Kennzeichen Kohl

(D 2009; Regie: Jean Boué )

Privates Glück mit Fahnenstange

„Wenn Helmut Kohl uns die Einheit gebracht hat, was hat dann die Einheit Helmut Kohl gebracht?“, lautet die leicht kryptische Frage, die neben anderen Jean Boués Dokumentarfilm „Kennzeichen Kohl“ zugrunde liegt. Stellvertretend für die bundesrepublikanische Befindlichkeit zwanzig Jahre nach der Wende, porträtiert der Filmemacher fünf Namensvetter des Altbundeskanzlers aus Ost und West. Entlang ihrer individuellen Biographien, in denen politische und gesellschaftliche Umbrüche markante Einschnitte bilden, entsteht dabei nicht nur eine deutsche Mentalitätsgeschichte, sondern auch ein soziales Bild und Psychogramm persönlicher Glücksvorstellungen. Erstaunlicherweise ist dieses trotz vieler Begrenzungen und Widrigkeiten von einer hohen Zufriedenheit gekennzeichnet.

Heimat und Familie, berufliche Sicherheit und Hobbys spielen dabei eine wesentliche Rolle. Vor allem der aus Oberschlesien stammende Helmut Kohl, der es nicht leiden konnte, von den Polen „Kol“ genannt zu werden, ist stolz auf seine deutsche Identität. Seit dem Dezember 1989 wohnt er mit seiner Frau am Jellinekplatz auf dem Heidelberger Emmertsgrund. Angekommen ohne Habe, hat sich das ebenso strebsame wie genügsame Paar nach und nach sein kleines Glück erwirtschaftet, zu dem auch ein Mercedes gehört sowie ein Gartenhäuschen mit Fahnenstange, an der Kohl die deutsche Flagge hisst. Dagegen scheinen bei seinen Namensvettern in Sachsen die Veränderungen nach dem Systemwechsel weniger bruchlos: Während Helmut Kohl aus Wolfen dem allmählichen Verschwinden seiner als Heimat empfundenen Plattenbausiedlung nachtrauert, sagt der Gastwirt aus der Friedrich-Engels-Straße in Crimmitschau: „Bis zur Wende lief es sehr gut, danach nur noch gut.“

So verdichtet Jean Boué den subjektiven Blick und die persönlichen Auskünfte der Porträtierten in einer durchgehenden Parallelmontage zu einer Art Deutschlandbild. Daneben ist sein aufschlussreicher Film aber auch das intime Dokument eines „Deutschland privat“, seiner kulturellen Eigenheiten und deren Ausprägungen im normalen Alltagsleben. Jenseits politischer Zeitläufte ist es vor allem das private Glück in der Familie, das die durchgängige Lebenszufriedenheit der Porträtierten ausmacht. Nur einmal, beim rheinland-pfälzischen Helmut Kohl aus dem kleinen Dorf Lorscheid, mischen sich leise Zweifel und ein Hauch von Desillusionierung in die gepflegte Ordnung, deren Routine der arbeitsame Familienvater oft als zu oberflächlich empfindet. Intensiver zu leben, nehme er sich immer wieder zum Jahreswechsel vor. Doch ebenso regelmäßig würden diese guten Vorsätze vom Alltagstrott einkassiert.

Benotung des Films :

Wolfgang Nierlin
Kennzeichen Kohl
(Kennzeichen Kohl)
Deutschland 2009 - 87 min.
Regie: Jean Boué - Drehbuch: Jean Boué - Produktion: Gunter Hanfgarn - Kamera: Uli Fischer - Schnitt: Thomas Wellmann - Musik: Eike Hosenfeld, Moritz Denis, Tim Stanzel - Verleih: Hanfgarn & Ufer - FSK: ohne Altersbeschränkung - Besetzung: Familie(n) Helmut Kohl
Kinostart (D): 02.09.2010

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1543314/
Link zum Verleih: NULL
Foto: © Hanfgarn & Ufer