Harms

(D 2013; Regie: Nikolai Müllerschön)

Ein Herz für alte Männer

Der Gangster-Film ist im deutschen Gegenwartskino quasi nicht vorhanden. Die wenigen Versuche, hierzulande an internationale Vorbilder von Scorsese bis Kusturica, von den Coens bis Guy Ritchie anzuschließen, setzen meist vor allem auf Härte, auf Drastik. Mit dem seit dem klassischen Film Noir im Genre beliebten fatalistischen Existenzialismus, unvermittelt direkter und exzessiver Gewalt und einem Hang zum Hartgekochten, Derben und politisch Unkorrekten (das über ein Sarrazin’sches „Das wird man doch noch sagen dürfen“ selten hinausgeht, oder auch nur: hinauswill), versuchten sich in der vergangenen Dekade zum Beispiel Regisseure wie Detlev Buck („Knallhart“) oder Yilmaz Arslan („Brudermord“) am Genre.

Schon mit den ersten Bildern von „Harms“, den Regisseur und Autor Nikolai Müllerschön und Hauptdarsteller Heiner Lauterbach ohne Fördergelder selbst produziert haben, ist klar, dass dieser Film da keine Ausnahme macht. Zunächst sehen wir eine Betonwand, dann das Close-Up einer Kakerlake, die eingefangen und in ein Glas gesperrt wird. Die eigentliche Handlung beginnt in einer klaustrophobischen Knast-Welt, die so knallhart ist, dass in ihr selbst eine Zahnbürste zur tödlichen Waffe wird. Sechzehn Jahre hat Harms (Heiner Lauterbach) gesessen, am nächsten Tag wird er entlassen. Sein verkniffenes Gesicht ziert ein üppiger Schnauzer, unter das rechte Auge hat er eine Träne tätowiert, auf den linken Arm ein Kreuz mit dem Wort „Faith“. Mit diesen äußeren Merkmalen korrespondieren eine Handvoll innere Eigenschaften: Treue, Loyalität, eine tiefe, stets spürbare, aber selbstverständlich nie ausgesprochene Traurigkeit ob des eigenen Scheiterns, der eigenen Antiquiertheit. (Und das Bild einer mafiösen Männlichkeit, das Lauterbach, der Aufhebung von Innen und Außen entsprechend, nicht darstellt, sondern verkörpert, ist tatsächlich so traurig antiquiert, dass man es sich ohne die unters Auge tätowierte Träne gar nicht vorstellen möchte.) In den 98 Filmminuten kann man sich vielleicht dies oder jenes über die Titelfigur zusammenreimen, erfahren tut man aber nicht mehr über ihn als in der ersten Szene im Gefängnis: Er ist ein Mann, der zu seinem Wort steht und für seine Freunde alles tun – nun, zumindest für sie töten und sterben – würde. Müllerschön und Lauterbach träumen vom Gangster als Figur in wenigen groben Strichen: ein Mann wie aus einem Stück geschnitzt. Fragt sich nur, was sie mit dieser Figur vorhaben.

Nun, zunächst einmal spulen sie einen gängigen Genre-Plot in wenigen groben Strichen herunter. Harms trifft draußen auf seine alten Kumpels und Komplizen. Mit ihnen beginnt er – wer hätte es gedacht? – bald das ganz große Ding zu planen: Einen Überfall auf die Bundesbank. Initiator der Aktion ist deren ehemaliger Vorstand, Menges (Axel Prahl), der – natürlich! – nicht nur gieriger und skrupelloser ist als die ganze Gangster-Gesellschaft zusammen, sondern sich letztendlich auch als brutaler herausstellt. So gerät der große Überfall – man hält‘s nicht für möglich! – zum großen Fiasko.

Der selige James Gandolfini sagte als Tony Soprano einst zu seiner Serien-Tochter, dass in der Welt da draußen vielleicht die 1990er seien, in seinem Haus aber sind immer noch die 1950er. In „The Sopranos“ ging es um die Kollision des so konstituierten Innen und Außen als Kollision verschiedener Epochen, verschiedener und – nur scheinbar? – unversöhnlicher Weltbilder und Wertsysteme wie Omerta und Psychotherapie. Das heißt auch, dass es in der Serie immer ein Außen zur Welt des Mafia-Bosses gibt, und die Handlung wird erst durch ein Verwischen der Grenze in Gang gesetzt: der Mafioso sucht sich Hilfe bei einer Therapeutin.

Für das Außen seiner Figur aber, für die Welt, die einen wie Harms vollständig abgehängt zu haben scheint, interessiert sich „Harms“ nicht wirklich. Folgerichtig führen die Milieustudien-Ambitionen, die Versuche, altbekannte Genre-Versatzstücke an die deutsche Gegenwartsrealität anzuschließen, ins Nichts. Am markantesten wohl, wenn sich Wettke (André Hennicke), einer von Harms Kompagnons, dessen Lieblingswort „Fotze“ ist, in einer – immerhin ziemlich komischen – Tirade gegen das Job Center ergeht. Aber auch was das unvermeidliche love interest des Protagonisten, die Prostituierte Jasmin (Valentina Sauca), anbelangt, die kaum mehr ist, als eine Aufwärmung des alten Klischees der Hure mit dem guten Herzen. Als Harms sie fragt, warum sie für den Sex mit ihm kein Geld nimmt, und sie nicht antworten will, wird er böse wegen diesem „Scheiß, den er nicht versteht“ – und den zu verstehen auch der Film keine ernsthaften Bemühungen unternimmt.

Das Prekäre am Gangster-Dasein, die nicht gerade fröhlich dreinblickenden, betagten Herren, die sich mit kleineren Geschäften über Wasser halten und ihre Zeit sonst mit „Risiko“ spielen zubringen, erinnert an „Donnie Brasco“. Ging es Mike Newell aber in seiner brillanten Satire um die Dekonstruktion eines glorifizierenden medialen Bildes des organisierten Verbrechens, darum, „die Familie“ als dysfunktionalste aller Familien zu zeigen, voller leerer Phrasen und anachronistischer Rituale, deren Mitglieder eigentlich ziemlich jämmerliche Witzfiguren sind – was sie aber nur umso gefährlicher macht –, zeichnet sich „Harms“ durch eine sonderbare Empathie für seine Figuren aus – hauptsächlich, aber beileibe nicht nur für den Protagonisten.

Am ehesten mag man dabei an Sam Peckinpah denken, auf dessen „The Wild Bunch“ dann auch zweimal relativ deutlich angespielt wird: in der einen Szene, in der Kinder einen Käfer quälen und dann, wenn die blutrünstigste der insgesamt nicht zimperlichen Action-Szenen eingeleitet wird, durch eine Reihe von Close-Ups der schallend lachenden Männergesichter. Natürlich erscheint das zunächst einmal alles furchtbar unsympathisch. Die Art, wie ein Welt- und Männerbild, das schon zu Peckinpahs Zeiten furchtbar unzeitgemäß war, einfach nur rekonstruiert wird (allerdings ohne die Reflexion über die eigene Unzeitgemäßheit und die formale und erzählerische Meisterschaft). Dass es in dem Film seiner Anlage nach nichts gibt, was sich der unentwegten hate speech seiner Männerfiguren gegen so ziemlich alles, was nicht deutsch, männlich und heterosexuell ist, widersetzen würde. Der Plot, der da, wo er nicht absolut altbekannt ist, sich von den Konventionen zu befreien sucht, nur umso berechnender wird. Trotzdem, ich kann mir nicht helfen: die schnörkellose effektive Inszenierung und die bedingungslose Liebe, die er seiner Hauptfigur entgegen bringt, machen ihn dann doch wieder auf recht sympathische Weise zu old school.
(Die Bemerkung, dass man von „Harms“ kaum erwarten sollte, dass er dem deutschen Gangsterfilm den Weg in die Zukunft weise, erübrigt sich wohl).

Benotung des Films :

Nicolai Bühnemann
Harms
Deutschland 2013 - 98 min.
Regie: Nikolai Müllerschön - Drehbuch: Nikolai Müllerschön - Produktion: Heiner Lauterbach, Nikolai Müllerschön, Alexander Funk - Kamera: Klaus Merkel - Schnitt: Andrea Zondler - Verleih: Kinostar - FSK: ab 16 Jahren - Besetzung: Benedikt Blaskovic, Martin Brambach, Hans-Maria Darnov, Blerim Destani, André Hennicke, Heiner Lauterbach, Helmut Lohner, Axel Prahl, Valentina Sauca, Friedrich von Thun
Kinostart (D): 12.06.2014

DVD-Starttermin (D): 28.11.2014

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt3539544/