Kinshasa Symphony

(D 2010; Regie: Claus Wischmann, Martin Baer)

„Singen ist zweimal Beten“

Ein Orchester, besetzt mit ausschließlich schwarzen Musikern, probt unter freiem Himmel den Gefangenenchor aus Verdis „Nabucco“. Während einer der Bratschisten damit beschäftigt ist, einen kaputten Scheinwerfer zu reparieren, schweift die Kamera immer wieder ab, um die chaotische Geschäftigkeit der kongolesischen Metropole Kinshasa abzubilden. Der Kontrast zwischen dem ästhetischen Tun der Musiker und den mit Müll übersäten Straßen könnte kaum größer sein. Doch geht es in dem Dokumentarfilm „Kinshasa Symphony“ von Claus Wischmann und Martin Baer keinesfalls um die Darstellung einander ausschließender Welten. Vielmehr betonen die beiden Filmemacher mit ihrer Montage die Gleichzeitigkeit kultureller Phänomene und dabei vor allem das Dennoch einer musikalischen Aktivität, die in Zentralafrika vielfach Befremden auslöst und einem widrigen Alltag buchstäblich abgerungen ist.

Denn die Mitglieder des ziemlich einzigartigen, seit fünfzehn Jahren bestehenden Orchestre Symphonique Kimbanguiste sind überwiegend Amateure und Autodidakten, die tagsüber in ihren Berufen arbeiten. Müde und hungrig fehlt ihnen am Abend oftmals einfach die Konzentration, um sich auf die strapaziöse Einstudierung von Beethovens 9. Sinfonie einzulassen, auch wenn der Musik des deutschen Komponisten ein „afrikanischer Rhythmus“ bescheinigt wird. Neben der schweißtreibenden Probearbeit unter der Leitung des Dirigenten Armand Diangienda, einem Enkel des kongolesischen Religionsstifters Simon Kimbangu, dokumentieren Wischmann und Baer anhand von Einzelporträts vor allem den schwierigen Alltag der Musiker. Wie bei den Proben ist hier viel Improvisation und Durchhaltevermögen gefragt. Dabei dient die Musik auch als Vehikel, den allgegenwärtigen Nöten zu trotzen und persönliche Probleme zu vergessen.

„Singen ist zweimal Beten“, sagt einer der Musiker über diese Freude an der Musik. „Kinshasa Symphony“ erzählt gewissermaßen die entbehrungsreiche Erfolgsgeschichte dazu, kommt jedoch über die teils arrangierte, teils schwelgerische Bebilderung der Gegensätze kaum hinaus. In ausgesuchten Bildern beschwören die Regisseure immer wieder die Schönheit inmitten von Chaos und Dreck, bleiben dabei aber zu oft an der exotisch reizvollen Oberfläche haften. Das wirkt in den Wiederholungen mitunter ausgestellt, plakativ und redundant. So fehlt dem Film „Kinshasa Symphony“ über weite Strecken eine soziale, politische und auch historische Vertiefung. Was hingegen beeindruckt, sind viele Ansichten eines ungewöhnlichen musikalischen Projekts, seiner hoffungsvollen Mitwirkenden sowie die Faszination über eine fremde Mentalität; und nicht zu vergessen: ein wunderbar gejazzter Ravelscher „Bolero“.

Benotung des Films :

Wolfgang Nierlin
Kinshasa Symphony
(Kinshasa Symphony)
Deutschland 2010 - 98 min.
Regie: Claus Wischmann, Martin Baer - Drehbuch: Claus Wischmann - Produktion: Jutta Krug, Lothar Mattner, Stefan Pannen, Holger Preuße, Petra Schmitz - Kamera: Martin Baer, Michael Dreyer - Schnitt: Peter Klum - Musik: Jan Tilman Schade - Verleih: Edition Salzgeber - FSK: ohne Altersbeschränkung - Besetzung: Armand Diangienda, Albert Matubanza, Joséphine Nsimba, Joseph Masunda
Kinostart (D): 23.09.2010

IMDB-Link: http://www.imdb.de/title/tt1592744/
Link zum Verleih: NULL
Foto: © Edition Salzgeber