Der Glanz des Tages

(AT 2012; Regie: Tizza Covi, Rainer Frimmel)

Bedingungslos zärtlich, schonungslos ehrlich

Laut ihrer Filmographie haben Tizza Covi und Rainer Frimmel in den vergangenen vierzehn Jahren vier Dokumentar- und zwei Spielfilme gedreht. Über das Schaffen des Paares ist mit solchen Kategorien allerdings rein gar nichts gesagt. In ihren „Dokumentarfilmen“ finden sich keine der genreüblichen Mittel, um den Zuschauer an der Hand zu nehmen, seine Aufmerksamkeit und sein Interesse zu lenken, also etwa ein Voice-Over, Interviews mit talking heads, „Stimmungsmusik“, etc. In ihren „Spielfilmen“ hingegen gibt es weder künstliches Licht noch extradiegetische Musik, die Dialoge werden nach groben thematischen Vorgaben improvisiert, und die Darsteller sind Laien, die sich selbst „spielen“. Die Filme von Covi und Frimmel sind Experimente, bei denen es darum geht, immer neue Wege zu finden, Menschen und ihre Alltagsrealität möglichst unverstellt, möglichst „natürlich“ auf Film zu bannen. (Um diese Arbeitsweise finanzieren zu können, gründeten die beiden übrigens 2002 die Produktionsfirma Vento Film. Zum Filmteam gehören neben ihnen – wenn überhaupt – nur noch ein Tontechniker.)

In „Das ist alles“ (2001) zeigten sie das Leben in einem kleinen Dorf in der Nähe von Kaliningrad, beobachteten, wie die Menschen dort wohnen, arbeiten und essen. Die russischen, armenischen und deutschstämmigen Bewohner erzählten – hier noch direkt in die Kamera – aus ihren bewegten Familiengeschichten, in denen denkbar unaufgeregt die großen Menschheitskatastrophen und Umwälzungen des zwanzigsten Jahrhunderts nachhallten. Dass es in den kleinen Geschichten Einzelner immer wieder auch um große soziohistorische Zusammenhänge geht, wird sich in den Filmen des Duos, ihrem alltagsethnologischen work in progress wiederholen. Ebenso wie das Thema der Entwurzelung, der „Heimat“ und ihres Verlustes.

Doch während Migration und Vertreibung für die Menschen in „Das ist alles“ noch – mehr oder weniger weit – in der Vergangenheit lagen, geht es in den folgenden Filmen um ein ganz und gar gegenwärtiges Leben on the road. Für „Babooska“ (2005) reisten Covi und Frimmel ein Jahr lang mit einem Wanderzirkus, mit der jungen Artistin Babooska und ihrer Truppe durch Italien. Anstelle der direkten Interaktion mit der Kamera trat hier die zunehmende Konzentration auf die Gespräche zwischen den Personen. „La pivellina“ (2009) setzte hier an, wieder geht es um eine Zirkusgruppe, die in einer Wagenburg am Rand von Rom lebt – und Patrizia Gerardi und Walter Saabel, die schon im Vorgänger auftauchten, spielen nun sich selbst, denn hier wurde zum ersten Mal das reale Setting durch eine fiktive Handlung gerahmt, deren Ausgangssituation ist, dass Patrizia zu Beginn des Films auf einem Spielplatz ein zweijähriges Mädchen findet, dass von seiner Mutter ausgesetzt wurde.

Vergleicht man „Das ist alles“ mit den Spielfilmen „La pivellina“ und „Der Glanz des Tages“, dann fällt auf, dass die Spielfilmform den Filmemachern die Möglichkeit gibt, sich noch weiter aus dem Film zurück zu nehmen. Wird in einer Interview-Doku die Kamera immer mitgedacht, weil sich die Sprechenden direkt an sie wenden, wäre das in einem Spielfilm ein Bruch mit der Realitätserzeugung. Dadurch, dass sich der Kamerablick verhält wie in einem Spielfilm, die Personen vor der Kamera aber so „real“ sind wie in einer Dokumentation, ergibt sich die nur scheinbar paradoxe Konstellation, dass die Spielfilme von Covi und Frimmel „realer“ – im Sinne von weniger inszeniert – wirken als ihre Dokumentarfilme.

In „Der Glanz des Tages“ erscheint mit Philipp Hochmair erstmals ein professioneller Schauspieler in einem Covi/Frimmel-Film. Am Anfang sehen wir ihn in einem Foto-Automaten, da salutiert er mit Halbglatze und Uniform. Die Uniform und die Halbglatze, das erfahren wir später, gehören aber gar nicht zu Philipp, sondern zum Hauptmann aus Büchners „Woyzeck“. Hochmair wird in der Maske für die Inszenierung eingeführt, die am folgenden Tag ihre Premiere im Hamburger Thalia Theater feiern wird. Im Interview sagte Covi über die Gründe für die Auswahl eines Theaterschauspielers als Hauptfigur: „Bei Philipp hat uns der Realitätsverlust interessiert, den man als ein vielbeschäftigter Schauspieler zwangsläufig erlebt. Man lebt in diesen intellektuellen Texten, ist immer jemand anderer, und wird dafür bewundert, was man nicht ist – nämlich für den Menschen auf der Bühne und nicht hinter der Bühne.“ Das Nomadenthema der vorangegangenen Filme wird dadurch wieder aufgegriffen, dass Philipp wegen seines Berufes zwischen Hamburg und Wien pendelt. Gleichzeitig wird es zugespitzt: Gerade die Figur, der es, was den sozialen Status anbelangt, wohl am besten geht im Covi/Frimmel-Kosmos, ist die „heimatloseste“ von allen. Philipp ist nicht einmal mehr in sich selbst zuhause.

Als Philipp in seine Hamburger Wohnung kommt, steht Walter vor der Haustür, der sich ihm als sein Onkel vorstellt, den er nie kennengelernt hat. Walter ist Zirkusartist und wird „gespielt“ von dem Zirkusartisten Walter Saabel, der hier zum dritten Mal in einem Film von Covi und Frimmel vor der Kamera steht.

Ging es in „La pivellina“ darum, wie das kleine Mädchen ihrer neuen Familie langsam ans Herz wuchs und anders herum, handelt „Der Glanz des Tages“ von der Annäherung zweier Männer. Hier wie dort sind es erdichtete Familienbande, die die realen Personen zueinander in Bezug setzen. Und die Konstellationen sind in beiden Filmen so gewählt, dass die Beziehung keine „natürlich“ gewachsene ist, sondern während des Filme(n)s langsam vor den Augen des Zuschauers entsteht.

Man könnte „Der Glanz des Tages“ als eine fiktive Geschichte beschreiben, die das Leben (mit-)schrieb. Unter anderem deshalb, weil sich der Drehplan an den Lebensumständen der Protagonisten orientierte und nicht andersherum. Dass der Film in Hamburg und Wien spielt, liegt daran, dass Hochmair während der Dreharbeiten sein Engagement wechselte. Durch den Umstand, dass Philipp im „Woyzeck“ mitspielt, ergibt sich ein interessanter Subtext. Die Beziehung zwischen dem Soldaten Franz Woyzeck und dem Hauptmann spiegelt die Beziehung von Walter und Philipp wieder, zwei Männer, die, so sagt es Walter einmal, beide im „Showgeschäft“ arbeiten und doch unterschiedlicher kaum sein könnten. Ein Dialog in der Garderobe, unmittelbar vor Beginn der Premierenvorstellung, bringt diesen Bezug auf den Punkt. „Du wärst auch ein guter Woyzeck,“ sagt Philipp im Hauptmannskostüm zu Walter, der resigniert antwortet: „Ja, ein Verlierer, das bin ich jetzt schon.“ (Und dass der wunderbare Walter Saabel, der alternde Artist a.D., dem viel jüngeren Profischauspieler ein ums andere Mal die „Show stiehlt“, nur zum Bespiel mit seinem sehr ausführlichen Bericht über den buchstäblich knochenbrecherischen Alltag eines Bärenringers, ist vielleicht dann eine klitzekleine Utopie, die sich in die Wahrhaftigkeit dieses Films einschleicht.)

Es ist verblüffend, wie sich in diesem Film, der, so Frimmel, „ein Experiment ist, bei dem man nie weiß, wie es ausgehen wird“, Bezüge zu den vorherigen Werken der Regisseure ergeben, die sich langsam zu einem eigenen auteuristischen Themenkosmos formieren. Victor, der Nachbar in Philipps Wohnung in Wien, stammt aus Moldawien; weil seine Frau kein Visum hat sondern nur Asyl, kann sie nicht zurück nach Österreich, und Victor ist nun allein mit den beiden Kindern. Im Interview erklärt Covi, dass Victors Situation auf Tatsachen beruhe: „Victor, ein Nachbar von uns, war tatsächlich von einem Tag auf den anderen alleine mit seinen beiden Kindern. Uns war es wichtig, auch eine Realität aus Wien zu zeigen.“ Zugleich knüpfen sie damit an das Thema der Migration an, das schon in „Das ist alles“ eine gewichtige Rolle spielte, und an das Motiv der fehlenden Mutter in „La pivellina“.

Wenn Walter seinen Geburtsort Schwabmünchen besucht, ergibt sich durch die Gespräche mit Gleichaltrigen in der örtlichen Kneipe auch ein Diskurs über den psychischen und physischen Missbrauch im Schulsystem vergangener Dekaden (und dass das, wie die Skandale der letzten Jahre belegen, durchaus nicht nur ein Problem der Vergangenheit ist, darf der Zuschauer selbst erkennen, ohne dass man ihn bevormundend darauf hinweisen müsste).

Wer nun aber anhand meiner umständlichen Ausführungen meint, die Vielschichtigkeit der Verzahnung von Realität (oder eher: verschiedener Lebensrealitäten) und Fiktion müsse eine ziemlich vertrackte Angelegenheit sein, der liegt kolossal falsch. „Der Glanz des Tages“ besticht durch seine Klarheit, seine Einfachheit. Die langen ruhigen, überwiegend halbnahen Einstellungen geben viel Zeit, um die Menschen und die (sozialen) Räume, in denen sie sich aufhalten, durch die sie sich bewegen, sehr genau zu beobachten.

Dass keines der behandelten Themen wirklich abschließend ausdiskutiert wird, dass das Ende ebenso offen bleibt wie in „La pivellina“ liegt in der Natur dieses wunderschönen, bedingungslos zärtlichen und schonungslos ehrlichen Films. Denn mit dem Abspann ist zwar der Film vorbei, nicht aber das Leben der Menschen, in das eineinhalb Stunden eintauchen zu dürfen, trotz all seiner Probleme, ein riesiges Glück ist.

Wie schon „La pivellina“ liegt auch „Der Glanz des Tages“ nun bei Filmgalerie 451 auf DVD vor. Als Bonusmaterial gibt es, neben dem 12-seitigen Booklet mit einem Interview mit den Filmemachern, ein paar Trailer für andere Veröffentlichungen des Labels sowie Untertitel in Englisch, Französisch und Italienisch.

Benotung des Films :

Nicolai Bühnemann
Der Glanz des Tages
Österreich 2012 - 90 min.
Regie: Tizza Covi, Rainer Frimmel - Drehbuch: Xaver Bayer, Tizza Covi, Rainer Frimmel - Kamera: Rainer Frimmel - Schnitt: Emily Artmann, Tizza Covi - Verleih: Peripher - FSK: ab 6 Jahren - Besetzung: Philipp Hochmair, Walter Saabel, Vitali Leonti
Kinostart (D): 26.09.2013

DVD-Starttermin (D): 10.04.2014

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt2333238/
Link zum Verleih: http://www.filmgalerie451.de/filme/der-glanz-des-tages/