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Cosmos

(FR 2015, Regie: Andrzej Żuławski)

Das irrationale Gewicht der Existenz
von Wolfgang Nierlin

Immer gibt es Unterbrechungen und Interruptionen, Eingriffe und Überlagerungen. Was man eben noch zu greifen glaubte, entzieht sich im nächsten Augenblick oder kehrt in veränderter Gestalt wieder. Der Zusammenhang ist …

Immer gibt es Unterbrechungen und Interruptionen, Eingriffe und Überlagerungen. Was man eben noch zu greifen glaubte, entzieht sich im nächsten Augenblick oder kehrt in veränderter Gestalt wieder. Der Zusammenhang ist ebenso auf der Flucht wie es die Wirklichkeit und das Leben sind. Die Bedeutung, so scheint es, bleibt ein absurdes Begehren. Und der sprunghafte Sinn ist aufgelöst in Bruchstücken zahlreicher Zitate. In den verwegenen Filmen des polnischen Regisseurs und Schriftstellers Andrzej Żuławski, der über viele Jahre hauptsächlich in Frankreich gearbeitet hat, ist alles möglich, weil das Leben, wie er es sieht und darstellt, unmöglich ist. Mit überdrehtem Witz, überspanntem Schauspiel und surrealer Theatralik feiert sein Kino den Exzess und den Wahnsinn. Es ist unlogisch und irrational, turbulent und energetisch. Die Syntax seiner nervösen, übertriebenen, exzentrischen Sprache fließt in eins mit einem unmöglichen Inhalt. Wild, utopisch und frei evoziert der 2016 verstorbene Künstler in seinem letzten Film „Cosmos“ (2015) noch einmal die Kakophonie einer unmöglichen Existenz.

„Ich habe Angst vor dem Wald. Die Hälfte meines Lebens war ich in einem dunklen Wald, abgekommen vom Weg“, sagt der aus Grenoble stammende Jura-Student Witold (Jonathan Genet) bei seiner Ankunft in einem Ferienort an der portugiesischen Atlantikküste. Zusammen mit dem Pariser Modeassistenten Fuchs (Johan Libéreau), einer Zufallsbekanntschaft, bezieht er Quartier in der Familienpension des exzentrischen Paares Madame Woytis (Sabine Azéma) und Monsieur Léon (Jean-François Balmer). Witold ist ein nervöser, überreizter, paranoider junger Mann, der sein Studium hasst und sich zum Schriftsteller berufen fühlt. Geradezu obsessiv arbeitet er an einem neuen Manuskript, das von mysteriösen Zeichen in seiner Umgebung, besonders aber von seiner manischen Liebe zu Lena (Victória Guerra), der schönen Tochter des Hauses, beflügelt wird. Während sich der zunehmend liebekranke Künstler nach dem verführerischen „Monster mit grünen Augen“ verzehrt, versucht er zusammen mit Fuchs das Geheimnis der getöteten Vögel, die auftauchen und verschwinden, zu ergründen.

Weil Lena bereits an den smarten Architekten Lucien (Andy Gillet) vergeben ist, steigert sich Witolds verzweifeltes Verlangen zur wilden Raserei: „Stoppt diesen Wahnsinn, diese Unzucht!“ Verlockt vom Unbekannten und Unerklärlichen, beklagt er die „irrationale Organisation dieser Welt“, die Schönes und Hässliches vereint und deren Fluch er mit literarischen Mitteln zu bekämpfen sucht. In seiner Sehnsucht nach unverdorbener, reiner Liebe ist Witold ein Romantiker, der, delirierend angesichts einer unergründlichen Finsternis, „das Gewicht des Hier und Jetzt“ spürt, während er sich mit magischen, zunehmend zerstörerischen Kräften dem Vergehen entgegenstellt. Als „15 Minuten Unendlichkeit in einem Leben, in dem nichts gratis ist“, bezeichnet er die Spanne seines Glücks. Und an einer anderen Stelle sinniert er über das Rätsel der begrenzten Dauer, mit dem er vielleicht auch ganz allgemein die individuelle Existenz meint: „Seltsam, dass etwas davor ist und etwas dahinter.“

Andrzej Żuławski reflektiert dieses Thema in seinem preisgekrönten Film „Cosmos“ (Silberner Leopard beim Festival von Locarno), der auf dem gleichnamigen, aus dem Jahr 1965 stammenden Roman seines Landsmannes Witold Gombrowicz basiert, allerdings weit weniger stringent und philosophisch, als das hier klingen mag. Vielmehr folgt er mit seiner Übertreibungskunst primär verrückten Einfällen und eruptiven (sprachlichen) Ausdrucksformen, wofür die Zusammenkünfte der schrägen, dysfunktionalen Familie, zu der auch noch das durch eine Lippenwulst entstellte Dienstmädchen Catherette (Clémentine Pons) gehört, einen idealen Rahmen bilden. Hier kann die zeternde Hausherrin schon mal in eine augenblickliche Starre fallen, während sich ihr Mann in ein konvulsivisches Sprachwirrwarr hineinsteigert, um irgendwann zu bekennen: „Ich habe geliebt.“

Dieses Credo könnte trotz aller Sinnverluste, trotz zeitgeschichtlicher Schrecken, die hier via TV-Bildschirm im Hintergrund immer wieder präsent sind, sowie der von Witold diagnostizierten Leere hinter den menschlichen Masken auch Żuławski selbst und damit sein Werk inspiriert haben. Sein liebeskranker Künstler und mögliches Alter Ego findet mit seiner Angebeteten hinter den verwitterten, von Moos überwucherten alten Mauern eines Schlosses schließlich ein erhofftes Paradies, in dem er Schriftsteller und Lena, wie von ihr erträumt, Schauspielerin sein kann. In Żuławskis tröstlichem filmischem Vermächtnis, das ebenso persönlich wie universell verstehbar ist, kehrt im Abspann auf ironische, selbstreflexive Weise die Kunst ins Leben zurück. „Es gibt nichts mehr zu sehen“, sagt der alte Léon an einem Ende, das zumindest in der Fiktion des Films auch ein Anfang sein könnte.