The Tribe

(NL / UA 2014; Regie: Myroslav Slaboshpytskiy)

System der Gewalt

In diesem Film sprechen die Körper und die Zeichen der Hände. Denn der ukrainische Regisseur Myroslav Slaboshpytskiy hat ihn mit gehörlosen Laiendarstellern, sogenannten „Kindern der Straße“, gedreht und auf eine Untertitelung der Gebärdensprache verzichtet. „The Tribe“ (Plemya), so der Titel seiner „Hommage an den Stummfilm“, ist aber auch jenseits der Gesten und der Mimik radikales Körperkino: Immer sind die Bewegungen der Figuren forciert und heftig, energiegeladen und zielgerichtet. Es gibt in ihnen einen Willen zur Dominanz, eine Fokussierung auf das Zentrum des Handelns, das immer nur eine Entscheidung und keine Unparteilichkeit oder ein Außerhalb zulässt. Deshalb ist die Sprache der Körper in „The Tribe“ ebenso latent wie offen gewalttätig. Fast immer handelt sie von Konflikten, formuliert sie Drohungen oder wird übergriffig und zerstörerisch. Als Gewalt markiert sie den verschiedenen Standpunkt in der Welt, die hierarchische Stellung in der Gruppe, die Autorität in der Stammesgemeinschaft. Und als solche kennt sie weder Gefühl noch Mitleid. Slaboshpytskiy ersetzt in seinem „humanistischen“ Film über „Liebe und Aufnahme“, der „den Eintritt ins Erwachsenenleben inmitten einer grausamen Welt“ zeige, so der Regisseur, die Figurenpsychologie durch eine ebenso minutiöse wie kalte Sachlichkeit des Handelns.

Diese dominiert rücksichtslos und brutal das hermetisch geschlossene System einer Gehörlosen-Anstalt: eine eigengesetzliche Welt mit streng hierarchischer Struktur und das Abbild einer autoritären Gesellschaft im Kleinen. Hierher kommt zu Beginn des Films, und von der dynamischen Handkamera aus subjektiver Sicht begleitet, ein junger Mann, den die Credits als Sergey (Grigoriy Fesenko) ausweisen. Wie dieses System den zunächst scheu wirkenden Ankömmling – aber auch andere Gruppenmitglieder – zur Eingliederung und Anpassung zwingt, indem es ihn maßregelt und unterdrückt, befördert und verstößt, ist gewissermaßen der parabolische Hintergrund, vor dem sich der grausame Realismus dieser sehr elliptisch und im Zeigegestus erzählten Geschichte entfaltet. Als Neuer muss sich Segey zunächst einem Aufnahmeritual stellen, muss kämpfen, sich unterwerfen und die kriminellen Regeln der Zwangsgemeinschaft verinnerlichen. Diese finanziert ihre Mitglieder, zu denen auch Lehrer gehören, nämlich durch den Verkauf von Spielzeugramsch, gemeine Raubüberfälle und Prostitution.

Zwei Mädchen der Gruppe verkaufen nachts auf einem LKW-Parkplatz ihre Körper an Fernfahrer. Als sich Sergey, nach dem Unfalltod eines Zuhälters mittlerweile selbst zum Kuppler aufgestiegen, in Anna (Yana Novikova) verliebt, scheint bald darauf die Katastrophe unausweichlich. Denn seine besitzergreifende, eifersüchtige Liebe, für die er stets bezahlt, bleibt nicht nur unerwidert, sondern sie kollidiert, ja verstößt geradezu gegen das System der Gewalt und wird deshalb gnadenlos geahndet. Indem Myroslav Slaboshpytskiy seine Figuren in archetypische Situationen stellt und damit auch jenseits des gesprochenen Wortes universell verstehbar macht, verhandelt er auch den humanen Kern dieser nahezu archaischen, zutiefst inhuman erscheinenden Stammesgemeinschaft.

Diese situiert der 1947 in Kiew geborene und an den Schauplätzen des Films aufgewachsene Regisseur in einer kaputten, von Verfall gekennzeichneten Umgebung, deren Unwirtlichkeit von grauer, nasser Kälte dominiert wird. Der dokumentarische Realismus der Bilder, aufgenommen von dem ebenfalls als Regisseur arbeitenden Kameramann Valentyn Vasyanovych, mit seinem Wechsel aus mehr oder weniger teilnahmsloser Nähe und nüchterner Distanz steht dabei in einem spannungsvollen Verhältnis zur formalen Geschlossenheit des Films. Genau und schnörkellos ist dieser aus einzelnen, langen Plansequenzen komponiert, die das Gezeigte in Echtzeit wiedergeben und in der leicht variierten Wiederholung einzelner Szenen die Gewichte und Motive der Erzählung entscheidend verlagern. Myroslav Slaboshpytskiy ist ein radikaler Ästhet, der dieses Erzählprinzip in der langen Schlusseinstellung ins schier Unerträgliche steigert. Schließlich lässt er am Ende, wenn alles vorbei ist, den Zuschauer hinter den Türen der Anstalt zurück.

Benotung des Films :

Wolfgang Nierlin
The Tribe
(Plemya)
Niederlande / Ukraine 2014 - 132 min.
Regie: Myroslav Slaboshpytskiy - Drehbuch: Myroslav Slaboshpytskiy - Produktion: Elena Slaboshpytskays, Valentyn Vasyanovch, Iya Myslytska - Kamera: Valentyn Vasyanovych - Schnitt: Valentyn Vasyanovych - Verleih: Rapid Eye Movies - FSK: ab 16 Jahren - Besetzung: Grigoriy Fesenko, Yana Novikova, Rosa Babiy, Alexander Dsiadevich, Yaroslav Biletskiy, Alexander Osadchiy, Alexander Sidlenikow
Kinostart (D): 15.10.2015

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1745787/