Der Fan

(BRD 1982; Regie: Eckhart Schmidt)

Starkult und Kannibalismus

Die erste Einstellung zeigt Désirée Nosbuschs Augenpartie. Dazu hören wir einen Herzschlag, der sich beschleunigt. 'Italienische' wird diese Art der Einstellung im Fachjargon genannt, nach ihrem beliebten Gebrauch in den Spaghetti-Western von Leone und Co. Es ist bezeichnend für Eckhart Schmidts Film „Der Fan“, dass er, einerseits tief in der popkulturellen Gegenwart der Bundesrepublik im Jahr 1982 verwurzelt, doch andererseits gleich mit dem ersten Bild über die Enge seines filmhistorischen Entstehungskontextes hinausweist.

Das einzige Ziel, das die siebzehnjährige Simone (Nosbusch) vor Augen hat, das, was ihr Herz höher schlagen lässt und ihre Gedankenwelt, in die wir durch ein von ihr gesprochenes Voice-Over Einblick erhalten, bestimmt, ist der Sänger R. Verloren, beinahe schlafwandlerisch, wie in Trance bewegt sie sich durch die Stadt, schwänzt die Schule, wandelt die Treppen des Münsters empor, in Gedanken immer bei R. Wenn sie sich hinabstürzen würde in die Tiefe, einen Abschiedsbrief an ihn in der Tasche, so phantasiert sie, dann müsste er endlich von ihr und ihrer Leidenschaft erfahren. Gleichzeitig suggeriert dieser Anfang auch eine Nähe zur jugendlichen Protagonistin, die für die Erzählung bestimmend ist. Die eintönige Melancholie im ewigen Warten auf eine Antwort auf ihre Briefe an R macht sich der Film selbst zu Eigen, transportiert sie durch ihre Stimme aus dem Off und die immer gleichen Synthesizer-Klänge des Soundtracks der NDW-Gruppe Rheingold. Um auf Antwort zu warten, setzt sich Simone eine Frist von einer Woche. Siebenmal begleitet sie der Film zum Postschalter, um mit steigender Verzweiflung zu erfahren, dass kein Brief für sie gekommen ist.

Ihr Umfeld reagiert hilflos auf ihre Passion. Der Vater droht brüllend mit dem Erziehungsheim. Die Lehrer scheinen in ihrer Aufgabe, durch die Musik aus ihrem Walkman zu der Jugendlichen durchzudringen vollkommen resigniert zu haben. Um die kleinbürgerliche Enge der Verhältnisse geht es auch. Schmidt hat seine Geschichte um die grenzenlose Anbetung eines Stars gespickt mit Anspielungen auf den Nationalsozialismus. Zu Beginn wird ein Bild der Massen, die die Hände zum Hitlergruß erheben, übergeblendet mit der Sammlung von Zeitungsausschnitten von R an Simones Zimmerwand. Das Logo Rs ist ein doppelter Pfeil, der ein zackiges „SS“ ergibt. Schmidt sagt im Interview, dass er sich die Frage gestellt hatte, ob es der Star ist, der das Mädchen gerufen hat oder andersherum, und dass diese Frage sich auch im Bezug auf die deutsche Geschichte stellen lässt. War es Hitler, der die Deutschen gerufen, verführt hat, oder aber waren es die Deutschen, die sich ihren Führer herbeigesehnt haben? Bei den moralischen Ambivalenzen, auf die der Film deutlich hinauswill, ließe sich auch fragen, ob Simones Verehrung, ihre Sehnsucht nach R, zu groß ist oder ob es die Verhältnisse sind, die zu klein sind für eine solche Sehnsucht, in denen diese Form der Leidenschaft keinen Platz hat.

Jedenfalls nimmt das Teenage-Entfremdungsdrama der ersten Hälfte zunächst eine märchenhaft anmutende Wendung. Simone lernt R tatsächlich kennen. Auf der einen Seite gibt es dabei immer wieder die Affektbilder von Nosbuschs noch sehr kindlichem Gesicht. Einmal drückt sie es quietschend gegen einen Spiegel. Dann fährt die Kamera im Close-Up auf ihr Gesicht zu, um schließlich in ihren Mund einzudringen. An anderer Stelle tritt sie aus dem Schatten ins Licht einer Lampe, ihre Züge verfestigen sich, um sich sogleich aufzulösen in Trauer und Wut, in zwei Tränen, die ihr über die Wangen rinnen und zwei Schreien, mit denen sie gegen das Schicksal des verlassenen Groupies rebelliert. Schließlich die Großaufnahmen, in denen sie Blut von einem Messer leckt. Dem gegenüber steht der Star als reine Projektionsfläche für schmachtende Teenager-Sehnsüchte. Bodo Steiger, Sänger von Rheingold, spielt ihn betont steif und leblos. Auch wenn er das Mädchen benutzt und verlässt – oder eher: verlassen will –, scheint er doch nie zu einem eigenständigen Subjekt zu werden, immer Abziehbild für eine zeitspezifische, sehr androgyne Idee von Männlichkeit zu bleiben. Folgerichtig wird er einmal in einer Fernsehsendung umzingelt von Schaufensterpuppen gezeigt.

Schließlich entwickelt sich der Film im letzten Drittel zu dem, was Schmidt im gleichnamigen Blu-ray-Featurette „eine kannibalistische Lovestory“ nennt. Anstatt verlassen zu werden, zum Opfer nicht so sehr des Stars, sondern der eigenen Phantasie zu werden, die keine Entsprechung in der Realität hat, findet Simone einen Weg, ihren Star auf ewig für sich zu behalten. Die Art, wie Schmidt das bebildert, sucht im bundesrepublikanischen Kino ihresgleichen. Nicht nur, weil die logische Fortsetzung des – auch an sich schon verdammt unheimlichen, verstörenden – Hochglanzsex hier Nekrophilie und Kannibalismus sind, sondern auch aufgrund der geradezu atemberaubenden stilistischen Geschlossenheit der Inszenierung. Aufs Äußerste stilisiert, deutlich ästhetisiert werden in unterkühltem Blau Close-Up elektrisches Küchenmesser zu Mitteln der Fragmentierung von Körpern, wobei eher auf die Kraft der Suggestion gesetzt wird als auf blutige Details.

„Der Fan“ widersetzt sich nicht nur der sozialpädagogischen Auseinandersetzung mit seinem Thema und erzählt stattdessen eine wahrlich abgründige Liebesgeschichte, er sprengt auch die Grenzen der Kategorien und Genres und wird so zu einem einzigartigen und – bei allem Achtziger Jahre-Kolorit – zeitlosen Kleinod.

Nachdem „Der Fan“ schon seit Jahren auf einer – ebenfalls sehr ordentlichen – DVD vorlag, gibt es seit November 2014 vom Berliner Label CMV eine mustergültige Blu-Ray-Edition. Außer dem Film in exzellenter Bildqualität und auf Deutsch und Englisch finden sich auf der Disc verschiedene Trailer und Bildergalerien sowie das oben bereits zitierte Interview-Featurette „Eine kannibalistische Lovestory“. Eckhart Schmidt erzählt hier unter anderem auch von dem Skandal, der dem Film vorauseilte, weil Désirée Nosbusch die Nacktszenen beanstandete. Schmidt zufolge soll es ihr dabei lediglich um zwei Einstellungen gegangen sein, die er sich weigerte, aus dem Film zu kürzen, weswegen sie vor Gericht zog.

Benotung des Films :

Nicolai Bühnemann
Der Fan
Deutschland 1982 - 93 min.
Regie: Eckhart Schmidt - Drehbuch: Eckhart Schmidt - Produktion: Barbara Moorse, Martin Moszkowicz - Kamera: Bernd Heinl - Schnitt: Patricia Rommel, Eckhart Schmidt - Verleih: CMV Laservision - FSK: keine Jugendfreigabe - Besetzung: Désirée Nosbusch, Bodo Steiger, Simone Brahmann, Jonas Vischer, Helga Tölle, Klaus Münster, Ian Moorse, Wilfried Blasberg, Sabine Kueckelmann, Claudia Schumann, Nikolai Hoffmann, Michael Fluehme
Kinostart (D): 04.06.1982

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt0082361/