Deep in the Woods – Verschleppt und geschändet

(F 2010; Regie: Benoît Jacquot)

Magnetismus der Verführung

Obwohl Benôit Jacquots aktueller Film “Au fond des bois” im vergangenen Jahr das Filmfestival von Locarno eröffnete, war ihm hierzulande kein regulärer Kinostart vergönnt. Dabei stammt er nicht nur von einem der renommiertesten und interessantesten französischen Regisseure unserer Tage, sondern ist mit Isild Le Besco ebenso prominent wie kongenial besetzt. Zu brisant, spekulativ und vieldeutig schillernd war potentiellen Verleihern offensichtlich die tiefenpsychologische Geschlechterpolitik des Films, der rückhaltlos um eine besonders verwegene Amour fou kreist; oder einfach nur zu wenig gewinnversprechend. So ist es zumindest ein Trost, dass der Alamode Filmverleih Jacquots Film nun unter dem englischen Titel „Deep in the Woods“ auf DVD herausbringt, wobei die damit suggerierte Internationalität beim Kaufpublikum ebenso falsche Erwartungen und Assoziationen weckt wie der reißerische Untertitel („verschleppt und geschändet“) und die fragwürdige Genrebezeichnung des Films als „Erotikthriller“.

Der auf Gerichtsprotokollen basierende historische Fall, der sich im Jahre 1865 in der südfranzösischen Provinz zutrug, ähnelt in seinen Bildern und Motiven vielmehr einem romantischen Gespinst, das von einem unheimlichen Begehren beseelt ist. Benôit Jacquot übersetzt die irritierenden Kraftströme zwischen der gutsituierten Bürgerstochter Joséphine Hughes (Isild Le Besco) und dem zerlumpten Streuner Timothée Castellan (Nahuel Pérez Biscayart mit dämonischer Wildheit) zunächst in eine Dialektik von innen und außen und in ein subtil mehrdeutiges Spiel zwischen dem Subjekt und dem Objekt der Beobachtung. Die magisch durchdringenden, gar verhexenden Blicke des männlichen Begehrers überkreuzen sich gewissermaßen mit dem Erwachen der weiblichen Lust. Der Körper, der die Blicke des Voyeurs auf sich zieht, ist selbst von unbekannter Sehnsucht gespannt und bietet sich dar.

Jacquot inszeniert die Topoi dieser wechselnden Verführung, die das sexuelle Begehren und die Sehnsucht nach dem Verlust der Unschuld zusammenschließt, als romantisch düsteren Realismus. Wenn die Farben-Trikolore von Joséphines Kleidern in relativ schneller Abfolge von Weiß zu Rot und zu Blau wechselt, wenn die Kamera zärtlich den Nacken der schönen Nachtwandlerin ins Bild setzt, sie beim Flussbad beobachtet oder sie am Fenster stehend zeigt, wo der Blick in die unbestimmte Ferne eines wie gemalten Himmels geht, verklärt sich das Opfer in eine Phantasie und der Täter in ein Opfer. Doch zunächst dominiert die rohe Gewalt Timothées, der Taubstummheit vortäuscht, um sich die Nähe der ätherisch Schönen im Haus des Armenarztes Dr. Hughes (Bernard Rouquette) zu erschleichen und sie daraufhin in seine brutale Abhängigkeit zu zwingen. Der gespenstische Zauber der Hypnose illuminiert dabei die Vergewaltigungen mit magnetischer Kraft und verbindet die sexuelle Unterwerfung mit einer unterschwelligen Todessehnsucht.

Um ihre fast willenlose Hörigkeit zu erklären, sagt Joséphine später im Verhör: „Ich war nicht ich selbst.“ Sie habe sich lethargisch, wie in Trance gefühlt und dabei eine besondere Nähe zum Tod gespürt. Der mit übersinnlichen Kräften begabte Timothée wiederum gibt zu Protokoll: „Ihr Wille drang in mich ein. Sie hat alles gewollt.“ Es handelt sich also um die Darstellung einer doppelten Besessenheit, die Züge des Heiligen trägt und die als äußere Flucht in die titelgebenden Tiefen des Waldes – und im Weiteren mit dem Dickicht der Wildnis – auch die Tiefenschichten des Bewusstseins erkundet. Liebeswahn und Freiheitsdrang, Anziehung und Abstoßung durchdringen und vermischen sich wie das Blut und die Körpersäfte der Liebeskranken und machen aus „Deep in the Woods“ die dissonante Faszination einer betörenden Verstörung.

Benotung des Films :

Wolfgang Nierlin
Deep in the Woods - Verschleppt und geschändet
(Au fond des bois)
Frankreich 2010 - 102 min.
Regie: Benoît Jacquot - Drehbuch: Julien Boivent, Benoît Jacquot - Produktion: Philippe Carcassonne, Jens Meurer, Matthieu Tarot - Kamera: Julien Hirsch - Schnitt: Luc Barnier - Musik: Bruno Coulais - Verleih: Alamode - Besetzung: Jérôme Kircher, Isild Le Besco, Nahuel Pérez Biscayart, Bernard Rouquette, Mathieu Simonet, Jean-Pierre Gos, Luc Palun, Jean-Claude Bolle-Reddat
Kinostart (D): 30.11.-0001

DVD-Starttermin (D): 18.11.2011

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1695990/
Link zum Verleih: http://alive-ag.de/index.php?page=artikel&ArtikelNr=6412972