochtechnisierte Maschine, die über eine Vielzahl ihrem Körper direkt eingebauter äußerst effektiver Feuerwaffen ebenso verfügt wie über Mittel der Aufnahme von Geräuschen und deren Thermosicht, die der Film auch immer wieder in Subjektiven einnimmt und deutlich auf das Computerzeitalter verweist. Wenn Schwarzenegger ihn schließlich im Showdown, der das ganze Kino in seine Teile zerlegt und gerade dadurch pures Kino ist: ein einziges hypnotisches Spiel mit blinkendem und blitzendem Licht, Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, dann gilt es dabei auch den Implikationen seines Körpers zu gedenken, des hardbodies des Mannes, der Mister Universum war, bevor er Filmstar wurde, das männliche Körperideal der Achtziger nicht nur (über)erfüllte, sondern wohl auch wesentlich mitprägte.

Um einen Gegner wie den Predator zu besiegen, braucht der Mensch Schwarzenegger seinen gestählten Körper ebenso wie eine bestialische Intelligenz, wobei die Metaphern hier sehr bewusst gewählt sind, weil sie beiden von seiner Entmenschlichung künden. Wenn er sich mit Schlamm beschmiert und sich damit zugleich seiner Umwelt anpasst und für den Gegner unsichtbar macht, schlägt er diesen auch mit seinen eigenen Waffen. Der Mensch, der die Tier-Maschine besiegen will, kann das nur erreichen, indem er selbst zu einer wird. Aus seinem niedergeschlagenen und ermatteten Gesicht in der letzten Einstellung, wenn er nach getaner Arbeit im Hubschrauber davonfliegt, spricht wohl nicht nur der Schmerz über den Verlust seiner Kameraden, sondern auch der darüber, was er selbst werden musste, um zu überleben. Und der Film transzendiert damit alles, was er sonst noch sicherlich ist (und wohl auch sein will) – neben Kalte-Kriegs-Propaganda wohl auch noch Vietnamkriegs-Allegorie – und erzählt vom Dilemma des westlichen Menschen im späten zwanzigsten Jahrhundert, genauer und mehr noch: dem des imperialistischen Subjekts im Allgemeinen.

(Damit ist er aber noch nicht ganz vorbei, es werden nun auch noch Einstellungen der verschiedenen Figuren gezeigt, zu denen die Namen der DarstellerInnen eingeblendet werden. Die Tatsache, dass die meisten von ihnen dabei lachen, verweist wohl sehr direkt auf „The Wild Bunch“ (Sam Peckinpah, 1968) über den Ekkehard Knörer schrieb: „Ans Ende stellt Peckinpah eine ambivalente Form von Auferstehung, oder eher: Limbo. Wir sehen Bilder der Helden, lachend, als spotteten sie dem Tod.“ Man könnte in Anlehnung daran wohl auch sagen: Wer zuletzt lacht, lacht im Limbo.)

Benotung des Films :

Nicolai Bühnemann
Predator
(Predator)
USA 1987 - 102 min.
Regie: John McTiernan - Drehbuch: Jim Thomas, John Thomas - Produktion: John Davies, Lawrence Gordon u. a. - Kamera: Donald McAlpine - Schnitt: Mark Helfrich, John F. Link - Musik: Alan Silvestri - Verleih: 20th Century Fox - FSK: 16 - Besetzung: Arnold Schwarzenegger, Bill Duke, Elpidia Carillo, Carl Weathers, Sonny Landham, u. a.
Kinostart (D): 27.08.1987

IMDB-Link: https://www.imdb.com/title/tt0093773/?ref_=nv_sr_4
Foto: © 20th Century Fox