Staatsdiener

(D 2014; Regie: Marie Wilke)

Dein Freund und Helfer?

Zwei betrunkene Alte geraten in Streit. Der eine ruft die Polizei, weil sein Kumpel die Wohnung nicht verlassen will. Die Situation ist diffus. Trotz Pöbeleien und einem sich anbahnenden Handgemenge müssen zwei junge Beamte einen kühlen Kopf bewahren. Plötzlich hört man seitlich aus dem Off das charakteristische Geräusch eines Griffs in die Küchenschublade – und plötzlich ist ein Messer im Spiel: Die Szene ist gestellt, man spürt das irgendwie, doch ganz klar wird das erst im Nachhinein. Der Zuschauer wird mit den beiden verschrobenen Männern nämlich ebenso konfrontiert wie Auszubildende an der Polizeischule, die in realistisch anmutenden Simulationen auf den Berufsalltag vorbereitet werden.

Solche Darstellungen der Polizeiausbildung sind im Kino gang und gäbe. Sie werden immer wieder für ein Spiel mit Fiktion und Realität eingesetzt. Im James-Bond-Film „Sag niemals nie“ beispielsweise wird der Agent 007 zu Beginn von einer befreiten Geisel erstochen. Erst in der nächsten Szene wird klar, dass der Agent in einer simulierten Trainingssituation versagte und deshalb von seinen Vorgesetzten zur Kur geschickt wird.

Im Gegensatz zu solchen fiktiven Darstellungen gibt es in dem Dokumentarfilm „Staatsdiener“, der Auszubildende an der Fachhochschule Polizei in Sachsen-Anhalt beobachtet, keinen doppelten Boden. Eigentlich sollte Marie Wilke einen Imagefilm drehen, doch Werbung für die Polizei wollte sie nicht machen. Der Kontakt blieb, und so entschloss Wilke sich, die Ausbildung angehender Gesetzeshüter zu dokumentieren.

Mit der Kamera begleitet sie zwei Protagonisten, eine junge Frau und einen Russlanddeutschen, die sich bei Schießübungen und im Nahkampf bewähren müssen. Mit zur Ausbildung gehören auch militärisch anmutende Exerzierübungen, bei denen die angehenden Beamten einmal mit ihren Plexiglasschildern wie im Asterix-Comic die „Schildkrötenformation“ bilden. Im Theorieunterricht lernen die Gesetzeshüter sogar etwas über die problematische Rolle der Polizei während der Nazidiktatur. Wie zum Hohn müssen die Polizeianwärter ihres Praktikums bei der Bereitschaftspolizei dann Neonazis eskortieren, die mit dem Megaphon Hetzparolen verbreiten. Aber auch mit gewaltbereiten Hooligans, die nach dem Fußballmatch übel drauf sind, ist nicht gut Kirschen essen. Bei ihren ersten Einsätzen nach absolvierter Ausbildung schließlich rufen die frisch gebackenen Polizisten in einem sozialen Brennpunkt Betrunkene zur Räson, die ihre Frauen verprügeln oder nachts randalieren.

Das alles wirkt ziemlich ernüchternd. Wenn der junge Polizist einem verwirrten Hartz-IV-Empfänger den Rat gibt „Sie brauchen jemanden zum Reden, Herr Schwarz“, dann entsteht der Eindruck, dass der „Freund und Helfer“ bisweilen die Rolle eines Sozialarbeiters, ja gar eines Seelsorgers übernimmt. Man kennt solche Szenen aus einschlägigen Dokusoaps, in denen authentische Polizeibeamte zu filmischen Identifikationsfiguren verklärt werden. Von solchen Unterhaltungsformaten unterscheiden sich Wilkes Beobachtungen aber deutlich. Sie hat bei Harun Farocki studiert, dessen Stil des direct cinema man in „Staatsdiener“ wieder erkennt. Die Kamera fungiert als neutraler Beobachter, der durch seine Präsenz möglichst keinen Einfluss zu nehmen versucht. Dieses Konzept wird seit vielen Jahren intensiv diskutiert. Die spannende Frage, ob nicht jeder Dokumentarfilm durch den Prozess des Beobachtens grundsätzlich als Inszenierung zu werten sei, ist bis heute ungeklärt.

Unabhängig von dieser Fragestellung gelingt Wilke ein fesselndes Stück Kino. Ohne Off-Kommentare, Inserts, sonstige Erklärungen – und ohne Musikuntermalungen – entsteht eine zuweilen bedrückende Nähe zu den beiden Protagonisten. Sieht man in einem ihrer Einsätze eine große Blutlache auf den Boden, dann fiebert man aber trotzdem nicht wie üblich mit. Es geht nicht um den Affekt, sondern um nuancierte Beobachtung eines schwierigen Jobs, den nicht jeder machen möchte. Die Polizei kommt dabei relativ gut weg, doch ein Imagefilm ist „Staatsdiener“ trotzdem nicht. Man spürt deutlich, dass in permanenten Herausforderungen immer etwas aus dem Ruder laufen kann. Soll man einen übergriffigen Kollegen denunzieren, der im Gewühl einer Straßenschlacht einen Demonstranten niederknüppelte? Was denken die Kollegen über diesen Verrat? Neben solchen Problematiken, die von den jungen Polizisten immer wieder spontan angesprochen werden, erfährt man auch, dass die Bereitschaftspolizei „ein Männerverein“ ist. Im Stil einer unsichtbaren Beobachterin wirft Marie Wilke sehenswerte Blicke hinter die Kulissen der Polizeiausbildung. Dank der gelungenen Balance aus Nähe und kühler Unbeteiligtheit vermittelt der Film immer wieder das Gefühl, dass man nicht in der Haut dieser jungen Polizisten stecken möchte.

Benotung des Films :

Manfred Riepe
Staatsdiener
Deutschland 2014 - 80 min.
Regie: Marie Wilke - Drehbuch: Marie Wilke - Produktion: Matthias Miegel, Dirk Engelhardt - Kamera: Alexander Gheorghiu - Schnitt: Stefan Olivera-Pita, Jan Soldat, Marie Wilke - Verleih: Zorro / 24 Bilder - FSK: ohne Altersbeschränkung - Besetzung: Christian, Kathrin Cruz, Patrick Ehrlich, Ann-Kathrin Krauß, Viktor Seletsky
Kinostart (D): 27.08.2015

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001