Die Einsamkeit der Primzahlen

(I / D / F 2010; Regie: Saverio Costanzo)

Kindheitstraumata

Dieser Film macht den Zuschauer zu seinem Gefangenen. Bereits die überdimensionalen Vorspanntitel in Cinemascope, die einen förmlich anspringen, erzeugen mit forciertem Nachdruck diese fast aufdringliche Nähe, der man sich kaum entziehen kann. Saverio Costanzos Film „Die Einsamkeit der Primzahlen“, entstanden nach dem gleichnamigen Bestseller-Roman von Paolo Giordano, ist intensives Kino, das seine Zuschauer einem permanenten psychischen Druck aussetzt und auf emotionale Überwältigung zielt. Ein nahezu omnipräsenter Soundtrack und ein retardierender Handlungsfluss erzeugen immer wieder jene beklemmende, potentiell schicksalhaft Zuspitzung der Gefühle, die gleichermaßen von Gefahr und Schicksal umlagert ist. Wenig Freiheit lässt der Regisseur dem Betrachter aber auch in Bezug auf den Plot: Durch eine ebenso kompliziert wie geschickt verschachtelte Erzählstruktur, die verschiedene Zeitebenen miteinander verbindet, werden die notwendigen Informationen in kalkulierten Dosen verabreicht.

Vier Lebensphasen, die aus dem sich von 1984 bis 2008 erstreckenden zeitlichen Rahmen herausgegriffen werden, sind für das schicksalhafte, von Kindheitstraumata verdunkelte Beziehungsgeflecht der beiden Hauptfiguren konstitutiv. Was Alice und Mattia unabhängig voneinander und doch parallel in ihrer Kindheit erleben, wird sie in ihrem späteren Leben zu einsamen Außenseitern stempeln und zugleich ihre Seelenverwandtschaft begründen. Während der hochbegabte, introvertierte Mattia unter Schuldgefühlen leidet, weil er für das spurlose Verschwinden seiner Zwillingsschwester Michela mitverantwortlich ist, findet sich die nach einem Skiunfall gehbehinderte Alice den grausamen Hänseleien ihrer Mitschülerinnen ausgesetzt. Saverio Costanzo nutzt diese Konstellation, um in geradezu rauschhafter Dichte von den komplizierten Gefühlswirren der Pubertät und den psychischen Defekten von Familienbeziehungen zu erzählen.

Mattias Mutter rührt diesbezüglich sogar an ein Tabu, wenn sie zu ihrem Mann sagt, die Kinder hätten ihr Leben zerstört. Costanzo konzentriert sich in seinem Film allerdings mit allem Nachdruck auf die seelischen Wunden von Alice und Mattia, deren Liebe nur zögerlich zueinander findet und die wie zwei Ertrinkende miteinander verbunden sind. Schließlich lässt sich das Trauma nicht löschen, sondern allenfalls mitteilen.

Benotung des Films :

Wolfgang Nierlin
Die Einsamkeit der Primzahlen
(La Solitudine dei Numeri Primi)
Italien / Deutschland / Frankreich 2010 - 118 min.
Regie: Saverio Costanzo - Drehbuch: Saverio Costanzo, Paolo Giordano - Produktion: Mario Gianani, Philipp Kreuzer, Anne-Dominique Toussaint - Kamera: Fabio Cianchetti - Schnitt: Francesca Calvelli - Musik: Mike Patton - Verleih: NFP - FSK: ab 12 Jahre - Besetzung: Alba Rohrwacher, Luca Marinelli, Isabella Rossellini, Martina Albano, Arianna Nastro, Tommaso Neri
Kinostart (D): 11.08.2011

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1441373/