Norte – The End of History

(PH 2013; Regie: Lav Diaz)

Konsequente Abwärtsspiralen

Der junge, überdurchschnittlich begabte Jura-Student Fabian Viduya (Sid Lucero) ist ein postmoderner Skeptiker, der alles in Frage stellt. Die Eröffnungssequenz von Lav Diaz‘ epischem Film „Norte – The End of History“ zeigt den zunächst sympathischen Intellektuellen im politisch-philosophischen Gespräch mit Kommilitonen in einem Café. Fabian spricht vom Ende aller Gewissheiten, von einem allgemeinen Werteverlust und von der geschichtsvergessenen philippinischen Gesellschaft, in der er lebt. Woraus er für sich die Konsequenz zieht, dem universitären Leben den Rücken zu kehren und auszusteigen, was seine Freunde trotz unverhohlener Ironie aufrichtig bedauern. Doch während er in seiner privaten Lebensführung nach Vereinfachung und Genauigkeit strebt, gewinnt sein starkes Gerechtigkeitsempfinden immer radikalere Züge. Bis er sich schließlich zu einem brutalen Tyrannenmord an einer reichen Geldleiherin und deren Tochter hinreißen lässt.

Der philippinische Filmkünstler Lav Diaz, der seinen widersprüchlichen Protagonisten an Dostojewskis Romanheld Raskolnikov aus „Schuld und Sühne“ anlehnt und mit der Figur zugleich Assoziationen zur Biographie des Diktators Marcos weckt, erzählt im Folgenden von den verzweigten Wirkungen dieser Tat. Sehr nuanciert und detailreich, langsam und präzise entfaltet er in mehreren parallelen Handlungssträngen sowohl die individuellen Dramen der Betroffenen als auch ein höchst differenziertes Gesellschaftsbild. Sein starker Realismus, der nur an wenigen Stellen ins Symbolische durchbrochen wird, zeigt aber nicht nur Fabians schuldbeladene Flucht vor sich selbst, seine Suche nach Vergebung und seine verzweifelten Versuche, seine nicht abstreifbare Herkunft gewaltsam zu zerstören; sondern er thematisiert vor allem auch, wie eine arme, unschuldige Familie an diesem gemeinen Verbrechen zu Grunde geht.

Weil ein ungerechtes, korruptes System den jungen Familienvater Joaquin Atilano (Archie Alemania) unrechtmäßig zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt, muss seine Frau Eliza (Angeli Bayani) alle Kräfte aufbieten, um sich, ihre zwei Kinder sowie die mithelfende Schwester durchzubringen. Lav Diaz zeigt ihr Schicksal mit all seinen Implikationen, durchbrochen von wenigen Hoffnungszeichen, in einer konsequenten Abwärtsspirale. Während dort Fabian mit der radikalen Auflösung seiner Familie beschäftigt ist, wird hier der tiefe Zusammenhalt der Familie von widrigen Umständen und schrecklichen Schicksalsschlägen torpediert. Die Armut gebiert immer größere Ungeheuer. Dem gegenüber sucht Fabian jenseits seiner Privilegien einen Weg ins Offene und Unbestimmte. Doch in Lav Diaz‘ Film bestimmt das Sein das Bewusstsein. Es gibt kein Zurück, allenfalls ein Darüber Hinaus, eine Transzendenz oder auch der Glaube an eine „göttliche Gerechtigkeit“, von dem die philippinische Gesellschaft, so legen es die verschiedenen Perspektiven des Films nahe, offensichtlich durchdrungen ist.

Benotung des Films :

Wolfgang Nierlin
Norte - The End of History
(Norte, hangganan ng kasaysayan)
Philippinen 2013 - 250 min.
Regie: Lav Diaz - Drehbuch: Lav Diaz, Rody Vera - Produktion: Raymond Lee - Kamera: Lauro Rene Manda - Schnitt: Lav Diaz - Verleih: Grandfilm - Besetzung: Archie Alemania, Angeli Bayani, Soliman Cruz, Miles Canapi, Sid Lucero, Hazel Orencio, Mae Paner
Kinostart (D): 25.12.2014

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt2852432/