Nixen

(DE 2018; Regie: Katinka Narje)

Ablösungsprozesse in Rot und Blau

„29.9.1995“, sagt die Kinderstimme auf dem Tonband und kündigt einen Liedvortrag von Nene und Ava an, der von ihrer Mutter am Klavier begleitet wird. Später wiederholt sich die Szene: Die beiden jetzt erwachsenen Schwestern sitzen viele Jahre danach, ihre Rücken dem Publikum zugewandt, vor der großen Panoramascheibe eines Bungalows und blicken in den nächtlichen Garten, dessen Pflanzengrün sich in ihre Spiegelbilder mischt. Dann beginnen Nene (Lucy Wirth) und Ava (Odine Johne) im Sitzen eine Pantomime. Zur Musik wiegen sie ihre Körper und vollführen synchrone Bewegungen mit ihren Armen, bis schließlich ihre verspielt tänzelnden Hände zueinander finden. Noch immer bilden die beiden Schwestern eine innige, fast symbiotische Gemeinschaft, die keine fremden Störgeräusche oder unangenehme Erinnerungen duldet. Doch neben dieser tiefen Vertrautheit spürt man in Katinka Narjes bemerkenswert kunstvoll gestaltetem Debütfilm „Nixen“ von Anfang an auch schwelende Konflikte.

Doch noch ist das Haus mit seinen hellen, warmen und offenen Räumen wie ein modernes Refugium, abgetrennt von den Zumutungen draußen in der Welt einer namenlosen Stadt, wo die beiden als Kellnerinnen in einem schicken Café arbeiten. Während Nene, die ältere der beiden, als alleinerziehende Mutter der 7-jährigen Sabrina (Emelie Harbrecht) insgeheim von einer Karriere als Sängerin träumt, aber sich nicht recht traut, fühlt sich die unausgeglichen und unzufrieden wirkende Ava in ihrer Beziehung zu Alex (Roland Bonjour) unglücklich. Ebenso lustlos wie anhänglich sagt sie einmal zu ihm: „Ich will auch getragen werden.“ Obwohl Ava anlehnungsbedürftig und unselbständig ist, stößt sie ihren eifersüchtigen, meist abwesenden Freund immer wieder zurück, will sich schließlich sogar von ihm trennen. Doch die Los- und Ablösung gestaltet sich schwierig: Als Alex sie auffordert, den Bungalow und damit den liebgewordenen Raum aus Sicherheit und Geborgenheit zu verlassen, sucht Ava heimlich Schutz im Poolhaus.

Die Vertreibung aus dem Paradies und der gleichzeitige Verlust ihrer Jobs spitzen schließlich den geschwisterlichen Konflikt in seinem Wechsel zwischen Nähe und Distanz zu. Im kammerspielartigen Setting ihres poetischen Films choreographiert Katinka Narjes zusammen mit der Bildgestalterin Carmen Treichl in langen Einstellungen und fließenden Kamerabewegungen Prozesse der Anziehung und der Abstoßung. Zwischen Langeweile, Müßiggang und kindlichem Versteckspiel vollführen die beiden Schwestern im Flow leicht perlender Jazzmusik einen höchst farbintensiven Tanz, der aus den Verschlingungen der Abhängigkeit ins Freie führen soll. Während Nene als Farbe ein leuchtendes, potentiell kämpferisches Rot zugeordnet ist, verliert sich Ava in einem melancholischen, sehnsüchtigen Blau. Doch dann kommt es zu einer außerordentlich schönen Liebeserklärung, die originell über Bande gespielt und über Trennwände hinweg inszeniert wird; außerdem wagt Nene einen kleinen Konzertauftritt in der Lounge eines Hotels. Die Kleider der Schwestern sind jetzt weiß. Etwas gerät in Bewegung, öffnet sich, beginnt vielleicht neu.

„Nixen“ ist derzeit im OnDemand-Angebot von Grandfilm auf Vimeo zu finden:

Nixen
Deutschland 2018 - 82 min.
Regie: Katinka Narje - Drehbuch: Katinka Narjes - Produktion: Sabine Schmidt - Kamera: Carmen Treichl - Schnitt: Katinka Narjes - Musik: Kessler/Schwarz - Verleih: Grandfilm - FSK: ohne Angaben - Besetzung: Odine Johne, Lucy Wirth, Emelie Harbrecht, Roland Bonjour
Foto: © Grandfilm