Fräulein Julie

(N/IR/GB/F 2014; Regie: Liv Ullmann)

Wie Schaum auf dem Wasser

Der Fluss verbindet Anfang und Ende dieses Films: die Unschuld des Kindes mit dem tiefen Fall der späteren Frau, das luftige Grün der Natur mit den kalten Räumen eines herrschaftlichen Anwesens, die Blumen der Erinnerung mit den Blüten des Vergessens. Doch bevor sich seine klaren Wasser nach einer langen Mittsommernacht blutrot färben und sich ein aufreibender Geschlechterkampf seinem vorgezeichneten Schicksal ergibt, heißt es in Liv Ullmanns bemerkenswert theatralischer Adaption von August Strindbergs naturalistischer Tragödie „Fräulein Julie“ zuallererst: „Sie schien für die Leiden dieser Welt nicht geschaffen zu sein.“ Auf einen irischen Landsitz und ins Jahr 1890 verlegt, ansonsten aber mit großer Treue zur literarischen Vorlage, richtet die renommierte schwedische Schauspielerin und Regisseurin ihren Blick auf eine Frau, deren seelische Verletzungen von der Kindheit und dem frühen Verlust der Mutter herrühren und deren Scheitern letztlich in ihr selbst, ihrer starken inneren Zerrissenheit und einer tiefsitzenden Schwermut begründet ist.

Demnach wird Julie sich selbst und ihrem mangelnden Lebenswillen zum Verhängnis; und entsprechend wird sie, gespielt von der wunderbaren Jessica Chastain, als „seltsame Herrin“ eingeführt, die ihren Hund vergiften will und einen melancholisch getönten Nihilismus pflegt: „Wir treiben wie Schaum auf dem Wasser, bis wir untergehen.“ Die ebenso bezaubernde wie betörende Julie, die sich danach sehnt, ihren gesellschaftlichen Stand hinter sich zu lassen, ja „hinunter zu steigen“, kennt sich selbst nicht. Sie will „fallen“ und dabei tief in der Erde versinken wie in einem „schwarzen Loch“. Ganz im Gegensatz zu ihrem Diener, dem ebenso weltgewandten wie verführerischen John (Colin Farrell), der seine bäuerliche Herkunft hinter sich lassen möchte und vom gesellschaftlichen Aufstieg träumt. In einem erotischen Machtkampf zwischen den beiden wird dieser Konflikt im beiderseitigen Wechsel von Dominanz und Unterwerfung verhandelt.

Einzig Johns Verlobte Kathleen (Samantha Morton), die prinzipientreue Köchin des Barons, beharrt auf den für sie naturgegebenen sozialen Unterschieden, während ihre labile Herrin sich in widerstrebendem Wollen den Verführungskünsten ihres Dieners ergibt. Doch nach dem vollzogenen Beischlaf, von den Wirkungen eines übermäßigen Alkoholgenusses benebelt und überdies zerrissen zwischen Gefühl und Verstand, sind die gesellschaftlichen Schranken zwar vordergründig durchbrochen, aber noch lange nicht aufgehoben. Von Fluchtphantasien angestachelt und von Perspektivlosigkeit immer wieder gebremst, erfahren die Protagonisten ihre jeweilige Begrenzung, die schließlich für Julie zum vorgezeichneten Verhängnis wird.

Liv Ullmann zeigt die unausweichliche Verlorenheit ihrer Heldin als hysterisches Abgleiten in den Wahnsinn, während bei ihrem Gegenspieler ein durchaus schwankender, aber letztlich berechnender Charakter obsiegt, der sich in die alte Ordnung fügt. Ihre trockene, fast schon spröde Inszenierung wahrt die klassische Einheit von Zeit, Ort und Handlung und konzentriert sich dabei ganz auf das Gefühlsschauspiel der drei Hauptfiguren, deren leicht unzeitgemäß anmutenden Leidenschaften von den Symmetrien der weitläufigen, kalten Räume förmlich verschluckt werden. Die Lichtregie des Bildgestalters Mikhail Krichman begleitet Julies Absturz entsprechend mit einem Wechsel vom warmen Kerzenlicht ins Fahle, dezent unterlegt mit Musik von unter anderem Schubert, Schuman und Chopin. Mag sein, dass trotz aller Gefangenschaft, in zahlreichen bildlichen Rahmungen vergegenwärtigt, sich Anflüge von Freiheit in die steife Ordnung mischen. Wirklich modern ist dieses geradezu sachliche „Fräulein Julie“ wohl ganz bewusst aber nicht.

Benotung des Films :

Wolfgang Nierlin
Fräulein Julie
(Miss Julie)
Norwegen, Irland, Großbritannien, Frankreich 2014 - 133 min.
Regie: Liv Ullmann - Drehbuch: August Strindberg, Liv Ullmann - Produktion: Nina B. Andersson, Christian Baumard, Rita Dagher, Oliver Dungey, Aaron L. Gilbert, Marco Gilles, Bastian Griese, Margot Hand, Lutz Heineking, Teun Hilte, Synnøve Hørsdal, Alain Kappauf, Tristan Lynch, Patrick Murray, Julia Balaeskoul Nusseibeh - Kamera: Mikhail Krichman - Schnitt: Michal Leszczylowski - Verleih: Alamode Film - FSK: ab 12 Jahre - Besetzung: Jessica Chastain, Colin Farrell, Samantha Morton, Nora McMenamy
Kinostart (D): 22.01.2015

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt2667960/