Der Sommer mit Mamã

(BR 2015; Regie: Anna Muylaert)

Selbstverschuldete Unmündigkeit

Eigentlich scheint die Sache sonnenklar zu sein. Die agile Mittfünfzigerin Val (Regina Casé) lebt und arbeitet seit vielen Jahren als Haushälterin bei einer wohlhabenden Familie in São Paulo. Klaglos und mit kaum nachvollziehbarer Hingabe erträgt sie die Launen der zickigen Hausherrin Bárbara (Karine Teles), für deren verwöhnten 17-jährigen Sohn sie eine Ersatzmutter und für deren schwermütigen Mann Carlos eine Art Pflegekraft ist. Während die Herrschaften gelangweilt ihren Luxus genießen, lebt Val eingepfercht in einer winzigen Abstellkammer, vor deren Fenster sich obendrein noch eine hässliche Mauer befindet. Das klingt nicht gerade spannend. Warum sollte man sich diese Geschichte einer Dienerin antun, die mit 110 Minuten noch immer Überlänge hat?

In „Der Sommer mit Mamã“ geht es nicht, wie man erwarten könnte, um das Thema Ausbeutung und Klassengegensätze. Wie der thematisch ähnliche chilenische Film „La Nana – Die Perle“ von 2010 erzählt auch die brasilianische Regisseurin Anna Muylaert von einer zum Teil selbstverschuldeten Unmündigkeit. Von den ersten Augenblicken an überzeugt ihr Porträt einer Haushälterin durch stimmige Beobachtungen eines Mikrokosmos, dessen Gesetzmäßigkeiten man erst allmählich überblickt. Dank der durchdachten Art und Weise der Bildgestaltung hat man von Anfang an Lust, diese Welt zu erkunden. Entsprechend sind die ersten zwanzig Minuten ganz aus dem Tunnelblick der umtriebigen Val erzählt. Meist hält sie sich in der Küche auf, ihr Erscheinen wirkt jedes Mal wie ein kleiner Theaterauftritt. Man spürt: Sie ist der gute Geist in diesem Haushalt, in dem alle missmutig aneinander vorbei leben und beim Essen apathisch auf ihren Smartphones rumwischen.

Spannung baut sich ganz allmählich auf, weil wir diese Lethargie aus der Sicht der Haushälterin wahrnehmen, die jedes noch so kleine Detail ihrer Tätigkeit mit einer unglaublichen Vitalität anreichert. Alles, was sie im Haushalt erledigt, ist – egal, um welche banale Routinetätigkeit es sich handelt – wichtig. Dabei spürt man allmählich, dass Val in ihrem Job nur deswegen so sehr aufgeht, weil sie mit einer Lebenslüge kämpft. Seit über zehn Jahren hat sie ihre Tochter nicht mehr gesehen, die sie nach einem Streit mit ihrem Mann bei einer Freundin im Norden Brasiliens zurück lies. Doch nun bezieht die inzwischen erwachsene Jessica (Camila Márdia) überraschend Quartier bei ihrer Mutter, um sich an einer Elite-Uni einzuschreiben. Ganz selbstverständlich erwartet Val von ihrer Tochter, dass auch sie sich gegenüber den Gastgebern so unterwürfig verhält wie sie. Doch Jessica ist aus einem anderen Holz geschnitzt. Sie verweigert die von ihrer Mutter für sie vorgesehene Rolle und löst so eine vergnüglich inszenierte Kettenreaktion aus. Während der Hausherr und dessen Sohn sich in die selbstbewusste Jessica verlieben, beginnt die Hausherrin der unwillkommenen Konkurrentin das Leben schwer zu machen.

Man denkt hier sofort an das eingebürgerte Modewort „Zickenkrieg“, das in diesem subtilen Film aber völlig unangebracht ist. Existenzielle Krisen und großes Geschrei gibt es in diesem zurückgenommenen Drama nicht. Als Jessica einmal von den Jungs beim Herumalbern in den Pool gestoßen wird, lässt die angewiderte Bárbara, die diese Szene heimlich beobachtet, angewidert das komplette Wasser austauschen. Ohne dass das Thema ausbuchstabiert würde versteht man unmittelbar, welchen Affekt die Hausherrin mit dieser überzogenen Aktion auslebt. Mit solch beiläufigen Beobachtungen schattiert der Film all seine Figuren nuanciert durch, und deswegen ist man als Zuschauer zunehmend gebannt.

Getragen wird „Der Sommer mit Mamã“ von Schauspielern, die nie zu dick auftragen. Camila Márdia spielt eine aufstrebende, junge Architektin, die aus ihrem Leben etwas machen will und sich für ihre Mutter schämt – dieser aber so die Augen öffnet. Regina Casé, brasilianischer TV- und Kinostar, glänzt als vitale Haushälterin, die die Kinder ihrer Arbeitgeber verhätschelt, in die Rolle als Mutter ihrer leiblichen Tochter aber erst hineinwachsen muss.

Die Autorenfilmerin Muylaert hat als Kritikerin gearbeitet und schon einige Filme inszeniert, die aber nicht in deutschen Kinos liefen. „Der Sommer mit Mamã“ verblüfft durch eine klare handwerkliche Linie. Jedes Bild ist mit erstaunlicher Präzision gestaltet. Nur wenige Szenen sind außerhalb dieses Kosmos’ einer modernistisch gestyleten, nicht zu protzigen Villa angesiedelt. Dennoch wirkt das zuweilen slapstickhafte Kammerspiel nie dialoglastig oder theaterhaft, weil die bemerkenswerte Kamera viel Gespür für Räume und Stimmungen beweist. Man lässt sich gerne in diese Szenerie entführen, die europäischen Zuschauern auf erfrischende Weise fremd erscheint, ohne gleich exotisch zu wirken. Das sehenswertes Porträt einer brasilianischen Haushälterin, die durch das unerwartete Auftauchen ihrer verlorenen Tochter eine interessante Entwicklung durchlebt, ist ein Film für Zuschauer, die Geschichten mögen, die sich ganz allmählich aus Detailbeobachtungen entwickeln.

Benotung des Films :

Manfred Riepe
Der Sommer mit Mamã
(Que Horas Ela Volta?)
Brasilien 2015 - 114 min.
Regie: Anna Muylaert - Drehbuch: Regina Casé, Anna Muylaert - Produktion: Claudia Büschel, Caio Gullane, Fabiano Gullane, Débora Ivanov, Gabriel Lacerda - Kamera: Bárbara Álvarez - Schnitt: Karen Harley - Verleih: Pandora - FSK: ohne Altersbeschränkung - Besetzung: Regina Casé, Michel Joelsas, Luis Miranda, Lourenço Mutarelli, Camila Márdila, Karine Teles
Kinostart (D): 20.08.2015

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt3742378/