Sundown

(MEX/SW/FR 2021; Regie: Michel Franco)

Die Zeit, die bleibt

Vom wolkenlosen, blauen Himmel strahlt unerbittlich die Sonne. Das Licht bricht sich auf den Wasserflächen an einem Strand von Acapulco und in den Swimmingpools der Hotels. Unter der gleißenden Helligkeit scheint sich die Linie des Horizonts ins Unendliche zu dehnen. Wo Himmel und Meer verschmelzen, wirkt die Zeit wie eine träge Masse, die sich in die Körper schleicht. Mehr dösend sowie von Alkohol und Tabletten benebelt, verbringt die Londoner Unternehmerfamilie Bennett ihre Ferientage in einem Luxushotel der mexikanischen Touristenstadt am Pazifik. Dass die beiden erwachsenen Kinder Alexa (Albertine Kotting McMillan) und Colin (Samuel Bottomley) zu Alice (Charlotte Gainsbourg) gehören und dass der schweigsame Neil (Tim Roth) der Bruder von Alice ist, wird erst nach und nach klar. Denn Michel Franco erzählt seinen Film „Sundown – Geheimnisse von Acapulco“ elliptisch, völlig schnörkellos und mit einem sehr sparsamen Informationsfluss; was wiederum mit der Sprachlosigkeit zwischen den Familienmitgliedern korrespondiert.

Eine untergründige, ungute Spannung grundiert das Geschehen aus Langeweile, Wellness und touristischem Zeitvertreib. Das Bild von den Fischen, die sich mit letztem Atem auf dem Trockenen winden, steht bezeichnenderweise am metaphorischen Anfang des Films. Die Gegenwart des Todes und die Zeit, die bleibt, von Francos traurig schönem Film in verschiedenen Facetten gespiegelt, bricht sich schließlich abrupt Bahn, als Alice vom Tod ihrer Mutter erfährt. Während sie mit den Kindern überstürzt abreist, bleibt Neil unter einem Vorwand zurück, als wolle er sich wie eine Art moderner Bartleby jeglicher Verantwortung oder Entscheidung entziehen und stattdessen es vorziehen, nicht zu handeln. Offensichtlich ohne Plan und Ziel checkt Neil in einem billigen Hotel ein, kappt seine Verbindungen und lässt sich treiben, indem er melancholisch und nachdenklich seine Tage Bier trinkend am Strand verbringt und bald darauf eine Beziehung mit der jungen Mexikanerin Berenice (Iazua Larios) eingeht.

Zwischen den beiden und ihren Körpern scheint es ein wortloses Einverständnis zu geben, denn Neil bleibt weiterhin passiv und stumm. Sein offensichtlicher Ausstieg aus dem gewohnten Alltag und einem nicht genauer definierten Leben folgt allerdings einem tiefer liegenden existentiellen Verzicht beziehungsweise einer lähmenden Verweigerung, die aus einem schicksalhaften Verhängnis kommt. Sehr genau beobachtet Michel Franco die schleppenden, geradezu hilflosen Schritte seines Helden in einer Umgebung beunruhigender sozialer Kontraste. Gewalt und die vielfältigen Formen von Ausbeutung und Prostitution sind hier allgegenwärtig. Als Neil irgendwann später auf sein Erbe verzichtet und Alice einem Attentat zum Opfer fällt, entsteht eine fatale Bewegung, die Neils Stillstand und der daraus resultierenden Schuld allerdings nichts anhaben kann. Seine traurige Selbstaufgabe, von surrealen Visionen, Angst und Schmerzen begleitet, kommt aus einem Schweigen, das letztlich absolut ist. Sein Nicht-Handeln ersehnt eine Freiheit, die sich in ihren Grenzen selbst verzehrt.

Sundown
Mexiko, Schweden, Frankreich 2021 - 83 min.
Regie: Michel Franco - Drehbuch: Michel Franco - Produktion: Michel Franco, Eréndira Núñez Larios, Cristina Velasco - Bildgestaltung: Yves Cape - Montage: Óscar Figueroa, Michel Franco - Verleih: Ascot Elite - Besetzung: Tim Roth, Charlotte Gainsbourg, Iazua Larios
Kinostart (D): 09.06.2022

IMDB-Link: https://www.imdb.com/title/tt15115280/
Foto: © Ascot Elite