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(FR 2021; Regie: Alice Diop)

Die Ränder des Herzens

Ein Auto schlängelt sich auf holprigen Pfaden durch einen Wald irgendwo vor Paris. Die Insassen sind angespannt und halten Ausschau nach etwas, dass sich dem Blick der Zuschauer*innen entzieht. Als der Wagen hält, steigt ein älterer Herr – seiner Kleidung nach könnte er zu einer Jagdgemeinde gehören – aus und erspäht durch sein Fernglas die für das Publikum weiterhin unsichtbar bleibende Beute am Horizont. An seiner Seite ist ein kurz vor der Pubertät stehender Junge zu sehen, der mäßig interessiert in die Landschaft blickt und so aussieht, als könne er sich durchaus etwas besseres vorstellen, als an einem wolkenverhangenen Herbsttag mit Opa und dessen Kameraden das Wild aus dem Unterholz zu scheuchen.

Rund um die RER B-Zuglinie, welche die weitläufige Region um das Pariser Zentrum auf der Nord-Süd-Achse durchquert, siedelt die französische Dokumentarfilmregisseurin Alice Diop, aufgewachsen in einem Wohnprojekt in Aulnay-sous-Bois, ihren Film „Nous“ an. In lose miteinander verbundenen Episoden zeigt sie darin unaufdringlich und einfühlsam Ausschnitte des Lebens, wirft ausgehend von den Individuen nach und nach Fragen zur Gemeinschaft auf und versucht sich so an einer Definition des titelgebenden Begriffes, die einer Ab- und Ausgrenzung geschickt aus dem Weg zu gehen versteht. Stattdessen baut die Regisseurin kleine Brücken zwischen Welten, die in direkter Nachbarschaft liegen, sich aus der Ferne aber eher skeptisch und kontrollierend durch ein metaphorisches Fernglas beobachten oder gar nicht erst wahrnehmen.

Und so zieht der Film von der Jagdszene zum Automechaniker, der in einem Lieferwagen schläft und seit 20 Jahren nicht mehr in seiner Heimat Mali war, vorbei am Holocaust-Mahnmal und ehemaligen Sammellager in Drancy, dessen Gebäudekomplex in den 1920er Jahren zunächst im Rahmen des Sozialen Wohnungsbaus errichtet wurde und vorbei an Jugendlichen, die in ebenjenem Wohnkomplex gelangweilt auf Parkbänken Musik hören und nichts mit sich anzufangen wissen und weiter zu einer öffentlichen Verlesung des Testaments König Ludwig XVI, das am 25. Dezember 1792 aus dem Gefängnis geschrieben wurde, und zu den Menschen, die andächtig und den Tränen nahe zuhören. Verbunden sind alle Szenen durch den Zug, der mal in weiter Ferne vorüber eilt und mal als ein schneidendes Rauschen nur zu hören ist. Jedes Fenster ein Leben, jeder Waggon eine Ort.

Die Episoden von „Nous“ sind durchzogen von Ungleichheit und Isolation, von Diskriminierung und der Suche nach Halt in der Auseinandersetzung mit der nationalen Vergangenheit. Und obwohl die Trennungen zunächst zu überwiegen scheinen, zieht Diop zarte Linien der Verbindung in ihren Film. Denn obwohl die von ihr porträtierten Menschen nicht viel zu sagen haben und auch die Dinge schweigen, erzählen sie genau dadurch von Gegenwart und Vergangenheit und davon wie beides miteinander verbunden ist und das Zusammenleben gestaltet. Verbindungen, die Geschichte zum Sprechen und in einen Dialog mit dem Hier-und-jetzt bringen, stellt Alice Diop auch darüber her, dass sie sich selbst und ihre Familiengeschichte behutsam in das Patchwork des Filmes einwebt. Alte Hi-8-Aufnahmen zeigen zunächst Erinnerungen an ihre Eltern. Ihren Vater hört man darin sagen, dass es ihm nie an Arbeit gefehlt hätte und das Leben in Frankreich in Ordnung gewesen sei. Trotzdem haben er und seine Frau eine Versicherung abgeschlossen, die es ihnen ermöglicht ihre Leichen nach dem Tod in den Senegal zurückzubringen. Auch die Töchter sollten diese Versicherung abschließen, obwohl Alice Diop nicht vorhat, in Senegal beerdigt zu werden. Es zählt zu den eindringlichsten Momenten des Filmes, als dieser Konflikt zum Thema wird.

Daneben begleitet die Regisseurin ihre Schwester, die als Pflegerin arbeitet und im Film zu tiefst berührende Hausbesuche bei älteren Menschen macht. Gerade in diesen Bildern wird Diops Ansatz und Ziel deutlich in den sozioökonomischen Umgebungen nach Ungleichgewichten und Ähnlichkeiten zu forschen; zum Beispiel auch die, dass Menschen, die nach Frankreich immigrierten, und ihre Nachkommen genauso selbstverständlich Teil der französischen Geschichte sind wie die Könige der Grande Nation, die in der Basilika von Saint-Denis begraben sind und derer in Gottesdiensten gedacht wird.

Wer Wir sagt, begibt sich auf schwieriges Terrain, denn häufig ist Wir ein Plural, der einen Singular meint und auf der Suche nach verbindenden Gemeinsamkeiten viel stärker auf das Außen und die Unterschiede verweist. Wir wird so zu einem begrenzenden Begriff, dessen Wissensanspruch selten aufgeht und der je nach Kontext etwas anderes bedeuten kann. Das Wir in „Wir schaffen das!“ aus dem Jahr 2015 ist nun einmal ein anderes als das in „Wir sind das Volk!“ aus demselben Jahr. Dass und wie in Wir eine Gesellschaft den Widerspruch zwischen Individuum und Masse verhandelt, ist auch deshalb komplex, weil nicht alle gleichermaßen Wir sagen können: Wer Geld und Macht hat ist dazu häufig eher in der Lage. Auf diesem Minenfeld stellt „Nous“ in einer Zeit von Individualisierungsprozesse und Polarisierungen die einfühlsamste Art „Wir“ zu sagen dar, ohne zu vereinnahmen und ohne patriotischen Parolen des Zusammenhalts und der Zugehörigkeit auf den Leim zu gehen.

Am Ende landet Diop noch einmal bei der Jagdgemeinde. Die Vorbereitungen sind abgeschlossen, es wird zur Jagd geblasen. Der ältere Herr vom Anfang ist sichtlich ergriffen vom Moment. Ein Dutzend Hunde werden von der Leine gelassen und stürmen in den Wald. Uniformierte Männer schwingen sich auf die Pferde. Stolz in den Augen. Dass diese Jagdszene den Film wie eine Klammer umschließt und damit auf formaler Ebene das Prinzip der Treibjagd – die ebenfalls über eine Umklammerung funktioniert – wiederholt, kann bei aller Sensibilität und Offenheit im Blick durchaus als deutlicher Kommentar auf die Bruchstellen der französischen Gesellschaft und eines kollektiven Identitätsgefühls gelesen werden. Das Fernglas wird hier endgültig zur Metapher, wenn mithilfe eines technischen Apparats, der Unsichtbares sichtbar und in gewisser Hinsicht auch etwas aufspüren soll, Entfernung überwunden und so etwas wie Nähe (künstlich) hergestellt wird.

Benotung des Films :

Ricardo Brunn
We
(Nous)
Frankreich 2021 - 115 min.
Regie: Alice Diop - Drehbuch: Alice Diop - Produktion: Sophie Salbot - Kamera: Sarah Blum, Sylvain Verdet, Clément Alline - Schnitt: Amrita David - Verleih: Totem Films (World Sales) - FSK: ohne Angaben - Besetzung: Ismael Soumaïla Sissoko, N’deye Sighane Diop, Pierre Bergounioux, Bamba Sibi, Marcel Balnoas, Ethan Balnoas
IMDB-Link: https://www.imdb.com/title/tt14038600/
Foto: © Totem Films