Die Entbehrlichen

(D 2009; Regie: Andreas Arnstedt)

Entbehrlich

Es gibt durchaus Positives an diesem Film, wenn man etwas großzügig sucht und dabei wohlwollend ist. Schöne assoziative Montageeinfälle etwa, die zwischen verschiedenen, achronologisch erzählten Zeitebenen vermitteln und dem Film einen gewissen verbindenden Flow verleihen. Oder die Tatsache, dass heute offenbar tatsächlich noch einer Zeitung liest und von einer Reportage ganz betroffen ist, so dass er darüber dringend einen Film nach dieser wahren Begebenheit machen möchte, um sich mitzuteilen.

Damit hat es sich aber dann auch schon. Weil man einen Film inszenieren ja auch können muss, weil man von dem, was man mitteilen möchte, auch etwas verstehen muss; mehr zumindest, als man sich bei Wikipedia anlesen kann. Andreas Arnstedt hat aber, das muss man leider sagen, anscheinend wenig Ahnung von dem, was er beschreibt. Es ist die Geschichte der sozial prekären Familie Weiss: Die Mutter ist Alkoholikerin und in der Klinik, der Vater arbeitslos, aufbrausend und irgendwann tot, was Sohn Jacob nach außen hin verschweigt; er lebt fortan mit dem Vater, der tot hinterm Sofa liegt, allein in der Wohnung. Das harte Hartz IV-Milieu in Berlin, wo die Eltern die Klassenfahrt nicht zahlen können (oder wollen), wo cholerische Anfälle und Alkoholismus Alltag sind, wo einen Toten keiner vermisst: Daraus hätte man durchaus eine Art filmische Bestandsaufnahme der neuen Armut in Deutschland gestalten können, doch Arnstedt geht voll rein in den Betroffenheitskitsch, ins Klischee, lässt nichts aus – Neonazis und Gammelfleisch, Traum vom Superstar-Dasein und fehlende Kompetenz im Umgang mit Geld. Auch die andere Seite wird gänzlich karikaturesk gezeichnet, die Welt der Reichen, wo die schnöseligen Snobs die aufgebaute Fassade von der Familienidylle nur mühsam aufrechterhalten können.

Diese eindimensionale, völlig banalisierte Sicht auf die Zustände wäre an sich schon genug, um das Milieu zu denunzieren, mehr als es ein Sarrazin mit 1000 Büchern über die dumme Unterschicht je könnte. Dazu kommt aber noch Dilettantismus in Schauspielerführung, Dialogen, Inszenierung und Dramaturgie. Gut: es ist dies Arnstedts Debütfilm; doch leider kann man von nichts, was in dem Film vorkommt, sicher sein, dass es konzeptionell so geplant war, ob das jetzt so sein sollte oder ob der reine Zufall auf dem Regiestuhl Platz genommen hat. Nicht mal aus an sich guten Schauspielern wie André Hennike kann Arnstedt etwas rausholen, und Jacob-Darsteller Oskar Bökelmann kann sich unglücklich schätzen, für sein Darstellerdebüt in einem solchen Film untergekommen zu sein, der ihm den Karrierestart verstolpert.

Einen Trost gibt es: Spätestens, wenn Mathieu Carrière als irrer Alter mit Weltkriegs-Wahn auftaucht, der seine Gartenzwerge als Hitlerarmee ausstaffiert hat und in NS-Propagandafloskeln spricht, kann man sich getrost in die Metaebene des Lachens begeben. Und wenn dann am Ende des Films des Vaters Selbstmord durch den Strang gezeigt wird und der Sohn dies verhindern will, indem er sich unten dran hängt, ist der Höhepunkt der unfreiwilligen Komik erreicht.

Bin ich zu ungerecht? Irren sich tatsächlich all die internationalen Festivals von Hof und Saarbrücken, Brasilien und USA, Irland, China und Mexiko, die auch mitunter Preise für „Die Entbehrlichen“ vergaben? Sie können es ja selbst herausfinden; Sie sind gewarnt.

Benotung des Films :

Harald Mühlbeyer
Die Entbehrlichen
(Die Entbehrlichen)
Deutschland 2009 - 105 min.
Regie: Andreas Arnstedt - Drehbuch: Andreas Arnstedt - Produktion: Andreas Arnstedt - Kamera: Patricia Lewandowska - Schnitt: Sylvain Coutandin - Musik: Contriva, Masha Qrella - Verleih: drei-freunde - Besetzung: André M. Hennicke, Steffi Kühnert, Oskar Bökelmann, Ingeborg Westphal, Mathieu Carrière, Kathi Hahn, Axel Wandke, Maike Bollow
Kinostart (D): 30.09.2010

IMDB-Link: http://www.imdb.de/title/tt1425220/
Foto: © drei-freunde