Nicht eine afroamerikanische (Film)Kultur, sondern viele

von Nicolai Bühnemann


Teil 1: „Sweet Sweetback’s Baad Assss Song“ (Melvin Van Peebles, USA 1971)

In seiner Einführung zum Eröffnungsfilm begründet der Kurator der Reihe, Greg de Cuir Jr., ein Mann, dem man gerne zuhört, seine Entscheidung, sich in einer Reihe zum schwarzen Kino nicht auf schwarze Regisseur*innen zu beschränken (es werden etwa auch Filme von Robert Wise oder Sam Fuller gezeigt), damit, dass er sie nicht in ein Ghetto sperren wolle, „in yet another ghetto“.

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Ein Film: „Starring The Black Community“

„Rated X by an all white Jury.“

„Dedicated to all the brothers and sisters who had enough of The Man.“

Beim Sex kommt Sweet Sweetback zu Beginn zu seinem Namen. Beim Sex sehen wir ihn im Vorspann vom Jungen zum Jugendlichen zum Mann heranwachsen. Und wenn er später bei der Auseinandersetzung mit einer Rocker-Gang die Wettkampfdisziplin wählen darf (ausgetragen, genau: auf einer Rockerbraut), entscheidet er sich für „Fucking“ – und hat damit quasi schon gewonnen.

Zu jeder Menge Sex und, ja, auch Sexismus, zum (Selbst)Bild des hypersexualisierten schwarzen Mannes (den er auch selbst spielt) packt Melvin Van Peebles in „Sweet Swettback’s Baad Assss Song“ (1971), dem Klassiker der Moderne des unabhängigen afroamerikanischen Kinos noch die Politik, das (Selbst)Bild des ausgebeuteten, unterdrückten, gehetzten schwarzen Mannes; denn Sweetback ist auf der Flucht, vor den Bullen, dem Establishment, vor „The Man“.

Der Film findet für diese Flucht denkbar flüchtige Bilder. Mit einer wackelnd mäandernden Handkamera aufgenommen, belichtet er sie teilweise doppelt, legt sie über- und verschachtelt sie ineinander. Wenn diese rastlose, wie der Protagonist ewig gehetzte Kamera des Nachts über Gesichter in einem Auto und die Leuchtreklamen in den Straßen von Los Angeles wandert, sieht man bisweilen so gut wie gar nichts mehr. Wie mit den Bildern verfährt Van Peebles auch mit der Tonspur, indem er teilweise mehrere Schichten seines funky scores übereinanderlegt, die Dialoge mit den Menschen, denen der Gejagte und seine Jäger begegnen, bisweilen in Loops ablaufen lässt. Das Elend der schwarzen Community – Drogensucht, Prostitution, Armut, Polizeigewalt – in einer Endlosschleife, in der der Sprachrhythmus zu Musik wird, einem melodischen Aufschrei gegen das Unrecht.

Aus einer eigenartigen und -willigen Mischung aus bloßem Dilettantismus und unbedingtem Stilwillen entsteht eine Welt der reinen Dissonanz, eine Welt, in der – mehr und mehr – die Form zum Inhalt, und die dadurch selbst zur reinen Dissonanz wird. Anstrengend ist das alles schon. Das sollte es aber auch sein. Eine einfache Message hat der Film durchaus auch (man könnte sie mit einem seiner leitmotivisch wiederholten chants auf den Punkt bringen: „They bled your momma. They bled your poppa. They bled your brother. They bled your sister. But they won’t bleed me!“). Aber einfaches Message-Kino ist er ganz und gar nicht.

Über der letzten Einstellung, die die Hügel zeigt, über die Sweetback schließlich nach Mexiko enntkommt, erscheint die Texteinblendung: „Watch out a bad ass nigger is comming to your town to collect some dues.“ Und: „Written, directed, produced, edited and composed by Melvin Van Peebles.“

Vom 10. bis 31. März 2020 hätte das Berliner Kino Arsenal unter dem Titel „Black Light“ eine achtzehn Filme umfassende Reihe zum schwarzen amerikanischen Kino des Zwanzigsten Jahrhunderts gezeigt. Es handelte sich um eine Auswahl der letzten Retrospektive des Filmfestivals von Lorcano.

An dieser Stelle werde ich dieser Tage kurze Notizen zu den ursprünglich dort gezeigten Filmen schreiben. 

Foto: © BFI