Freiheit

(D/SK 2017; Regie: Jan Speckenbach)

Aufbruch ins Ungewisse

Eine Frau lässt sich treiben. Plan- und ziellos ist sie im Nieselregengrau Wiens unterwegs. Im Kunsthistorischen Museum steht sie vor Bruegels „Turmbau zu Babel“, in der Straßenbahn bleibt sie bis zur Endhaltestelle sitzen. Ohne Gepäck und in eher unpassender Kleidung wirkt sie schutzlos und ausgesetzt, als käme sie aus dem Nirgendwo und hätte keine Vergangenheit. Mit jedem Schritt scheint sie Neuland zu betreten und ins Ungewisse aufzubrechen. In jedem Augenblick könnte sich ihre Richtung ändern. Mit einem jungen Zufallsbekannten geht sie ins Bett. Dann trampt sie weiter nach Bratislava, wechselt wiederholt ihren Namen, verändert ihr Aussehen und versetzt ihren Schmuck. Offensichtlich ist diese Frau überstürzt aufgebrochen: aus einem alten Leben, einer unliebsamen Vergangenheit, einer falschen Identität. Doch ihre mutmaßliche Flucht hat keine Eile.

„Bevor die Seelen der Verstorbenen wiedergeboren werden, müssen sie aus dem Fluss Lethe trinken, um ihre Vergangenheit zu vergessen“, heißt es am Anfang von Jan Speckenbachs Film „Freiheit“. Kurz darauf und später noch einmal erklingt die Arie „When I am laid in earth“ aus Henry Purcells Oper „Dito und Aeneas“. Die möglichen Motive der Protagonistin und die Bedeutung des Geschehens sind also von vornherein von diversen Referenzen und Anspielungen bestimmt, die als symbolisches Gewicht auf der relativ offenen Handlung lasten oder doch zumindest eine künstliche Spannung zwischen Inhalts- und Bedeutungsebene etablieren. Später wird Nora (Johanna Wokalek), so heißt die Frau in Anlehnung an Ibsens gleichnamiges Drama, noch Friedrich Rückert zitieren: „Ich bin der Welt abhanden gekommen.“ Nach und nach erfahren wir, dass die Anwältin, Ehefrau und Mutter zweier Kinder ohne Abschied und Erklärung ihrem gutsituierten Leben den Rücken gekehrt hat.

Auch wenn es zunächst nicht so auszusehen scheint, gibt es dafür natürlich Gründe. Wie die Spiegelachse einer Straßenbahnfensterscheibe eingangs die Außenwelt teilt oder verdoppelt, so geht auch ein Riss durch Noras Leben. Was dieses einst ausmachte und wie es nun unter veränderten Vorzeichen weitergeht, vermittelt Jan Speckenbach in einer von motivischen Spiegelungen durchzogenen Parallelmontage, die zeigt, wie Noras in Berlin zurückgebliebener Ehemann Philip (Hans-Jochen Wagner) mit der neuen Familiensituation umgeht. Der gerade an einem unbequemen Fall von Fremdenfeindlichkeit arbeitende Pflichtverteidiger ist in alle Richtungen gestresst und überfordert.

In seiner allzu offensichtlichen Häufung führt das leider zu unglaubwürdigen, teils wenig plausiblen Zuspitzungen; zugleich liefert der Film durch seine tendenziöse Milieubeschreibung, in deren Mittelpunkt ein allzu unbeholfener, wenig sensibler Ehemann steht, nachträglich dann doch noch einen gewichtigen Grund für Noras Ausbruch aus den diversen „Gefängnissen“. Konzeptuell folgerichtig steigt sie deshalb am Ende von Jan Speckenbachs kunstsinniger filmischer Zustandsbeschreibung zu den Klängen von Richie Havens „Freedom“ in den Fluss des Vergessens.

Freiheit
(Freedom)
Deutschland, Slowakei 2017 - 100 min.
Regie: Jan Speckenbach - Drehbuch: Jan Speckenbach, Andreas Deinert - Produktion: Sol Bondy, Jamila Wenske - Kamera: Tilo Hauke - Schnitt: Jan Speckenbach - Verleih: Film Kino Text - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Johanna Wokalek, Hans-Jochen Wagner, Inga Birkenfeld, Andrea Szabová, Ondrej Koval, Rubina Labusch, Georg Arms
Kinostart (D): 08.02.2018

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt4701906/
Foto: © Film Kino Text