Lucky

(USA 2017; Regie: John Carroll Lynch)

Schwarzes Nichts

Wenn die Sonne über den Bergen und der ausgetrockneten Wüstenlandschaft aufgeht, beginnt in dem kleinen, irgendwo im Südwesten der USA liegenden Städtchen ein Tag wie jeder andere. Ein alter Mann mit hagerem Körper, dessen Gesicht wir zunächst nicht sehen, steht auf, macht seine Morgengymnastik, während aus dem Radio Mariachi-Musik dröhnt, trinkt seine Milch, raucht dazu eine Zigarette und tritt schließlich in das gleißende Licht des neuen Tages. „Harry Dean Stanton ist Lucky“, verkündet der Titel des Films, um auf die biographische Nähe zwischen dem Darsteller und der ihm nachempfundenen Figur hinzuweisen. Regisseur John Carroll Lynch sowie die beiden Drehbuchautoren Logan Sparks und Drago Sumonja wollten dem im vergangenen Jahr im Alter von 91 Jahren verstorbenen Schauspieler, der fast immer nur Nebenrollen spielte, mit „Lucky“ ein Denkmal setzen.

Im Rhythmus der Tage geht der agil und bestimmt wirkende Titelheld immer die gleichen Wege, um gewohnheitsmäßig die gleichen, vertrauten Orte aufzusuchen. Das erinnert inhaltlich, in Stil und lakonischem Duktus an Jim Jarmuschs Film „Paterson“. „Du bist nichts“, begrüßt Lucky stets Joe (Barry Shabaka Henley), den geduldigen Inhaber des Diners, wo der mürrische Querkopf immer einen Kaffee trinkt und Kreuzworträtsel löst. Hier wie anderswo gehört Lucky zum Inventar. Seine üblichen Sticheleien und boshaften Beschimpfungen sind im Grunde ritualisierte neckische Freundschaftsbeweise eines notorischen Einzelgängers, der zwischen Alleinsein und Einsamkeit unterscheidet und seine selbstgewählte, nichtsdestotrotz illusionäre Unabhängigkeit verteidigt.

In Wirklichkeit ist der Grantler mit dem ausgeprägten, ziemlich nüchternen Realitätssinn umgeben von Ersatzfamilien: Dazu gehören nicht nur die nachmittäglichen Game-Shows im Fernsehen und die ominösen Anrufe bei einem schweigenden Unbekannten, die sich als Selbstgespräche entpuppen, sondern vor allem die Verkäuferin eines Ladens, den Lucky täglich für den Kauf von Milch und Zigaretten aufsucht. Dann ist da noch sein besorgter Freund Howard (David Lynch), den er abends in Elaines Bar trifft und der darüber klagt, dass ihn seine 100-jährige Landschildkröte „Präsident Roosevelt“ verlassen habe. Und der nicht zuletzt deshalb damit beginnt, mit Hilfe eines Rechtsanwalts seinen Nachlass zu regeln.

Tatsächlich rahmt das Verschwinden und Wiederauftauchen der Schildkröte den liebenswerten Film, in dessen thematischem Zentrum die Vergänglichkeit allen Seins steht. „Die Wahrheit des Universums“, nennt das Lucky, der nicht müde wird, in paradoxen philosophischen Zuspitzungen die „schwarze Leere“ zu verkünden: „Was uns bleibt, ist das Nichts.“ In ebenso witzigen wie skurrilen Begegnungen und Gesprächen propagiert Lucky mit einem entspannten Blick ins Unabänderliche eine Art freundlichen Nihilismus. Trotzdem muss der stoische Kriegsveteran eines Tages bekennen: „Ich hab‘ ‘ne scheiß Angst.“ Denn obwohl ihm sein Arzt (Ed Begley, Jr.) eine ausgezeichnete Gesundheit attestiert, kippt Lucky plötzlich einmal um. Er sei alt und werde jeden Tag älter, lautet daraufhin die ärztliche Diagnose.

Und so kommt es, dass sich der beunruhigte Alte an frühere Erlebnisse erinnert, die ihn schon als Heranwachsender mit der Vergänglichkeit des Lebens konfrontiert haben. Fast beiläufig und doch genau entwickelt der Schauspieler John Carroll Lynch in seinem späten Debütfilm daraus ein Geflecht von Bezügen, in denen die vergehende Zeit zum inneren wie äußeren Bezugspunkt der Handlung wird. Dass sein Eigenbrötler letztlich in der Gemeinschaft aufgehoben ist und dass ein Lächeln inmitten von Horror und Vergeblichkeit einen Moment der Hoffnung stiften kann, gehört zu den versöhnlichen Momenten dieses auf entspannte Art schönen Films über das Wesentliche im Leben.

Hier findet sich eine weitere Kritik zu „Lucky“.

Lucky
USA 2017 - 88 min.
Regie: John Carroll Lynch - Drehbuch: Logan Sparks, Drago Sumonja - Produktion: Greg Gilreath, Adam Hendricks, John Lang, Logan Sparks - Kamera: Tim Suhrstedt - Schnitt: Slobodan Gajic - Musik: Elvis Kuehn - Verleih: Alamode - FSK: ohne Altersbeschränkung - Besetzung: Harry Dean Stanton, David Lynch, Ron Livingston, Ed Begley Jr., Tom Skerritt, Beth Grant
Kinostart (D): 08.03.2018

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt5859238/
Foto: © Alamode