Monsters

(GB 2010; Regie: Gareth Edwards)

It’s All About Love

Unabhängiges Filmemachen erfordert nicht nur Hingabe, sondern ein gerüttelt Maß an Selbstausbeutung – und eine nicht geringe Zahl von Mitstreitern, die sich ebenfalls bereitwillig ausbeuten lassen. Wenn Spielfilm-Debütanten dann auch noch einen Science-Fiction- oder Horrorstoff umsetzen wollen, werden die Probleme umso größer, denn diese Genres erfordern aufwändige Set-Pieces und Spezialeffekte. So bleibt jungen Genre-Filmemachern eigentlich nichts anderes übrig, als ungewöhnliche Herangehensweisen zu finden und auf Effekte so weit wie möglich zu verzichten. Ein pseudodokumentarischer Ansatz wie in „The Blair Witch Project“ bietet sich dann besonders an, aber auch ein verschachtelter Zeitreiseplot, wie beispielsweise Shane Carruths angeblich für nur 7000 $ realisierter Film „Primer“ zeigt. Der britische Filmemacher Gareth Edwards hat nun eine sehr eigene Möglichkeit gefunden, sogar gleich einen richtigen Monsterfilm zu drehen. Ähnlich wie im (viel höher budgetierten) Hollywood-Spektakel „Cloverfield“ erzählt er eine Geschichte aus der Froschperspektive, beschränkt sich auf den Erfahrungshorizont seiner eher durchschnittlichen, hilflosen Protagonisten und erzählt letztlich zwar genregemäß von ihrer Flucht durch eine von Monstern bedrohte Welt, legt den Schwerpunkt aber auf eine stimmungsvolle Liebesgeschichte und exotische, vorgefundene Schauplätze. Die sporadisch eingestreuten Spezialeffekte hat Trickexperte Edwards selbst an seinem Rechner entworfen. Die Kameraarbeit hat er auch gleich übernommen.

Sechs Jahre bevor die Filmhandlung einsetzt, ist eine Sonde der NASA bei ihrer Rückkehr von einem Jupitermond über Mittelamerika zerbrochen. Dabei wurde außerirdisches Leben freigesetzt, und hundert Meter hohe, tintenfischartige Wesen bevölkern jetzt weite Teile Mexikos. In stundenlangen Gefechten werden sie vom US-Militär mit Raketen und Giftgas bekämpft. Der Fotograf Andrew Kaulder (Scoot McNairy) hofft, vor Ort rare und einträgliche Fotos von lebendigen Außerirdischen machen zu können, doch sein Verleger macht ihm einen Strich durch die Rechnung. Dessen Tochter Samantha (Whitney Able) liegt nämlich verletzt in einem mexikanischen Krankenhaus. Kaulder soll sie nun im Auftrag seines Chefs in Sicherheit bringen, das heißt: auf schnellstem Weg in die USA geleiten. Sam und Kaulder, die Tochter aus gutem Hause und der zynische, sensationshungrige Fotograf, können sich zunächst nicht besonders gut leiden. Ihre Zwangsgemeinschaft soll eigentlich nur von kurzer Dauer sein, denn die USA wollen die Grenze zu Mexiko abriegeln, deshalb ist Eile geboten. Aus Sicherheitsgründen wurde bereits eine gewaltige Mauer errichtet. Die letzte Fähre fährt aber schließlich ohne Sam ab, und deshalb bleibt den beiden Flüchtlingen nur der mühsame, gefährliche Weg übers Festland, durch die „Infizierte Zone“.

„Monsters“ beginnt mit verwackelten Bildern einer Schlacht, die gleich in mehrfacher Hinsicht auf eine falsche Fährte führen, denn mit der hektischen Handkamera-Ästhetik vieler Low-Budget-Horrorfilme (die ja nicht erst seit „Cloverfield“ längst im Mainstream angekommen ist) hat „Monsters“ rein gar nichts zu tun. Stattdessen entwickelt sich der Film zum atmosphärischen, gemächlich dahin fließenden Roadmovie, das in manchen Momenten hinsichtlich seiner Motive an Werner Herzogs Bilder aus Südamerika denken lässt. Mit einem fünfköpfigen Team, seinen beiden Hauptdarstellern und nur dem Grundriss eines Drehbuchs, ohne ausgearbeitete Dialoge, drehte Edwards an Schauplätzen in Guatemala, Belize und Mexiko. Alle weiteren Darsteller des Films, und das ist in manchen Fällen kaum zu glauben, sind Einheimische, die mehr oder weniger spontan zur Mitarbeit überredet werden konnten und deren improvisierter Text sich frei an den Vorgaben des Filmemachers orientiert. Diese Integration von Menschen und Landschaften in den Plot ist ziemlich beeindruckend. Edwards gelingen fantastische Bilder einer Reise, die per Lastwagen, Eisenbahn, Boot und zu Fuß übers Land und durch den Dschungel führt. Die Horrorelemente werden nur punktuell und sehr zurückgenommen eingesetzt. Eine Monsterbegegnung etwa spielt sich in fast völliger Dunkelheit ab, beinahe ausschließlich vermittelt durch die Tonebene – ein klassischer Kniff. Meist sind Trümmer, Lichter und die allgegenwärtigen Helikopter die einzigen Indikatoren für die Bedrohung. Dieser Minimalismus funktioniert über weite Strecken so gut, dass Edwards später sogar ziemlich deutlich Spielbergs „Jurassic Park“ und „Krieg der Welten“ zitieren kann, ohne dass es besonders stören würde.

Man möchte nicht aufhören, den Minimalismus des Films, seine Atmosphäre, seine Unaufgeregtheit zu loben – Schwächen gibt es trotzdem. Die beiden Hauptfiguren sind nicht sonderlich originell oder vielschichtig geraten, und die aufkeimende Zuneigung zwischen ihnen wird nicht unbedingt nachvollziehbar. Vor allem ihr konfrontativer Beginn, der schließlich zum Verpassen der Fähre führt, wirkt arg konstruiert. Bei der sonst vorherrschenden Leichtigkeit der Inszenierung fällt das umso mehr auf. Es wird nicht viel motiviert oder durchpsychologisiert, sondern nur angedeutet, und das ist wohl Absicht. In vielen Fällen funktioniert das sehr gut, etwa wenn Sam und Kaulder heimliche Telefonate nach Hause führen, bei denen deutlich wird, dass dort nicht alles rund läuft. Doch insgesamt täuschen die pointierten Dialoge ein bisschen darüber hinweg, dass gar nicht so viel passiert zwischen den beiden – und es manchmal sogar ein bisschen banal zugeht. Auch andere inhaltliche Aspekte werden in „Monsters“ leider nur wenig ausgearbeitet, was offensichtlich den Drehbedingungen und der daraus resultierenden episodischen Dramaturgie geschuldet ist. Die Entwicklung Kaulders etwa vom sensationshungrigen zum ethischen Fotografen, der das Leid schließlich doch nicht abbildet, als er es endlich findet, vollzieht sich letztlich nur in einem Schritt. Und auch die viel versprechende, ironische Ausgangssituation, dass nun ausgerechnet zwei durchaus wohlhabende Amerikaner über die Grenze in die USA flüchten und sich dabei in die Abhängigkeit von Schleusern begeben müssen, wird nach dem Feilschen um den Preis für die letzte Fähre nur noch wenig vertieft und führt nicht mehr zu Konflikten.

Doch möglicherweise wollte Edwards das alles gar nicht, sondern einfach eine kleine, poetische Liebesgeschichte mit Tentakelmonstern erzählen, und dann soll es eben so sein. Und weil er ja doch vieles anders macht als üblich und unter widrigen Bedingungen stimmungsvolle Geschichten erzählen kann, sollte man vielleicht nicht zu sehr an seinem Debüt rumkritteln, sondern dessen Stärken loben und gespannt sein, wohin Gareth Edwards’ Reise noch führt.

Benotung des Films :

Louis Vazquez
Monsters
(Monsters)
Großbritannien 2010 - 94 min.
Regie: Gareth Edwards - Drehbuch: Gareth Edwards - Produktion: Allan Niblo, James Richardson - Kamera: Gareth Edwards - Schnitt: Colin Goudie - Musik: Jon Hopkins - Verleih: Capelight - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Scoot McNairy, Whitney Able, Kevon Kane
Kinostart (D): 09.12.2010

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1470827/
Foto: © Capelight