Cobain

(NE/BE/D 2017; Regie: Nanouk Leopold)

Liebe ist stärker als der Tod

„Wer ist schon gern einer, der sich in den Kopf geschossen hat?“, fragt Cobain (Bas Keizer) einmal rhetorisch in Anspielung auf seinen berühmten, tragisch gestorbenen Namensgeber von der Grunge-Band Nirvana. Weil seine Mutter eine heroinabhängige Drogensüchtige ist und sich nicht um den Jungen kümmern kann, wohnt der 15-Jährige in einer Rotterdamer Jugendeinrichtung. Der schweigsame, in sich gekehrte Außenseiter vermisst Mia (Naomi Velissariou), die wieder schwanger ist, in einer Junkie-Kommune lebt und sich weigert, Verantwortung zu übernehmen: „Ich bin ich und du bist du; und wir sind beide okay“, weist sie ihren Sohn zurück. Jetzt soll Cobain in einer wohlmeinende, engagierte Pflegefamilie aufs Land ziehen, doch er hält es dort nicht aus, flüchtet zurück in die Stadt, wo er Unterschlupf und Arbeit beim Zuhälter Wickmayer (Wim Opbrouck) findet: „Du siehst aus wie ein Hund, der ein Herrchen sucht.“

Die niederländische Regisseurin Nanouk Leopold verknüpft in ihrem neuen Film „Cobain“ die unsichere Suche eines jugendlichen Unbehausten nach Geborgenheit mit einer klassischen Adoleszenzgeschichte. Sein Erwachsenwerden bleibt dabei stets ambivalent: Cobains Ringen um einen Platz im Leben wirkt vorläufig, prekär und ungewiss. Wenn er seine labile Mutter trifft, gibt es fast nie ein beiderseitiges Bemühen um den jeweils anderen. Immer stoßen sie sich wechselseitig ab, verweigern sie sich einander. Die dynamische Handkamera von Frank von den Eeden, die ihren Blick stets auf die Hauptfigur heftet, umkreist diesen Raum aus Nähe und Distanz, Anziehung und Abstoßung. Sie bewegt sich scheinbar fließend, tatsächlich aber in einer von der Montage aufgebrochen, leicht verschobenen Kontinuität zwischen den Blicken und Worten; und hält immer wieder inne für langgedehnte, stimmungsvolle Momente voller Melancholie, Verzweiflung oder auch hoffnungsvollem Vertrauen.

Ein solcher, der Zeit enthobener Moment der wiedergewonnenen Nähe zwischen Sohn und Mutter entsteht, wenn Cobain die Hochschwangere auf einer Vespa zu einem entlegenen Haus im Wald bringt. Ins Blau der Abenddämmerung getaucht, atmet diese Szene einen Hauch ewiger Geborgenheit, auch wenn das Refugium der Zweisamkeit nur temporär sein kann. „Ich sorge für dich, ich will dir helfen“, sagt Cobain voller Sorge zu der geschwächten Mutter. Längst haben sie ihre Rollen getauscht, ist der Sohn zum verantwortungsbewussten Erwachsenen und Mia zum hilfsbedürftigen Kind geworden. Liebe ist stärker als der Tod, könnte man in Abwandlung eines Fassbinder-Filmtitels sagen. Und nur mit dem überlebenswichtigen Mut der Verzweiflung lässt sich für Cobain die ihm vorgezeichnete Geschichte des Scheiterns durchbrechen.

Cobain
Niederlande, Belgien, Deutschland 2017 - 94 min.
Regie: Nanouk Leopold - Drehbuch: Stienette Bosklopper - Produktion: Stienette Bosklopper, Lisette Kelder - Kamera: Frank van den Eeden - Schnitt: Katharina Wartena - Musik: Harry de Wit - Verleih: W-Film - FSK: ab 16 Jahren - Besetzung: Bas Keizer, Naomi Velissariou, Wim Opbrouck, Dana Marineci
IMDB-Link: https://www.imdb.com/title/tt5258726/
Link zum Verleih: www.wfilm.de/cobain/
Foto: © W-Film