Styx

(D/AT 2018; Regie: Wolfgang Fischer)

Keine Rettung, nirgends

Will man einen weiteren Spielfilm zum Thema „Flüchtlingskrise“ sehen? Zum Beispiel „Styx“, dessen österreichischer Regisseur Wolfgang Fischer im Presseheft bekundet: „Die Konfrontation eines Sportbootes mit einem überladenen, havarierten Flüchtlingsschiff mitten im Ozean ist unter Seglern ein vieldiskutiertes Horrorszenario, das immer häufiger Wirklichkeit wird.“ Will man nach dem Kinobesuch ein unter Seglern „vieldiskutiertes Horrorszenario“ mit Freunden in der Kneipe erörtern? Und falls ja, will man sich dann die (sonst bei NS-Filmen bemühte) Frage aller Fragen stellen: Wie hätte ich wohl gehandelt? Doch halt! Bevor man „Styx“ vorschnell als nächsten Film zur „Flüchtlingskrise“ einordnet und ihn als kunstvoll entworfene Parabel über ein moralisches Dilemma rezipiert, sollte man ihn erst einmal ohne die symbolische Metaebene schauen, als das, was er über weite Strecken auch ist: ein Abenteuerfilm über Körperlichkeit und den Verlust von Autonomie einer souveränen Akteurin.

Zu Beginn werden wir Zeugen, wie bei einem nächtlichen illegalen Autorennen in Köln ein Unbeteiligter schwer verletzt wird. Sofort danach naht Rettung: Ein professionell agierendes Team aus Spezialisten befreit das Unfallopfer aus dem Wrack und transportiert es ins nächste Krankenhaus. Federführend dabei: die Notärztin Rike, herausragend gespielt von Susanne Wolff. Der begegnen wir in Gibraltar wieder, wo Affen mit erstaunlicher Lässigkeit den urbanen Raum mitbevölkern und zwischen Autos und an Häuserwänden herumturnen. Der Film registriert das Treiben der Affen etwas zu lange, um es noch als atmosphärisches Lokalkolorit durchgehen zu lassen. Unten am Hafen sehen wir, wie Rike eine Yacht belädt und sich also auf einen längeren Segeltörn vorbereitet. Sie wirkt sportlich und auch dabei sehr professionell. Als sie mit Karten hantiert, wird klar, dass sie auf den Atlantik hinauswill. Zwischenstopp: die Kanaren. Destination: Ascension Island, wo Charles Darwin Mitte des 19. Jahrhunderts ein Ökosystem anlegen ließ, das mittlerweile selbstreproduzierend arbeitet. Immer wieder blättert Rike in einem großformatigen Fotoband über das künstliche Paradies.

Es passt ins Bild, das der Film bis dato von Rike entworfen hat, dass sie als Einhandseglerin, also allein, in See sticht. Kenntnisreich, bestens ausgerüstet und offensichtlich sehr erfahren, braucht sie keine Hilfe und kein Gegenüber, um sich auf eine Reise zu machen. „Styx“ dokumentiert in der folgenden guten Stunde den Alltag an Bord, die Handgriffe und Bewegungsabläufe, die Geräusche des Bootes und der See. Es ist faszinierend, Wolff zuzuschauen, und vielleicht hat man „Open Water“ etwas zu häufig gesehen, wenn man sich dabei gruselt, wie sie frühmorgens ein langes Seil über Bord wirft und hinterherspringt. Was würde ich in dieser Situation tun? Bestimmt nicht ins Wasser springen! Obschon allein auf hoher See, ist Rike mit der Welt via Radar und Funk doch bestens vernetzt. Sie registriert den Verkehr, plaudert mit Vorbeifahrenden, selbst wenn die außer Sichtweite sind. Als schließlich ein Sturm aufzieht, trifft Rike die nötigen Vorbereitungen und meistert auch diese Herausforderung. Doch in die Ruhe nach dem Sturm dringen Stimmen und Hilferufe übers Meer. In Sichtweite treibt ein Fischerboot, offenbar manövrierunfähig und überladen, gewiss ohne Funkkontakt.

Man kann den Film dafür hochschätzen, dass er selbst jetzt ganz konsequent bei seiner Protagonistin bleibt, die die Situation aus der Entfernung nicht einschätzen kann. Klar ist, ihre Yacht ist zu klein, um die Schiffbrüchigen spontan zu bergen. Man müsste Panik fürchten. Rike macht, was in dieser Situation üblich ist: Sie informiert die Küstenwache per Funk über die Position des havarierten Boots. Nachdrücklich warnt man Rike, selbst die Initiative zu ergreifen. Die Gründe dafür werden schnell klar, als Rike dem Boot näherkommt: Einige der Insassen springen über Bord und ertrinken beim Versuch, der Yacht näher zu kommen. Rike stellt daraufhin die alte Distanz wieder her, bleibt aber vor Ort. Nichts passiert. Nach geraumer Zeit stellt sich der Verdacht ein, dass die Küstenwache es langsam angehen lässt, um das Problem auf andere Art zu lösen. Auch andere Schiffe in der Nähe weigern sich zu helfen: Für derartige Begegnungen gebe es seitens der Reedereien strikte Order. Als es dem Jungen Kingsley wider alle Wahrscheinlichkeit gelingt, Rikes Yacht schwimmend zu erreichen, spitzt sich die Situation weiter zu. Jetzt kann Rike wieder in ihre Rolle als Ärztin zurück und den erschöpften und unterkühlten Jungen retten, aber der fordert, wieder zu Kräften gekommen, Solidarität, Hilfeleistung. Auflösbar ist der Konflikt vor Ort nicht, zumal, wenn die traditionellen Übereinkünfte selbstverständlicher Hilfeleistung nicht mehr gelten.

Als Rike dies realisiert, wählt sie als letzte Option die Aufgabe ihrer Yacht und überschreitet anschließend den Styx, den Fluss, der die Lebenden und die Toten trennt. Was sie dort sieht, wird bestenfalls angedeutet. Was sie dort gesehen haben mag, steht ihr am Schluss ins Gesicht geschrieben. Rike hat gehandelt und konnte durch ihr Handeln tatsächlich – die letzten Einstellungen sind sprechend – ein paar Leben retten. Doch die Fallhöhe der Figur, die „als Körper in Bewegung, in Situation, im Leben“ (Roland Barthes) über weite Strekken des Films fasziniert hat, ist gewaltig.

Hier könnten jetzt wieder Darwin und sein künstliches Paradies ins Spiel kommen. Wenn die bewährten internationalen Spielregeln in Sachen Hilfeleistung, Empathie oder Solidarität in der Krise außer Kraft gesetzt sind, gilt wieder survival of the fittest, und zwar im besonderen (Kingsley) wie im allgemeinen. Globale Migrationsbewegungen sind keine Privatsache; man begegnet ihnen, auch das macht „Styx“ klar, sicher nicht im Vertrauen auf die Zivilcourage des Individuums. Die Frage „Wie würde ich handeln?“ ist legitim, aber politisch für’n Arsch.

Dieser Text erschien zuerst in: Konkret

Styx
Deutschland, Österreich 2018 - 94 min.
Regie: Wolfgang Fischer - Drehbuch: Wolfgang Fischer, Ika Künze - Produktion: Marcos Kantis, Martin Lehwald, Michal Pokorny - Kamera: Benedict Neuenfels - Schnitt: Monika Willi - Musik: Dirk von Lowtzow - Verleih: Zorro Film - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Susanne Wolff, Gedion Oduor Wekesa, Felicity Babao, Alexander Beyer, Inga Birkenfeld
Kinostart (D): 13.09.2018

IMDB-Link: https://www.imdb.com/title/tt5942864/
Foto: © Zorro Film