Nicht böse sein!

(D 2006; Regie: Wolfgang Reinke)

„Kein Mensch lebt doch gerne alleine!“

In ruhigen Einstellungen gleitet die Kamera durch menschenleere Räume: Es ist die Wohnung Wolfgangs, der mit seinen beiden Mitbewohnern Dieter und Andi in einer Altherren-WG zusammen lebt. Die Kamera schwenkt in ruhigem Gleichmaß die Wände ab, fokussiert den Schmutz, die Schränke, den dreckigen Boden und findet Details: einen verbeulten Topf, einen Stromzähler, eine improvisierte Schlafstatt im Badezimmer, eine Spritze, dann Bücher eines Autors namens J. W. Siegner. Fixpunkte, um die sich der Film drehen wird, ohne dass man das bereits wüsste. Die Männer jedoch sind draußen, machen einen Ausflug vor der Stadt, sitzen am Fluss, spielen Gitarre, spielen Schach, trinken Bier in der wärmenden Sonne. Die WG, ja, die sei wie eine Ehe: Man kenne sich seit Ewigkeiten, liebe sich vielleicht irgendwie und streite verbittert, habe sich manchmal auch nichts mehr zu sagen, die Themen wären durch. Da setzt Andi zum siegreichen Zug an … Andi: „Schach matt!“, Wolfgang: „Jepp.“

Das Besondere an Reinkes Dokumentarfilm wird also sofort und nach wenigen Minuten klar: es ist die ungewöhnlich einfühlsame, respektvolle und klug gewählte Annäherung an sein Sujet, eine Abbildungsstrategie, die gekonnt die Klippen einer sensationsheischenden Boulevardskandalisierung umschifft. Denn Reinke wählt eine diametral entgegengesetzte Taktik: Annäherung durch Ernstnehmen des Gegenstandes, durch ein unaufgeregtes, ruhiges Herantasten an die fragilen Existenzen. Und dabei wäre es ein leichtes gewesen, schockierende Bilder mit Magengruben-Impact zu montieren, unterlegt mit unheilvoller Musik vor dem Hintergrund der grauen Metropolentristesse Marke Berlin: denn schließlich sehen wir drei suchtkranken Männern beim Überleben zu. Einem schweren Alkoholiker, der ohne Schnaps schon lange nicht mehr sein kann (Wolfgang), einem Heroinabhängigen, der seit dreißig Jahren an der Nadel hängt (Dieter), und einem etwas jüngeren Ex-Knacki, der nicht nur ausgiebig trinkt, sondern ebenfalls dem Venengifte frönt (Andi). Nicht auszudenken, wie dieser Film aussähe, wäre er als Fernsehproduktion eines Privatsenders realisiert worden.

Doch diese Angemessenheit ist erst der Ausgangspunkt, von dem aus sich der Film in die Biographien hinein tastet. In die Kindheiten und Adoleszenzen, die Beziehungen zu den Eltern, den Wünschen und Sehnsüchten. Ein Blick zurück in Zeiten, als das Leben noch Optionen bereit zu halten schien. Genauso aber tastet sich der Film an das komplexe Miteinander der Freunde heran, die beinah auch immer Feinde zu sein scheinen. Es wird gezofft und konsumiert, philosophiert und gepöbelt, geweint und getröstet. Man kümmert sich, kocht zusammen und duldet die Schwächen des Andern – und findet ihn zugleich ätzend, bisweilen unerträglich, zum Ausrasten blöde. Manchesmal scheint es, als wären die einzigen Gemeinsamkeiten der drei Männer die Einsamkeit, das Ausgestoßensein und der enorme Zigarettenkonsum.

Reinke hält sich auch mit anderen Standards des Dokumentarfilms zurück: in „Nicht böse sein!“ findet sich etwa kein Kommentator aus dem Off, es gibt keine Einführung in die Koordinaten Schauplatz, Zeit, oder Figuren. Es gibt keine Einblendungen am Bildrand. Ab und an hört man die Fragen des Interviewers, einmal, zu Beginn, werden die Namen der Personen wie in Buchkapiteln dazwischen geschnitten. Der Film bleibt so stets im Fluss, die Kamera innerhalb der Diegese, nie findet sich ein Kommentar von außen. Selbst auf Nachbarn, die sich über die Zustände in der Wohngemeinschaft empören, wartet man vergebens. Der Film nimmt den Zuschauer mit hinein in diesen inneren und sehr privaten Zirkel, und entlässt ihn erst wieder am Ende des Films. Auch eine Technik, die Reinke bis zum Exzess durchexerziert: die Nah-, bzw. Detailaufnahme. Gesichter zunächst, später dann das Saufen, das Drücken, das Weinen, die Verzweiflung. Die schmutzigen Fingernägel, die alten Klamotten und das offene Bein von Andi. Die schwarzen Zahnstümpfe Wolfgangs. Die harten Venen Dieters, der die Nadel nicht mehr hinein bekommt.

Es ist eine progressiv im Film zunehmende Annäherung, die durch die gewählte strukturelle Form beglaubigt wird, und die diese moralisch erst zulässt. Denn durch die zuvor geleistete Einführung der Charaktere, die Annäherung an den Menschen und das Menschliche selbst, verlieren diese Szenen ihr Skandalpotential, wenngleich sie natürlich immer noch enorm aufwühlend sind. Eine klug gewählte Strategie, die jeden Sensationstouristen in Sachen Film abschrecken dürfte. Emotional wird man hier in die Verantwortung geholt und eine grobe Distanzierungshaltung einzunehmen ist kaum möglich. Auch auf das ruhige Tempo dieses Films muss man sich einlassen. Dann allerdings wird man mehr als belohnt. „Nicht böse sein!“ ist auf seine eigene Weise ein ziemlich sensationeller Film.

Benotung des Films :

Michael Schleeh
Nicht böse sein!
(Nicht böse sein!)
Deutschland 2006 - 96 min.
Regie: Wolfgang Reinke - Drehbuch: Wolfgang Reinke - Produktion: Wolfgang Reinke - Kamera: Gines Olivares - Schnitt: Gines Olivares, Wolfgang Reinke - Musik: Christian Steinhäuser - Verleih: b-there / b-media - Besetzung: Adeline Schieferstein (Stimme)
Kinostart (D): 08.11.2007

DVD-Starttermin (D): 29.04.2011

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt0806675/
Link zum Verleih: http://www.nichtboesesein.de/