Free Lunch Society: Komm Komm Grundeinkommen

(D/AT 2017; Regie: Christian Tod)

Nie wieder Kapital und Arbeit

„Geld“, sagt Captain Picard vom Raumschiff Enterprise, „das haben wir nicht mehr. Das wurde vor 300 Jahren abgeschafft.“ Der Trekkie lebt vom Grundeinkommen. Und das ist auch das Thema des Films „Free Lunch Society“, der mit der Picard-Sequenz eingeläutet wird. Aus der Zukunft geht es dort gleich in die Vergangenheit: Erste Spuren eines voraussetzungslosen Lohnausgleichs lassen sich ab den sechziger Jahren im Kernland des Kapitalismus, den USA, finden; zu der Zeit als die ersten „Star Trek“-Staffeln dort im Fernsehen liefen. Einen Modellversuch mit einer sogenannten negativen Einkommensteuer gab es etwa in Alaska. Einen wichtigen Fürsprecher fand sie in Martin Luther King.

Und nicht nur er fand die Idee attraktiv. Der ansonsten nichtsnutzige Präsident Richard Nixon ließ in den siebziger Jahren prüfen, ob die Arbeitseinstellung bei Zahlung eines bedingungslosen Grundeinkommens leiden würde. Ergebnis: Nein, im Gegenteil. Menschen, die vom Zwang des Lohnerwerbs befreit sind, gehen gern arbeiten, ihre Leistungskurve steigt mit der Laune, die sich einstellt, wenn man nicht existenziell bedroht ist. Der Typ, der diese Erkenntnis im Dienste der amerikanischen Wirtschaft zutage förderte, ist auch ein alter Bekannter: Donald Rumsfeld. Jener Senator der Republikaner, der sich später um die Golfkriege verdient machte. Und sich seitdem, privaten Kriegsfirmen sei Dank, eines bedingungsbefreiten Salärs erfreuen dürfte.

Dass sich Nixon und Rumsfeld mit ihrem Versuch nicht durchsetzen konnten, lag an Kaliforniens Gouverneur, ihrem Parteifreund Ronald Reagan. Der blockierte das Vorhaben und setzte stattdessen die Trickle-down-Ökonomie durch. So auf die Tour: Wenn es den Superreichen gut geht, geht es allen gut. Der Neoliberalismus in seiner heutigen Bedeutung als radikaler Marktfundamentalismus war geboren.

Tods buntes Filmchen führt einige Beispiele an, warum das Grundeinkommen eine tolle Sache ist. Eine aktuelle Testreihe läuft in Finnland: Seit Anfang 2017 werden dort 2.000 Frauen und Männer jeden Monat 560 Euro aufs Konto überwiesen – alle Sozialleistungen sind damit erledigt. Schöne Aussichten. Hierzulande stehen dem Grundeinkommen starke Kräfte entgegen. Nicht nur aus der Wirtschaft, wo es sogar starke Fürsprecher wie etwa den Siemens-Chef Joe Kaeser gibt. Tenor: Mit dem Grundeinkommen lassen sich die Arbeitsplätze kompensieren, die mit der Digitalisierung wegfallen.

Gegenwind gibt es von Gewerkschaften und linken Ökonomen. Was soll daran fair sein, wenn der Milliardär dieselbe Summe ausgezahlt bekommt wie der Mann von der Müllabfuhr, fragt etwa der Armutsforscher Christoph Butterwegge. Mit dem Grundeinkommen hätten die Neoliberalen ihr Hauptziel erreicht: den Sozialstaat aus dem Weg zu räumen für die freie Bahn auf den entfesselten Markt – siehe Finnland.

Das sagt er allerdings nicht in „Free Lunch Society“. Kritische Stimmen zum Thema fehlen in diesem Jubelvideo. Nicht zu unterschätzen ist dennoch der diskursive Wert des Themas: Der Charakter von Arbeit als Zwangssystem wird durch ein bedingungsloses Grundeinkommen immerhin in Frage gestellt. Darüber zu diskutieren sind wir wahrscheinlich nicht nur uns, sondern auch durchaus Captain Picard, sprich der Zukunft schuldig.

Dieser Text erschien zuerst in: Neues Deutschland

Benotung des Films :

Jürgen Kiontke
Free Lunch Society: Komm Komm Grundeinkommen
Deutschland, Österreich 2017 - 95 min.
Regie: Christian Tod - Drehbuch: Christian Tod - Produktion: Raphael Barth, Karin C. Berger, Robert Cibis, u.a. - Kamera: Lars Barthel, Joerg Burger - Schnitt: Elen Croen, Cordula Werner - Musik: Peter Rösner - Verleih: OVALmedia - Besetzung: Peter Barnes, Petra Barthel, Tiffany Beroid, Michael Bohmeyer, Marshall Brain, Charles Brown, Erik Brynjolfsson, Sal Conte, u.v.a.
Kinostart (D): 01.02.2018

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt6690458/?ref_=fn_al_tt_1
Link zum Verleih: http://oval.media/de/news/free_lunch_premiere_de/
Foto: © OVALmedien