Little Joe – Glück ist ein Geschäft

(AUS 2019; Regie: Jessica Hausner)

Blumiges Glück einer dunklen Identität

Langsam bewegt sich die Kamera in der Vogelperspektive über die Pflanzen eines wissenschaftlichen Labors. Auf der ausgedehnten, hellen Fläche eines Gewächshauses sind die Züchtungen hinter Glas und unter optimalen Wärmebedingungen versammelt. „Little Joe“ heißt die seltsam langstielige Pflanze mit dem roten Blütenschopf, die durch genetische Manipulation entstanden ist und die von ihren Schöpfern als „blumige Innovation“ bezeichnet wird. Sie soll als eine Art Antidepressivum ihre zukünftigen Besitzer glücklich machen und ihr „Wohlbefinden optimieren“, indem sie über das limbische System Gefühle beeinflusst. Doch noch befindet sich „Little Joe“ im Test- und Entwicklungsstadium. Merkwürdig erscheint zunächst nur, dass eine im selben Raum benachbarte Pflanze namens „Flash 2“ abstirbt und der Hund einer Mitarbeiterin, der unfreiwillig eine Nacht bei den Pflanzen verbringt, verhaltensauffällig wird. Seine Besitzerin erkennt ihn deshalb kaum wieder: „Das ist nicht mehr mein Hund.“

Jessica Hausner inszeniert in ihrem neuen Film „Little Joe“ das titelgebende Gewächs von Anfang an als mysteriöses Objekt mit einem geheimen, noch unerforschten Eigenleben und erzeugt dadurch ein Klima der Ungewissheit und des Misstrauens. Als die Forscherin und alleinerziehende Mutter Alice (Emily Beecham) eine ihrer Schöpfungen als Geschenk für ihren pubertierenden Sohn Joe (Kit Connor) mit nach Hause nimmt, ändert sich in der Folge dessen Verhalten. Doch ist nicht klar, ob die ehrgeizige Wissenschaftlerin, zwiegespalten zwischen Erfolgsdruck und aufkeimenden Sicherheitsbedenken, darüber Gewissheit haben kann. Ist ihre Sicht auf den sich scheinbar verändernden Jungen vielleicht nur eine Projektion ihrer Trennungs- und Verlustangst? Und leidet die vielbeschäftigte Claire möglicherweise unter einem schlechten Gewissen, weil sie ihrer „doppelten Mutterrolle“ für die beiden Joes nicht gerecht werden kann? Wie ein Kind brauche auch „Little Joe“ Liebe und Zuwendung, heißt es einmal.

Auf subtile Weise verbindet Jessica Hausner ihren sehr kalkulierten Psychothriller mit Elementen des Pflanzenhorrors. Eine sehr artifizielle Bildsprache, die mit ihrem Blick auf sterile Flächen und abgeschlossene Räume das Geheimnisvolle akzentuiert, sowie irritierende Störgeräusche und Sounds verstärken kunstvoll diesen Genre-Bezug. Daneben führen eine prägnante Farbigkeit und Flötenmusik (von Teiji Ito) ins zeitlos Märchenhafte. Dass sich ein Geschöpf seinem Schöpfer entzieht und dabei zum unkalkulierbaren Risiko wird, gehört zum motivischen Kanon von „Mad Scientist“-Filmen und ihren mythologischen Vorläufern. Unter den Bedingungen der genetischen Forschung erhält diese Gefahr jedoch eine aktuelle Brisanz. Schließlich ist in Jessica Hausners beunruhigendem Gedankenexperiment das Überleben von „Little Joe“ an den Menschen als „Wirt“ gekoppelt. Ihre filmische Parabel geht von hier aus aber noch einen Schritt weiter, indem sie unsere unbekannten, uns selbst nicht bewussten Seiten der Identität befragt: Wie können wir wissen, wer wir wirklich sind?

Little Joe – Glück ist ein Geschäft
Österreich 2019 - 105 min.
Regie: Jessica Hausner - Drehbuch: Jessica Hausner, Géraldine Bajard - Produktion: Bruno Wagner, Bertrand Faivre, Philippe Bober, Martin Gschlacht, Jessica Hausner, Gerardine O'Flynn - Kamera: Martin Gschlacht - Schnitt: Karina Ressler - Verleih: X-Verleih - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Emily Beecham, Ben Whishaw, Kerry Fox, Kit Connor, David Wilmot, Phénix Brossard, Sebastian Hülk, Lindsay Duncan
Kinostart (D): 09.01.2020

DVD-Starttermin (D): 31.07.2020

IMDB-Link: https://www.imdb.com/title/tt9204204/
Foto: © X-Verleih