Stephen Kings Stark

(USA 1990; Regie: George A. Romero)

Durch Übererfüllung zum Meisterwerk

Stephen Kings Roman „The Dark Half“ transformiert mit seiner Prämisse allgemeine Menschheitsängste – das Motiv vom Doppelgänger, vom bösen (Zwillings-)Bruder – auf eine Art, die, wie ich glaube, diesem Autor, der in seinen Büchern immer wieder über die eigene Zunft reflektiert, großen Spaß gemacht haben muss, in sehr spezifische Schriftstellerängste.

Thad Beaumont ist ein Autor, der unter seinem eigenen Namen anspruchsvolle Romane schreibt, die kaum jemand lesen will. Großen Erfolg hat er jedoch mit den Brutalo-Krimis um den Killer Alexis Machine, die er unter dem Pseudonym George Stark veröffentlicht. Die Zwiegespaltenheit dieses Mannes geht bis in den Mutterleib zurück, wo der Embryo, der später Thad werden sollte, seinen Zwillingsbruder auffraß. Als ein ziemlich gerissener Leser dahinter kommt, wer Stark wirklich ist und Thad mit seinem Wissen zu erpressen versucht, beschließt dieser, mit seiner Doppelidentität an die Öffentlichkeit zu gehen – und seine dunklere Hälfte gleich symbolisch zu begraben. Jedoch nimmt diese nun mörderisches Leben an, ersteht als „Geist eines Mannes, den es niemals gab“ aus dem Grab wieder auf und sinnt auf Rache an dem Mann, der ihn nunmehr gleich zweimal „getötet“ hat. Es geht also in dem Roman, um es alttestamentarisch zu sagen, darum, dass Schriftsteller-Kain zu neuem Leben erwacht, auf der Suche nach Vergeltung allerlei Menschen aufschlitzt, Schriftsteller-Abel einen Bleistift in die Hand rammt und hinter ihm und seiner Familie her ist.

George A. Romero, der vor genau einem halben Jahrhundert mit seinem „Night of the Living Dead“ den Horrorfilm mit einem Paukenschlag in die Moderne führte, war unter den eigensinnigen und radikalen nordamerikanischen Genre-Auteurs, die in den Siebziger Jahren relativ jung und merklich wütend waren, vielleicht in mancherlei Hinsicht der radikalste und eigensinnigste. Jedenfalls drehte er neben den sechs Zombiefilmen (1968-2009), mit denen sein Name wohl auf ewig hauptsächlich in Verbindung gebracht werden wird, kleine, oft sonderbar sperrige, durch und durch idiosynkratische Genre-Variationen (von denen man zumindest einige beim besten Willen nicht mehr als „Genrefilme“ in irgendeinem herkömmlichen Sinne bezeichnen kann) wie „Season of the Witch“ (1972), „Martin“ (1977) oder „Knightriders“ (1981).

Wie macht sich ein Filmemacher wie dieser nun an ein Werk wie dieses, also die Studio-Verfilmung eines Horror-Bestsellers, mit einem Budget, das mit fünfzehn Millionen Dollar das größte war, das ihm je zur Verfügung stand (lediglich sein Zombie-Comeback „Land of the Dead“ hat 2005 genauso viel gekostet, wobei man aber natürlich die Inflation berücksichtigen muss) und leidlich bekannten DarstellerInnen? Nun, auf einer ersten Ebene (und ich glaube an der muss gerade jemand wie er mindestens genauso viel Spaß gehabt haben wie King am Metafiktions- und -text-Quatsch der Vorlage, deren Kapitel etwa mit Zitaten aus den Romanen Starks eingeleitet werden) durch Übererfüllung des Auftrags. Die Weisheiten, die Thad (Thimothy Hutton) als Literaturdozent zu Beginn seinen StudentInnen mit auf den Weg geben darf, sind also besonders leidenschaftlich und clever (es geht in ihnen natürlich um die duale Natur des Menschen im allgemeinen und des Schriftstellers im besonderen). Seine Frau Liz (Amy Madigan) ist besonders supportive, was das Schaffen ihres Gatten anbelangt und ansonsten besonders durchschnittlich (die „Normalität“ von Kings Hauptfiguren, die dann in besonders „unnormale“ Geschehnisse verwickelt werden, ist ja nun wohl das Klischee schlechthin in der Rezeption dieses Autors, außerdem wird sie, Liz, von dem Film wirklich besonders stiefväterlich behandelt). Ihre Kinder im Säuglingsalter sind besonders süß (es sind natürlich Zwillinge). Stark ist besonders böse und derangiert (gespielt wird er natürlich ebenfalls von Hutton, der dafür allerdings wirklich grotesk geschminkt wurde; in seiner ersten Szene wirkt er wie ein Elvis-Verschnitt from hell, dessen Gesicht dann im Verlauf des Films immer weiter zerfällt). Sein älterer Sportwagen ist besonders schwarz und seine Mordwaffe of choice, ein Rasiermesser, besonders scharf.

Was den Film abgesehen von dieser sehr oberflächlichen Ebene her auszeichnet, ihn so unfassbar großartig macht, ist dann aber wesentlich schwerer fassbar, bleibt letztlich ziemlich opak. Romero, der in vorherigen Arbeiten die Konventionen und archetypischen Figuren des Genres (also Zombies, Hexen und Vampire) regelrecht auseinander pflückte, um sie dann mit seinen ganz eigenen Absichten wieder neu zusammenzusetzen – was bei ihm meist bedeutete, dass er sie für eine sehr kritische und auch satirische Auseinandersetzung mit den emotionalen, sozialen und politischen Problemen der jeweiligen Gegenwart fruchtbar machte –, tut eben hier genau das nicht mit dem Doppelgänger-Motiv.

„The Dark Half“ transzendiert das Genre nicht durch Subversion, sondern eben durch Übererfüllung und Überhöhung. Schon wie Romero in seinem Drehbuch den Roman einerseits auf sein basales Gerüst herunterbricht (wie man es ja auch tun muss, will man aus über 460 Buchseiten knapp zwei Filmstunden machen), sich dabei aber dann gleichzeitig genügend Zeit für allerlei inszenatorische Ausschweifungen lässt, ist absolut meisterlich. Nur ein Beispiel: In einer Szene ermordet Stark einen Mann im Hausflur einer billigen Absteige. Das spätere Opfer betritt diesen, der abwechselnd in schummrigem Rot und Blau ausgeleuchtet wird, dann nur von einem Feuerzeug, zunächst durch eine Fahrstuhltür. Stark spielt auf grausam ausgewalzte Weise Katz und Maus mit ihm. Versteckt sich dann kurz hinter einer Pflanze vor zwei Polizisten und verlässt die Szene, betont cool schlendernd, die Zigarette im Mundwinkel, durch ebenjene Fahrstuhltür, durch die der Ermordete sie zuvor betreten hat. Hat man irgendwie wahrscheinlich alles schon des öfteren gesehen. Aber wohl tatsächlich noch nie in dieser geradezu perfekten Intensität.

George A. Romero der große Subversive des Genrekions, hat wohl tatsächlich (das ist schon etwas ironisch) mit einem der Anlage nach eher konventionellen Horrorfilm sein Opus Magnum vorgelegt. Einen Film, der bleibt, auch und gerade jetzt, nachdem im vergangenen Jahr also auch sein Macher diese Welt verlassen musste.

Der Film war viele Jahre auf dem Index. OFDb Filmworks bescherte ihm dann 2017 seine deutsche HD-Premiere im mit reichlich Bonusmaterial ausgestatteten Mediabook. Nachdem der Film im Oktober wieder freigegeben wurde, bringt das Label ihn nun auch als Single-Disc-Version (die aber wohl immer noch viele interessante Extras enthält) für die Kaufhäuser und den kleinen Geldbeutel auf DVD und Blu-ray heraus. Natürlich ungekürzt und übrigens, so ändern sich die Zeiten, nunmehr mit FSK 16.

Benotung des Films :

Nicolai Bühnemann
Stephen Kings Stark
(The Dark Half)
USA 1990 - 121 min.
Regie: George A. Romero - Drehbuch: George A. Romero (nach einem Roman von Stephen King) - Produktion: Declan Baldwin - Kamera: Tony Pierce-Roberts - Schnitt: Pasquale Buba - Musik: Christopher Young - Verleih: OFDb Filmworks - FSK: ab 16 Jahren - Besetzung: Timothy Hutton, Amy Madigan, Michael Rooker, Julie Harris, Robert Joy, Kent Broadherst, Beth Grant, Rutanya Alda, Tom Mardirosian, u.a.
Kinostart (D): 10.06.1993

DVD-Starttermin (D): 08.02.2018

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt0106664/
Link zum Verleih: http://www.ofdb.de/filmworks/
Foto: © OFDb Filmworks