Moritz, lieber Moritz

(BRD 1977; Regie: Hark Bohm)

Obligatorische Stürze

Moritz, die zärtlich apostrophierte Hauptfigur im Film von Hark Bohm, hat, um die Kritik zweideutig zu beginnen, Probleme mit dem Verkehr. Kein schweres Kunststück, wenn man erst 15 ist und in den Siebzigern des letzten Jahrhunderts spielt/gedreht wird. Zuerst wird ihm das Mofa weggenommen, weil die Firma des Vaters bankrott gegangen ist, so muss er aufs Fahrrad umsatteln, aber wie das mit diesen Pubertierenden so ist, sie haben ihren Kopf immer da, wo er nicht sein sollte, so zum Beispiel am Schlüsselloch zum Bad, in dem sich die attraktive Tante allein oder zu zweit lustigen und ebenso ausgiebigen Schaumspielen hingibt, jedenfalls nicht im Straßenverkehr, welches hinwiederum leider nicht nur zu lapidaren Stürzen führt.

Was nun in dieser Einleitung wie eine Inhaltsangabe von so etwas wie „Eis am Stiel, Teil 56“, klingt, besitzt weitaus mehr Ebenen, denn der Film zählt zu den Exponaten des Neuen Deutschen Films, also jenes deutschen Autorenfilms, dessen Protagonisten in der Regel einen links-emanzipatorischen, aufklärerischen Anspruch mitbrachten, der im Idealfall aufgrund ihrer Ambiguität oder verwirrenden Melodramatik (Fassbinder) zu meisterlichen Kunstwerken, zu politischen Lehrstücken über Ausbeutung und Kapitalismus führte oder zu bedrückten Meditationen über den bundesrepublikanisch weitverbreiteten Zustand einer umfassenden Entfremdung, die der Kapitalismus und seine Entourage moderner Möglichkeiten/Technologien (bis heute übrigens) dem Menschen zumutet, deren Dogmatik schließlich das, was man damals als „Authentizität“ bejubelte, nur noch in einem ideologisch „verifizierbaren“ Maß zuließ.

Regisseur Hark Bohm nun lässt sich, und das hat sein Gutes, so richtig eigentlich keiner dieser Gruppierungen unterordnen, und noch vor ein durchaus vorhandenes politisch gefärbtes Engagement tritt bei seinen Filmen das Interesse an dem Mikrokosmos Adoleszenz bzw. seine Empathie mit Heranwachsenden und ihren Problemen. Man könnte Bohm, was diese Nähe zur Jugend betrifft, in eine Reihe stellen mit Regisseuren wie Michael Verhoeven oder später in den USA John Hughes, Richard Linklater oder Gus Van Sant, so unterschiedlich ihre Vorgehensweise auch sei.

Nach seinem großen Erfolg „Nordsee ist Mordsee“ von 1976, einem Film, der von zwei hamburger Jugendlichen aus einem „sozial schwachen“ Milieu handelte, erzählt Bohm mit „Moritz, lieber Moritz“ die Geschichte eines Jungen aus der hamburger Oberschicht, Spross einer alteingesessenen hanseatischen Kaufmannsfamilie – Hans Castorp und Hanno Buddenbrook lassen grüßen –, deren Firma gerade Konkurs angemeldet hat und deren Villa an der Elbchaussee Stück für Stück von Gerichtsvollziehern ausgeräumt wird.

Moritz (Michael Kebschull, typgerecht als hanseatisch wirkender Schauspieler wurde er auch in der TV-Serie „Buddenbrooks“ von 1979 als junger Thomas Buddenbrook besetzt) steht im Zentrum einiger, fast schon zu vieler, Spannungsfelder: Die Konkurs des Vaters macht auch vor ihm nicht halt, auch sein eigener Besitz wird gepfändet, seine Stereoanlage muss er vor den Vollzugsbeamten verstecken, von seinen Mitschülern auf dem Gymnasium wird er gemobbt, weil sein „Vater genauso wenig rechnen kann wie der Sohn“, dem Mathematiklehrer ist es völlig egal, ob die Schüler seinem Unterricht folgen können; überhaupt ist allen Erwachsenen (und der Institution Schule) gemeinsam, dass sie sich entweder nicht für Moritz und seine Probleme interessieren oder, wenn doch, dann ihn ganz einfach nicht verstehen.

Moritz wäre fast auf sich allein gestellt, gäbe es nicht seine Vorliebe für eklige Haustiere, wie eine Kröte und eine zahme Ratte und eine Verbundenheit mit der Großmutter, die, ins Altersheim verschoben, keinen Lebenswillen mehr aber leider ein zu gesundes Herz besitzt, um abtreten zu können. Auch das Thema Sterbehilfe gesellt sich so zu Moritz‘ Herausforderungen. Da würde es einer Teenagerseele normalerweise reichen, sich zu verlieben, aber das macht er so ungefähr noch nebenher.

„Moritz, lieber Moritz“ ist eine „Coming of Age“-Geschichte, der es an Drastik nicht mangelt: Was Moritz in dem relativ überschaubaren Zeitraum von wenigen Wochen erlebt, das möchte man einem normalen Menschen fürs ganze Leben nicht wünschen. Und hier folgt ein Spoiler für die, die nicht zu viel vorher wissen wollen: <<TEXTFARBE:FFFFFF>Moritz wird zum Mörder an einer Katze und zum Sterbehelfer seiner Großmutter, zwischendurch wird er Zeuge eines Autounfalls, bei welchem die Fahrerin eines PKW geköpft wird, Blutfontänen wie im Splatterfilm spritzen aus ihrem Rumpf. Spoilerende

Moritz also stellen sich die Hauptfragen des Lebens so spürbar konkret und nachdrücklich, dass man es ihm nicht verübelt, wenn er ein Ventil in der Kunst benötigt: ein etwas hochnäsiger Oberschüler, der er ist, ist Moritz natürlich ein Jazzfan und er spielt Saxofon. Was für ein Glücksfall, dass die Rock- und Popszene in den auslaufenden Siebzigern das Saxofon für sich entdeckt hat – und Moritz bei einem seiner obligatorischen Stürze mitsamt Saxofon vor einem Beatschuppen landet, dessen (proletarische) Band ihn sofort als Solisten adoptiert. Überhaupt lernt Moritz schnell, und hier kommt der Zeitgeist ins Spiel, dass Solidarität und Ehrlichkeit nicht in der Upper Class und nicht bei seinen intriganten Schulkameraden zuhause sind, sondern bei den Jungs von der Straße, hier wird auch er Freunde finden und überhaupt müssen Jungs irgendwann in ihrem Leben in einer Band gespielt haben, um an die kleine Blonde ranzukommen, nicht wahr? Was sich hier ein wenig nach Klischee anhört, kommt im Film auch ein wenig so rüber, aber wirklich absurd werden die Auftritte der Band deshalb, weil ihr steriler Sound (und der Sound von Moritz‘ Saxofon) offenbar in einem Tonstudio des Saxofonisten Klaus Doldinger (Tatort-Titelmusik) produziert wurde. Ein krasser Gegensatz zum Milieu wilder Jungs, welches uns zugleich geschildert wird und ein großes Manko in der Zeit, in der sich Punk oder Punk-ähnliches hätte anbieten können. Die Band spielt in einer Malocherkneipe Saubermann-Rock’n’Roll und Klaus Doldingers Saxofon fällt wirklich nichts Interessantes dazu ein …

Auch wegen Doldingers weichgespülter Filmmusik changiert „Moritz, lieber Moritz“ in seiner Tonart hin und her. Wenn am Anfang sich die Kamera von oben dem elterlichen Anwesen nähert, dann stimmt uns die Musik mental auf so etwas ein wie die Fernsehserie „Praxis Bülowbogen“. Faszinierend eklig und durchaus wieder in der Nähe des Horrorfilms aber dagegen sind Moritz‘ Rachefantasien, wenn er sich etwa vorstellt, seinem Mathelehrer bei lebendigem Leib Bienen in den Bauch zu einzunähen.

Unter dem Strich ist Moritz durchaus nicht lieb, aber er zeigt nachvollziehbare Reaktionen und Gefühle. Und er – und das zeigt eben auch der Film – ist ein Kind seiner Zeit und ein Kind des Hamburgs der siebziger Jahre. Es gibt Lokal- und Zeitkolorit, es gibt graue Betonschulen mit rücksichtslosen Lehrern, und es gibt eine Menge egoistischer Erwachsene (zur Hälfte gespielt von recht eindimensionalen Schauspielern), die sich nicht für andere interessieren, es gibt den Hamburger Hafen und es gibt, wer hätte das gedacht, den Kirchenchor von St. Michael. Auch den musste Hark Bohm noch in seinem Film unterbringen. „Moritz, lieber Moritz“ ist ein stilistisch schwer einzuordnender Film, zugleich ein veritabler Jugendfilm, der dennoch erst ab 16 freigegeben ist, ein Unikat in der deutschen Filmgeschichte, ein Film, der sich in der Erinnerung festsetzt, und darin beweist sich, trotz seiner Schwächen, seine Qualität.

Benotung des Films :

Andreas Thomas
Moritz, lieber Moritz
(Moritz, lieber Moritz)
Deutschland 1977 - 91 min.
Regie: Hark Bohm - Drehbuch: Hark Bohm - Produktion: Hark Bohm, Natalia Bowakow - Kamera: Wolfgang Treu - Schnitt: Jane Seitz - Musik: Klaus Doldinger - Verleih: Arthaus / Kinowelt - Besetzung: Michael Klebschull, Kyra Mladeck, Walter Klosterfelde, Elvira Thom, Kerstin Wehlmann, Uwe Bohm, Dschingis Bowakow, Grete Mosheim, Uwe Dallmeier
Kinostart (D): 30.11.-0001

DVD-Starttermin (D): 03.02.2011

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt0077947/