Chungking Express

(HK 1994; Regie: Wong Kar-Wai)

Von Kalifornien träumen

Der Mitte der Neunziger überaus populäre Quentin Tarantino musste mal wieder als Vergleich herhalten, um „Chungking Express“, die dritte Regiearbeit Wong Kar-Wais, auch einem westlichen Publikum schmackhaft zu machen. Bei allen formalen und inhaltlichen Unterschieden, so anders wie die Filme aussehen und sich anfühlen, würde ich die Art wie Wong Elemente aus verschiedenen Genretraditionen zu Filmen verflicht, die keine Genrefilme sind, sondern Apropriationen, eher mit einem deutschen Filmemacher vergleichen, der seine Karriere ebenfalls in dieser Zeit begann: Christian Petzold. Wie Petzold generische Erzählungen (Hitchcock, Cain, Harvey) mit unverkennbarer eigener Handschrift in Filme überführt, die sich an ein Arthouse-Publikum richten, so benutzt Wong das asiatische Genrekino oder den Film Noir als Folien, vor denen er seine ganz eigenen Figuren und Erzählungen entwickelt.

So gibt es etwa den Humor mit leichtem Hang zum Albernen, der vielen asiatischen Genrefilmen eignet, die eigentlich keine Komödien sind. Auch stellt sich der nur mit seiner Dienstnummer benannte Polizist 663 (Tony Chiu-Wai Lung) ähnlich unbeholfen an, wenn es darum geht, mit Frauen anzubandeln wie der Protagonist in „A Chinese Ghost Story“. Nachdem er von seiner Freundin verlassen wird, mit der er fünf Jahre zusammen war, kauft er einen Monat lang jeden Tag eine Dose Ananas mit dem Verfallsdatum 1. Mai, seinem Geburtstag. Wenn er seine Ex bis dahin nicht zurückerobert hat, ist für ihn auch ihre Liebe endgültig verfallen. Um über seinen Liebeskummer hinwegzukommen, geht er exzessiv joggen und telefoniert die Liste seiner Verflossenen ab, von denen eine nun bereits seit Jahren verheiratet ist: „So lange haben wir uns nicht gesehen?“ Seine Witzeleien ziehen eine Parallele zwischen dem Paar, das war, und Demi Moore und Bruce Willis, die wohl das amerikanische Promipaar der Zeit waren. In einer Bar begegnet er einer namenlosen Drogendealerin (Brigitte Lin), zu der er sich mit einer überaus kreativen Pick-Up-Line setzt: „Magst du Ananas?“

Letztere ist mit ihrer blonden Perücke und der großen Sonnenbrille ein wandelndes Hitchcock- und De Palma-Zitat. Letztlich ist sie aber weder eine neurotische Kriminelle noch eine klassische femme fatale. Vielmehr ist sie ein eiskalter Profi, der sich mit so eruptiver wie beiläufiger Schusswaffengewalt einiger Kontrahenten entledigt und zur Durchsetzung ihrer Geschäftsinteressen auch vor Kindesentführung nicht zurückschreckt. Für das Spinnen großangelegter Intrigen interessiert sie sich nicht. Dafür kommt sie bei ein paar Drinks an der Bar mit 663 ganz zur Ruhe, schläft anschließend in voller Montur bei ihm, ohne dass zwischen den beiden irgendetwas passieren würde. Der Rhythmus des Films nimmt sehr für ihn ein, der solche Momente der Ruhe dem hektischen Treiben der Stadt entgegensetzt, die die wichtigste Folie für seine fragmentarisch bleibende Erzählung ist.

Gleich zu Beginn bahnt sich die Kamera ihren ruhelosen Weg zwischen den Passanten auf den Straßen, deren Körper und Gesichter in der Unschärfe verwischen. Auch indische EinwandererInnen, die sich ihr Geld mit Drogenschmuggel verdienen, haben ihren Platz im Wirrwarr der Sprachen und Kulturen, als das der Film seinen Schauplatz vorstellt. Mit flinken Fingern werden Drogenpäckchen in Kuscheltiere genäht oder in den Absätzen von Schuhen versteckt und Dollarscheine abgezählt und der Film schneidet das ebenso flink hintereinander.

Es sind die ein ums andere Mal wiederholten amerikanischen Songs, die in diesem babylonischen Treiben den Figuren eine eigene Identität zu geben scheinen. In der zweiten Hälfte geht es um einen anderen Cop, Dienstnummer 223 (Takeshi Kaneshiro), der mit einer Stewardess (Velerie Chow) liiert ist, die wie die Dealerin ihren Job mit ins Bett nimmt, nun aber in Form von Spielzeugflugzeugen. Auch hier gibt es ein Beziehungsdreieck, als er sich in die Angestellte eines Imbisses verguckt. Ja, vierundzwanzig kleine Stunden können einen Unterschied machen, wenn man sich verliebt. Die Frau heißt Faye und wird von Faye Wong mit einem Kurzhaarschnitt gegeben, der wirklich zum Verlieben ist. The Mamas & the Papas aus dem Radio schaffen ihr während sie mit Wischmob, Messern und Salatbesteck ihrer stressigen Tätigkeit nachgeht, einen ganz eigenen kulturellen Ort, an dem sie tanzend von Kalifornien träumen kann.

Benotung des Films :

Nicolai Bühnemann
Chungking Express
Hongkong 1994 - 102 min.
Regie: Wong Kar-Wai - Drehbuch: Wong Kar-Wai - Produktion: Pui-Wah Chan, Yi-kan Chan, Jeffrey Lau - Schnitt: Christopher Doyle, Wai-Keung Lau, Kit-Wai Kai - Musik: Frankie Chan, Michael Galasso, Roel A. García - Verleih: Studiocanal - FSK: 12 - Besetzung: Brigitte Lin, Takeshi Kaneshiro, Tony Chiu-Wai Lung,
Kinostart (D): 28.03.1996

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt0109424/
Foto: © Studiocanal