Leviathan

(RU 2014; Regie: Andrey Zvyagintsev)

Das hässliche Gesicht der Macht

Schon die ersten, intensiven Bilder einer rauen, ungestümen Natur an den Ufern der Barentssee im äußersten Nordwesten Russlands verheißen nichts Gutes. Verstärkt durch Musik aus Philip Glass‘ Oper „Akhnaten“ branden Wellen an massige Felsen, umspülen die Gerippe alter, verrosteter Schiffswracks sowie ein riesiges, als Metapher inszeniertes Walfischskelett. Das tosende Meer speit aus, was es zuvor verschluckt hat; und unter einem schweren, dunkelblau getönten Himmel verliert sich die Landschaft im Unendlichen. Doch das Abgerückte, Ferne ist zugleich gegenwärtig und nah.

Das zeigt sich andererseits in der zerrütteten Familie des cholerischen Automechanikers Kolia (Alexej Serebrjakow), der seinen Frust bevorzugt mit exzessivem Alkoholkonsum niederringt. Mit seinem pubertierenden, aufmüpfigen Sohn Roma (Sergej Pochodajew) aus erster Ehe ist er überfordert; dieser wiederum lehnt seine Stiefmutter Lilia (Jelena Ljadowa) ab, die unglücklich und teilnahmslos wirkt und in einer Fischfabrik arbeitet. Verschärft wird diese familiäre Situation durch ein Enteignungsverfahren, dem sich Kolia beharrlich widersetzt. Denn sein schön gelegenes Anwesen soll einem lokalen Bauprojekt weichen.

In Andrei Swaginzews neuem, hochgelobtem Film „Leviathan“ übernimmt der Moskauer Anwalt Dmitri (Wladimir Wdowitchenkow), Kolias Freund aus seiner Zeit bei der Armee, die Verteidigung. Der formelhaften, kalten Rechtsprechung, die als verlängerter Arm einer korrupten Bürokratie und als politisches Instrument des vulgären Bürgermeisters Vadim (Roman Madjanow) fungiert, will Dmitri Fakten entgegensetzen. Doch seine erpresserischen Methoden sind kaum besser als das perfide Machtgebaren seiner Kontrahenten, die ihre Ansprüche mit offenen Drohungen formulieren und dabei weder vor Beleidigungen noch vor brutaler Gewalt zurückschrecken.

Andrej Swaginzew zeigt auf beeindruckende Weise dieses hässliche „Gesicht der Macht“ in seiner ganzen moralischen Verkommenheit. Ebenso distanziert und sachlich wie ironisch entlarvt er polizeiliche Willkür, eine instrumentalisierte Rechtsprechung, hierarchische Machtstrukturen (und die Abhängigkeiten, die sie erzeugen) sowie die unheilige Allianz aus Kirche und Politik, die glaubt, an der „gleichen Front“ zu kämpfen und auf der Seite der „Wahrheit“ zu stehen. Unter Verwendung von Ellipsen aus verschiedenen Perspektiven erzählt, zeigt der vielschichtige Film aber auch, dass Betrug und Egoismus schon innerhalb der sozialen Beziehungen sowie in den persönlichen Verhältnissen nisten. Der verbreitete, ziemlich drastisch dargestellte Alkoholismus ist dabei nur augenfälligster Ausdruck gestörter Beziehungen und gesellschaftlicher Zerfallsprozesse. Wenn Kolia, der sich als Figur eines modernen Hiob verstehen lässt, am Ende von einem unbezwingbaren (staatlichen) Ungeheuer alles (nämlich Frau, Kind, Haus und persönliche Freiheit) genommen wird, erscheint die alte, schlechte Ordnung zementiert und gefestigt. Genauso schwer wiegt allerdings die trostlose Ausweglosigkeit, die sich darin ausbreitet.

Benotung des Films :

Wolfgang Nierlin
Leviathan
(Leviafan)
Russland 2014 - 140 min.
Regie: Andrey Zvyagintsev - Drehbuch: Oleg Negin, Andrey Zvyagintsev - Produktion: Alexander Rodnyansky - Kamera: Mikhail Krichman - Schnitt: Andrey Zvyagintsev - Musik: Philip Glass - Verleih: Wild Bunch - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Elena Lyadova, Vladimir Vdovichenkov, Aleksey Serebryakov, Anna Ukolova, Kristina Pakarina, Roman Madyanov, Aleksey Rozin, Sergey Pokhodaev, Lesya Kudryashova, Aleksey Pavlov, Alim Bidnenko
Kinostart (D): 12.03.2015

DVD-Starttermin (D): 15.01.2016

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt2802154/