Time of the Gypsies

(GB, IT, JU 1988; Regie: Emir Kusturica)

Kein Platz für Träume(r)

In einer Szene relativ zu Beginn kommt die junge Azra zu Perhan, dem adoleszenten Protagonisten, um Kalk von ihm zu kaufen. Perhan führt sie zu dem Ofen, beginnt ihr zu erklären, wie Kalk gebrannt wird. Die Kamera steigt mit dem Rauch an dem steinernen Ofen entlang, gelangt schließlich ohne Schnitt oben an, wo die zwei jungen Menschen, die bald ein Paar sein werden, nun stehen, um den Kalk aus dem Ofen zu nehmen, während aus dem Off weiter Perhans Ausführungen zu hören sind, gleitet dann wiederum ohne Schnitt an dem Ofen hinab, wo unten Azra und Perhan sitzen wie zu Beginn der Einstellung.

Die Gesetze der filmischen Kontinuität sind hier offensichtlich außer Kraft gesetzt. Ebenso wie später die der Schwerkraft, denn Perhan (Davor Dujmovic) hat telekinetische Kräfte, kann also mit reiner Willenskraft Gegenstände bewegen. Auch die Gesetze der Genres gelten nicht in diesem Film, der Elemente von grotesker Komödie, Melodram, Coming-of-Age-Film und Gangsterepos mit einem teilweise dokumentarischen Duktus verbindet, ohne doch jemals auch nur annähernd in einer der Gattungen ganz aufzugehen. Dafür ist in dem „Film über die Liebe“, den der Untertitel ankündigt, die Beziehung, die hier am Kalkofen ihren Anfang nimmt, anderen Gesetzen umso bedingungsloser unterworfen. Es ist das Spannungsfeld zwischen den Gesetzen, von denen sich der Film befreit, und in denen nicht nur Perhan, sondern alle seine Figuren gefangen bleiben, in dem sich Emir Kusturicas „Time of the Gypsies“ entfaltet.

Für die Roma im heutigen Kroatien ist der Gott, den sie doch immer wieder anrufen, offensichtlich ein abwesender. Gleich zu Beginn wendet sich einer von ihnen, eine andere Regel des narrativen Kinos geflissentlich ignorierend, mit seinem dreckigen Gesicht, seinen kaputten Zähnen und seinem noch kaputteren Regenschirm direkt an die Kamera und erklärt ihr und uns, dass Gott einst auf die Erde kam, mit den Zigeunern nichts anfangen konnte und also wieder in den Himmel entschwebte. Die derart von Gott verlassenen sind nun auf der Erde anderen, menschengemachten Gesetzen unterworfen. Zuvorderst denen des Kapitalismus, der bekanntlich jenen am übelsten mitspielt, die nicht das Glück haben, in seinen Metropolen geboren worden zu sein, sondern sich in der Peripherie danach verzehren, ihr Stück vom Kuchen abzubekommen, ihren Platz in der Welt zu finden.

Kusturica drehte seinen Film über einen Zeitraum von neun Monaten in Mailand und der Umgebung von Sarajevo, wobei er größtenteils auf professionelle DarstellerInnen verzichtete und seine Laien aus den dort lebenden Roma rekrutierte. Als Inspirationsquelle gab er die lateinamerikanische Literatur und namentlich den sogenannten „magischen Realismus“ an, dessen Hauptvertreter Gabriel García Márquez ist. Auch wenn ich gerade mit der Ästhetik des Films, mit seiner Auffassung von einer poetischen Bildsprache immer wieder meine Probleme hatte, ist er ohne sie nicht denkbar, bzw. wäre er dann nicht nur ein gänzlich anderer, sondern wahrscheinlich ein viel schlimmerer Film. Die Geschichte Perhans braucht den starken Drall ins Surreale, ohne den sie wohl Miserabilismus in seiner schlimmsten Form wäre.

Schließlich erzählt sie von einem, der, eh schon nicht mit einem Silberlöffel im Mund geboren, permanent alles verliert. Perhan hatte einen Truthahn, den er liebte und den ihm seine ebenfalls innig geliebte Oma (ganz fantastisch: Ljubica Adzovic), bei der er zu Beginn lebt, geschenkt hat, aber der endet im Kochtopf. Perhan hatte einen kleine Schwester (Elvira Sali), die ein kaputtes Bein hatte, weswegen er sie auf dem Weg nach Italien ins Krankenhaus bringen sollte, doch sie wird von Gangsterboss Ahmed (Bora Todorovic), dem „Zigeunerscheich“, zum Betteln verdammt. Perhan hatte Azra (Sinolicka Trpkova), doch die stirbt ihm schließlich vor lauter Demütigungen unter den Händen weg.

Wo der Kapitalismus die äußeren Gesetzmäßigkeiten von Perhans tragischer Geschichte vorgibt, ist es das Patriarchat, das sein Glück von innen her verunmöglicht. Dass ein Mann tun muss, was ein Mann tun muss, also seine vermeintlich untreue Frau, der er nicht verzeihen konnte, dass sie in seiner Abwesenheit vergewaltigt wurde, wie Dreck behandeln und später dann seine kleine Schwester rächen, ist der innere Fluch, der auf ihm liegt. Diese Mächte eines bestimmten Ehrbegriffs und den Verheißungen des Geldes finden spätestens in einer Szene unheilvoll zueinander, in der sich eine Frau, der Tränen über das Gesicht laufen, für Ahmed in einem Wohnwagen prostituiert, vor dem die Männer Schlange stehen. Die Hackordnung unter den Ausgegrenzten, die sich nur noch gegenseitig ausbeuten können, wird ebenfalls festgelegt durch die patriarchale Ordnung.

Schließlich hatte Perhan Träume, aus einem erwacht er wegen einer Razzia der italienischen Polizei. In einem anderen heiratet er Azra. Da gibt es ein riesiges Fest an einem Fluss, bei dem die Dorfbewohner mit allerlei Fackeln hantieren und die Szenerie in ein rötliches Licht getaucht ist, das nicht von dieser Welt zu sein scheint. Das Paar treibt auf einem selbstgebauten rechteckigen Boot auf dem ruhigen Gewässer und sie tätowiert sich seinen Namen unter ihre entblößte Brust. Wenn der Traum dann später Wirklichkeit wird, hat er all seine Magie und seine Erhabenheit gründlich verloren. Perhan, der es in Italien als Gangster zu etwas gebracht hat, nun Anzug trägt und Zigarre raucht, kehrt zurück in sein Dorf mit dem nötigen Geld, um Azra ihrer Mutter quasi abzukaufen. Doch das Geld als Erfüllungsgehilfe seiner Träume scheint diese zugleich zu verderben. Als absolut unterkühlte finanzielle Transaktion stellt sich nun auch diese reale Hochzeit dar. Azra ist schwanger und Perhan glaubt ihren Beteuerungen nicht, dass es sein Kind ist und beschließt deshalb, dass es unmittelbar nach der Geburt verkauft werden soll, damit sie nun ein eigenes machen können.

Auch wenn in Kusturicas meisterlichem Film die Grenze zwischen Traum und Realität immer wieder sehr durchlässig scheint, zeichnet er doch in letzter Instanz ein erdrückendes Bild von einer Welt, in der die sozialen Realitäten alle Träume des Protagonisten und damit schließlich auch ihn selbst langsam zerreiben. Denn, so schreibt Perhan aus der Ferne wehmütig seiner Großmutter: „Was ist schon ein Zigeuner ohne Träume?“

Den schon seit einigen Jahren auf DVD vorliegenden Film, gibt es nun von Winkler Film auch erstmals als Blu-ray. Als Extras gibt es neben dem obligatorischen Trailer und einem alternativen Ende ein Interview mit Kusturica, in dem er auch vom tragischen Schicksal des Hauptdarstellers Davor Dujomic berichtet, das der großen Tragik des Films noch einmal eine weitere Ebene hinzuzufügen scheint. Mutmaßlich durch den Ruhm, den ihm seine Rolle bescherte, hatte er im folgenden Jahrzehnt mit Depression und Drogensucht zu kämpfen, bis er sich im Alter von nur 29 Jahren erhängte.

Benotung des Films :

Nicolai Bühnemann
Time of the Gypsies
(Dom ze vesanje)
Großbritannien, Italien, Jugoslawien 1988 - 142 min.
Regie: Emir Kusturica - Drehbuch: Emir Kusturica, Gordan Mihic - Produktion: Mirza Pasic, Harry Saltzmann - Kamera: Vilko Filac - Schnitt: Andrija Zafranovic - Musik: Goran Bregovic - Verleih: Winkler Film, Al!ve AG - FSK: ab 16 Jahren - Besetzung: Davor Dujmovic, Bora Todorovic, Ljubica Adzovic, Husnija Hasimovic, Sinolicka Trpkova, Zabit Memedov, Elvira Sali, Suada Karisik, u. a.
Kinostart (D): 15.08.1991

DVD-Starttermin (D): 02.07.2010

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt0097223/?ref_=nv_sr_5
Link zum Verleih: http://www.winklerfilm.de/
Foto: © Winkler Film