Romance 2 – Anatomie einer Frau

(F 2004; Regie: Catherine Breillat)

Weiblicher Selbsthass

Kühl und artifiziell ist die experimentelle Versuchsanordnung, die Catherine Breillat in ihrem Film „Romance 2 – Anatomie einer Frau“ (Anatomie de l’enfer) etabliert. Die französische Regisseurin und Schriftstellerin hat dafür ihr Buch „Pornocratie“ adaptiert und als kammerspielartiges Zwei-Personen-Stück inszeniert, das in analytischen Sätzen und symbolischen Handlungen einen Diskurs über die prinzipielle Geschlechterdifferenz beziehungsweise die „Feindschaft zwischen Männern und Frauen“ entwickelt. Dabei wirkt der trocken sezierende Blick auf die Sexualität, vor allem aber auf das weibliche Geschlecht und seine metaphysischen Abgründe radikal desillusionierend. Zumindest die namenlose Protagonistin (Amira Casar), die sich zu Beginn des Films umbringen will („Weil ich eine Frau bin.“) scheint diesbezüglich von Ekel und Selbsthass erfüllt zu sein. Vier Nächte lang trifft sie sich in einem abgelegenen Haus am Meer mit einem Mann (gespielt vom italienischen Porno-Star Rocco Siffredi), um unter seinen Blicken etwas über sich und ihre Weiblichkeit zu erfahren.

Doch manchmal hat man den Eindruck, die Theorie gehe der Praxis voraus, was durch einen von Catherine Breillat selbst gesprochenen Text aus dem Off noch verstärkt wird. „Die Zerbrechlichkeit des weiblichen Fleisches erzwingt Abscheu oder Brutalität“, sagt die Frau. Und: „Der Frauenkörper lechzt nach Verstümmelung.“ Verhandelt wird in dieser ersten Nacht die „Obszönität der Frauen“, die, so die Behauptung, mit der geheimnisvollen Tiefe ihres Geschlechts, mit ihrer Weichheit und Schwäche verbunden sei. In der ebenso expliziten wie drastischen Auseinandersetzung mit dem Menstruationsblut, seiner „Unreinheit“ („Blut ohne Wunde“), aber auch seiner negativ besetzten Symbolkraft für das Leben, spitzt Breillat das Tabu der weiblichen Selbstverneinung noch zu.

„Die Frau ist die Krankheit des Mannes“, heißt es einmal in Erinnerung an die demütigenden Doktorspiele der Kindheit. Um das unersättliche Tier in ihr zu domestizieren respektive zu bezwingen, muss der Mann, so die These, die Frau gewaltsam unterwerfen. Es sei die Begierde des Mannes, die Frau zu töten, sagt sie zu ihm über sein Besitzdenken und seinen Zerstörungstrieb. Im Zurückschrecken des Mannes vor dem Unwiderruflichen und in seinem letztlich sexuellen Scheitern liegt sowohl ein schwacher weiblicher Trost als auch eine männliche Verzweiflung, deren Larmoyanz und Lächerlichkeit, belauscht bei einem Gespräch unter Männern, Breillats statischen, dunklen Film über die naturgegebene Feindschaft zwischen den Geschlechtern für einen Augenblick aufhellt.

Benotung des Films :

Wolfgang Nierlin
Romance 2 – Anatomie einer Frau
(Anatomie de l'enfer)
Frankreich 2004 - 77 min.
Regie: Catherine Breillat - Drehbuch: Catherine Breillat - Produktion: Jean-François Lepetit - Kamera: Giorgos Arvanitis, Guillaume Schiffman - Schnitt: Pascale Chavance - Verleih: Neue Pierrot Le Fou - FSK: keine Jugendfreigabe - Besetzung: Amira Casar, Rocco Siffredi, Alexandre Belin, Manuel Taglang, Jacques Monge, Claudio Carvalho, Carolina Lopes, Diego Rodrigues, João Marques, Bruno Fernandes, Maria Edite Moreira, Maria João Santos
Kinostart (D): 30.11.-0001

DVD-Starttermin (D): 19.04.2013

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt0348529/