Lollipop Monster

(D 2011; Regie: Ziska Riemann)

Zum Jagen geboren

Die Welt ist bunt oder schwarz, die Kontraste sind hart, während die Gefühle in alle Richtungen ausbrechen und explodieren: Das unsichere, suchende Begehren zweier Teenager zwischen erwachender Sexualität und Selbstzerstörungstrieb, zwischen Trauer und Wut grundiert Ziska Riemanns Spielfilmdebüt, “Lollipop Monster”. Dabei ist bemerkenswert, wie die sexuelle Lust als anarchische Kraft in die spezifischen Ordnungen der vorgestellten Milieus, in Familien und Schule eindringt, Autoritäten aushebelt und geradezu destruktive Wirkungen entfaltet.

Bunt ist das Wochenendhäuschen der Familie Bach, irgendwo im Grünen außerhalb der Großstadt Köln; blond sind die Zöpfe der 15-jährigen Tochter Ari (Jella Haase), die im offenen Widerstand zu ihrer dysfunktionalen Familie steht, deren Liberalität und Toleranz jene Störungen und Hysterien erzeugt, die das labile Gefüge förmlich implodieren lassen. So ist Sohn Jonas (Janusz Kocaj) ein jähzorniger Simulant, die harmoniesüchtige Mutter bekämpft den Kontrollverlust mit übertriebener Sorge und der bildungsbürgerliche Vater hat sich längst ausgeklinkt. Aris Welt ist rot: Sie ist das Candy-Girl „out of control“, das sich auf der Suche nach „grenzenloser Freiheit“ von einem selbstverliebten Aufreißer entjungfern lässt und zum Abschied von der Kindheit die Wände ihres Zimmers schwarz anstreicht.

Oonas (Sarah Horváth) Welt wiederum ist schon schwarz: Die zeichnerisch begabte Tochter eines verschuldeten Künstlerpaars, das eine dunkle Fabriketage bewohnt, drückt ihre drängenden Gefühle mit dem Kohlestift aus, verehrt wie Ari die düstere Musik der fiktiven Band Tier (hinter der Alexander Hacke steht) und kleidet sich schwarz. Als ihr künstlerisch erfolgloser Vater Boris (Fritz Hammel) von seiner Frau Kristina (Nicolette Krebitz) ausgerechnet mit seinem eigenen windigen Bruder Lukas (Thomas Wodianka) betrogen wird und sich daraufhin erhängt, verwandeln sich Oonas Striche in zähnefletschende Monster. In ihnen verdichtet das sich selbst überlassene Mädchen jene traumatischen Erfahrungen aus Verlust, Trauer und Ohnmacht, die Oona in anderen Szenen auch zur Selbstverletzung treiben. Ziska Riemann, die als Comic-Zeichnerin bekannt geworden ist, spitzt diese dunkle Gefühlslage noch zu, indem sie die Handlung immer wieder in kurzen, flashartigen Animationen mit schwarzen Vögeln symbolisch verdichtet.

In „Lollipop Monster“ laufen die beiden Coming-Of-Age-Geschichten der beiden Mädchen so lange parallel nebeneinander her, bis sich Ari und Oona als Freundinnen erkennen und finden. Sie beziehen daraus eine ebenso ausgleichende wie energiegeladene Kraft, die ihr Unbehagen und ihren Widerstand nach außen lenkt und in eruptiver, wilder Entgrenzung entlädt, was sie zu wüsten, rebellischen Riot Girls macht. Ihre Gewalt richtet sich dabei immer stärker gegen jenes Raubtier in Menschengestalt, das als skrupelloser männlicher Verführer auftritt und das für die Freundinnen sowohl zum Objekt des Begehrens als auch zum feindlichen Hassobjekt wird. Die Ambivalenz dieser dunklen Triebnatur zwischen Lust und Zerstörung zieht sich von Anfang an durch „Lollipop Monster“, wenn der „Baron“ genannte Sänger von Tier im Lied „Instinkt“ singt: „Wir sind zum Jagen geboren.“

Benotung des Films :

Wolfgang Nierlin
Lollipop Monster
(Lollipop Monster)
Deutschland 2011 - 96 min.
Regie: Ziska Riemann - Drehbuch: Ziska Riemann, Lucy Van Org - Produktion: Wolfgang Cimera, Bettina Wente - Kamera: Hannes Hubach - Schnitt: Dirk Grau - Musik: Ingo Frenzel - Verleih: Edition Salzgeber - FSK: ab 16 Jahre - Besetzung: Sarah Horváth, Jella Haase, Sandra Borgmann, Janusz Kocaj, Rainer Sellien, Nicolette Krebitz, Thomas Wodianka, Fritz Hammel, Murali Perumal
Kinostart (D): 25.08.2011

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1817209/