La Gomera

(RO/FR/DE 2019; Regie: Corneliu Porumboiu)

Spleenig, vielsinnig, cinephil

Film Noir, das ist nicht nur, wenn’s düster, depressiv und dirty wird, sondern das ist vielmehr – zunächst und auch sinniger, witziger –, wenn der Taten- und Wissensdrang des westlichen Modell-Individuums (also meistens Detektiv, Cop oder Krimineller) sich heillos verstrickt: nämlich in die Welt, materiell wie sie ist. In dem rumänischen Krimi „La Gomera“ heißt das: Der Held, Cristi, ein Bukarester Polizist am Karriereende mit Glatzenbeginn und Bauchansatz, ist als Doppelagent für oder doch als Dreifachagent gegen die Mafia tätig, oft auch untätig. Auf alle Geschnisse reagiert er leicht überfordert bis angezipft, daher mitunter langsam oder gar nicht.

Aus einem Plan wird Verzettelung, und die wird Plot. Das ist die Welt – und des ist wöd, wie die Wienerin sagt –, zumal laut der abstrusen, aber stoisch durchgezogenen Storyprämisse: Cop Cristi (Vlad Ivanov) soll einen Gangster aus der Haft befreien, wird aber ständig überwacht (Minicams an jeder Tür und Wand, auch hinter einem Muttergottesbild); also muss er als Geheimcode die – tatsächlich existierende – Silbenpfeifsprache der Ureinwohner von La Gomera lernen; zu diesem Zweck muss er auf die titelgebende Kanareninsel und dort, wen wundert’s, erst einmal Atemtechnik üben, ergo der Lunge zuliebe viel im Meer schwimmen. Alles klar? Das ist Noir. Alles ein bisschen wie bei den Coen Brothers, aber ruppiger, weniger oberschlau, und – es nervt nicht.

In den Nebelwaldhügeln der Insel wie auch in Bukarests altsozialistischem Häusermeer wird gepfiffen, in Übersetzungsketten englisch, spanisch, rumänisch. Eine Matratze voller Geld wird als ganze geraubt. Ein Shootout wird auf einem Filmstudio-Set am Stadtrand abgewickelt. Zum Geheimmeeting in der Kinemathek ertönen Wildwestpfeifsignale aus John Fords Klassiker „The Searchers“, und im konspirativ genutzten Hotel läuft ständig dieser picksüße Jacques Offenbach-Walzer auf Schallplatte. Der Grund dafür ist Spleen und sonst rein nix; vermutlich heißt das Musikstück deshalb „Die Rheinnixen“.

Dreivierteltakt und Marschmusik aus dem von Tatendrang erfüllten späten 19. Jahrhundert umspielen dann das Finale, das unter den Laserlichttürmen einer touristischen Freizeitpark-Show in Singapur stattfindet. Zum Abspann wird’s recht wienerisch, samt Donauwalzer und Radetzkymarsch, es weht ein weit hergeholter, ferner Flair von K.u.K. (Nein, nicht der von Kurz u. Kogler, der weht ja im heutigen Wien und ist kein Flair, sondern kontinuierliche Rechtsdrift, dasselbe in Grün.) Diese Untermalungen sowie ein unversehens auf dem Krankenhauszimmerfernseher laufender rumänischer Resistance-Krimi aus den Seventies und der Auftritt von Julieta Szönyi, einer dortzulande aus dem Historien-Melodramen-Kino und -TV jener Jahre bekannten Schauspielerin (in ihrer ersten Filmrolle seit drei Jahrzehnten) – das ist hier Teil einer gustierenden Lust an Geschichtsbruchstücken: Fabulieren im Mystery, Schnabulieren in History, wie das Regisseur Corneliu Porumboiu schon 2006 mit seiner eskalierenden Politiknostalgie-Satire „12:08 jenseits von Bukarest“ inszeniert hat. (Wer sich den Spaß macht, Szönyis Filmografie auf der Internet Movie Database zu checken, stößt dort auf einen Titel von vor vierzig Jahren, der genauso lautet wie der von Porumboius vorigem Film und ein wenig so wie der von seinem aktuellem Film, gepfiffen in der lokalen Silbensprache, nämlich „Comoara“, zu deutsch: „Der (Gold-)Schatz“. Kein schlechtes Stichwort für den närrischen Noir „La Gomera“.)

© Alamode

Schön spleenig sind schließlich die Parallelen zwischen den drei Frauen, die dem Polizisten sagen, was er tun soll: Da ist seine trocken-resche Vorgesetzte (Rodica Lazar), die an allen Spuren dranbleibt und notfalls das Schießen selbst übernimmt, wenn nix weitergeht. Und da sind vor allem die beiden schwarzhaarigen Diven Szönyi und Catrinel Marlon als Cristis g’schaftige Mutter respektive Mafiakontaktfrau namens Gilda – ja, genau so wie Hollywoods Ur-Femme Fatale (im gleichnamigen Film mit Rita Hayworth von 1946). Beim Erstkontakt mit Cristi gebietet Gilda gleich einmal Sex, nämlich als Tarnung des Treffens unter dem Kamerawanzen-Auge der Überwachung, also kommt der etwas verdutzte Polizist, ohne dass er das angestrebt hätte, unter dem nackt auf ihm stöhnenden Körper der Femme Fatale zu liegen – ein grandioser Moment von Zum-Genießen-gezwungen-Werden. Und auch seine resolute Mutter zwingt den zwischen Gesetz und Gangs machinierenden Cop zu seinem Glück: Einen hohen Geldbetrag aus mafiöser Quelle, den Cristi im Geräteschuppen von Mutterns altem Garten verstecken wollte, hat sie zufällig gefunden und gleich der Kirche gespendet – der Priester solle als Gegenleistung für ihren Sohn beten, damit er doch noch normal werde. Die Mutter ist nämlich überzeugt, dass Cristi endlich eine Freundin braucht und überhaupt seine verdeckte Homosexualität eingestehen soll. Ob Film- oder Familiengeschichte: Die Alten spielen sich groß auf.

Das erste Wort, das unser Held, der Alles-Erdulder mit dem passenden Vornamen, im Mafia-Pfeifkurs auf La Gomera lernt, lautet „Ma-ma“. Als wär’s Cristi Geburt: Komm zur Welt, Baby (oder zumindest zur Sprache), alles Walzer, alles Noir! Wie die alte Gilda schon sang: Put the blame on Mum Fatale.

La Gomera
Rumänien, Frankreich, Deutschland 2019 - 98 min.
Regie: Corneliu Porumboiu - Drehbuch: Corneliu Porumboiu - Produktion: Marcela Mindru Ursu, Patricia Poienaru, Sylvie Pialat, Benoît Quainon, Janine Jackowski, Jonas Dornbach, Maren Ade - Kamera: Tudor Mircea - Schnitt: Roxana Szel - Verleih: Alamode Film - FSK: ab 16 Jahren - Besetzung: Vlad Ivanov, Catrinel Marlon, Rodica Lazar, Antonio Buil, Agustí Villaronga, Sabin Tambrea
Kinostart (D): 13.02.2020

IMDB-Link: https://www.imdb.com/title/tt7921248/
Foto: © Alamode Film