Zarte Parasiten

(D 2009; Regie: Christian Becker, Oliver Schwabe)

Manieristische Exerzitien

Aus zahllosen Filmen haben wir gelernt, dass man besser nicht mit den Dingen dealt, von denen man selbst abhängig ist. Diese Erfahrung müssen auch Jakob und Manu machen, die sich mit alternativen Dienstleistungen über Wasser halten. Sie bieten Aufmerksamkeit und Nähe gegen eine gewisse Entlohnung. Wobei in diesem Film leider nie ganz klar wird, wie die Geschäfte abgewickelt werden, weil die gleichfalls für das Drehbuch zeichnenden Filmemacher Christian Becker und Oliver Schwabe („Egoshooter“) genau diesen Punkt ausgespart haben.

Wir erleben das Ruppig-Unschöne einer Geschäftsbeziehung, wenn Jakob und Manu nach einem gemeinsam in der Disco verbrachten Abend einem jungen Mann unmissverständlich klar machen, dass aus einer erbrachten Dienstleistung keine weiteren Ansprüche erwachsen. Später sieht man, wie Manu einer älteren Dame ihre Aufmerksamkeit schenkt, deren Hand hält, vor ihren Augen tanzt, sich Geschichten erzählen lässt, Arbeiten im fremden Haushalt erledigt. Dieser Arbeitsplatz, von dem wir nicht erfahren, wie er etabliert wurde, wird später im Film sehr plötzlich verloren gehen – und dann haben Manu und Jakob ein Problem mit der Polizei. Doch dafür interessiert sich der Film nicht. Ins Zentrum rückt er stattdessen den Versuch Jacobs, sich einem älteren Ehepaar als Ersatzsohn anzudienen.

Auch hier spart der Film entscheidende Dinge aus, weshalb es zur ersten Begegnung zwischen Jakob und Martin ausgerechnet auf einem Segelflugplatz kommt. Mühelos stellt Jakob den Kontakt her, manipuliert Martin von Beginn an und scheint das doch nicht mit kriminellen Hintergedanken zu tun. Martin und Claudia haben ihren Sohn verloren; das Paar ist in Trauer erstarrt. Hier wählt Jakob seinen Einstieg, hat es bei Martin aber ungleich einfacher als bei Claudia. Was als „Job“ beginnt, wird für Jakob bald zur verführerischen Chance: er beginnt sich wohlzufühlen als Teil einer Kleinfamilie. Manu beobachtet Jakobs Entfremdung vom gemeinsamen Lebensmodell mit Unbehagen und beginnt um ihre Beziehung zu kämpfen. Manu und Jakob sind aus dem System herausgefallen, wenn sie nicht ihrer Arbeit nachgehen, campieren sie unter freiem Himmel im Wald, duschen in öffentlichen Bädern. Man wüsste nun allzu gerne, ob die beiden ihr Lebensmodell in Reaktion oder als Konsequenz ihres Ausstiegs entworfen haben. Immerhin scheint Jakob selbst eine erstaunliche Sehnsucht nach emotionaler Geborgenheit mit sich herumzutragen, während Manu länger tough bleibt.

Man möchte es fast ironisch nennen: da hat man jahrelang für eine Emanzipation deutscher Filme von der Fernsehspiel-Ästhetik plädiert, wo jeder Konflikt, jede psychologische Tiefe in Dialog überführt wird, hat sich stark gemacht für Filme von Petzold, Schanelec, Köhler & Co. – und wird jetzt mit einer jüngeren Generation von Filmemachern konfrontiert, die alles, was man an der sogenannten „Berliner Schule“ zu schätzen gelernt hat, kurzerhand zum Manierismus umbiegt. Becker und Schwabe hatten eine gute Idee, deren Tragfähigkeit sie aber offenbar nicht vertrauten, weshalb sie alles in der Schwebe und im Dunkeln halten. Die Kamera ist nah bei den Gesichtern der Darsteller, findet dort aber nichts, weil man nicht gewusst hat, wonach man sucht. Die Dialoge sind hölzern und denkbar weit entfernt von einer Alltagssprache. Der Film gibt sich realistisch, will aber eine gewisse surreale Gespensterhaftigkeit nicht aufgeben, die hierzulande etwas zu sehr in Mode gekommen ist. Was als Inkonsequenz wiederum die gute Ausgangsidee beschädigt, die etwas mehr soziologisches Unterfutter und Präzision gebräucht hätte. Diese Anstrengung haben die Filmemacher gescheut, so dass ihr Film nicht recht vom Fleck kommt und in seiner Lustlosigkeit rasch ermüdet. Bei einem Film, der sich der Kommunikation mit dem Zuschauer cool verweigert, können auch 87 Minuten eine Ewigkeit sein.

Benotung des Films :

Ulrich Kriest
Zarte Parasiten
(Zarte Parasiten)
Deutschland 2009 - 90 min.
Regie: Christian Becker, Oliver Schwabe - Drehbuch: Christian Becker, Oliver Schwabe - Produktion: Juliane Thevissen - Kamera: Oliver Schwabe - Schnitt: Florian Miosge - Musik: Aurelio Valle - Verleih: Filmlichter - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Robert Stadlober, Sylvester Groth, Maja Schöne, Corinna Kirchhoff, Gerda Böken, Max Timm, Rainer Laupichler, Paul Nickel, Tom Schilling
Kinostart (D): 09.09.2010

IMDB-Link: http://www.imdb.de/title/tt1305778/
Foto: © Filmlichter